Söldner in Afghanistan unerlässlich

Verbündete drängen Präsident Karsai, umstrittene Wachfirmen nicht zum Jahresende auszuweisen

Hamburg/Kabul. Sie seien Sicherheitsfirmen bei Tag und Terrorgruppen bei Nacht, sie plünderten und stählen, überzögen Afghanistan mit Korruption, behelligten Zivilisten und bildeten mafiaartige Strukturen. Was der afghanische Präsident Hamid Karsai am 17. August über die ausländischen Sicherheitsfirmen mit ihren Söldnern und Wachleuten geäußert hatte, war an Deutlichkeit kaum zu überbieten. Karsai schloss seine Brandrede mit der Anordnung, alle diese Firmen sollten ihre Tätigkeit in Afghanistan innerhalb von vier Monaten einstellen, da sie den Kampf der Regierung gegen militante Islamisten behinderten.

Doch nun hat sich das Bild gewandelt - zwar hält Karsai offiziell weiterhin an seiner Haltung fest, weicht diese Position aber gleichzeitig immer weiter auf. Zunächst hatte der afghanische Präsident widerstrebend bewilligt, dass ausländische Botschaften und Hilfswerke auf ihrem eigenen Gelände weiterhin private Sicherheitsdienste beschäftigen dürften.

Jetzt aber wird Karsais Erlass grundsätzlich infrage gestellt - und die Hintergründe sind handfester Natur. Denn die in Afghanistan engagierten Staaten und Organisationen sehen sich nicht in der Lage, ohne Söldner ausreichende Sicherheit für ihre Missionen und Hilfsprojekte zu garantieren. Auch Deutschland lässt seine Botschaft in Kabul von einer privaten Firma sichern: dem in London sitzenden Unternehmen Saladin Security Ltd. Karsai wurde mit unverhohlenen Drohungen konfrontiert, dass Milliarden an Hilfsgeldern gestrichen werden könnten. Unternehmen ließen wissen, dass sie ihre Projekte zurückziehen würden, falls sie sich in puncto Sicherheit auf die als korrupt und unfähig geltende afghanische Armee verlassen müssten. Vor allem die USA übten hinter den Kulissen massiven Druck aus - allein die amerikanische Entwicklungsarbeit wird auf einen Umfang von 1,5 Milliarden Dollar geschätzt. Am Sonnabend rief US-Außenministerin Hillary Clinton bei Karsai an und legte ihm nahe, zunächst einmal die Viermonatsfrist zu verlängern.

Wie die "New York Times" gestern meldete, bat Karsai daraufhin um eine Liste von Hilfsprojekten, die ohne private Bewachung nicht umzusetzen seien. Der Präsident habe den ganzen Tag mit seinen Ministern und ausländischen Spitzendiplomaten beraten, um einen Kompromiss zwischen seiner Forderung nach Abzug der Sicherheitsfirmen und den Sicherheitsbedürfnissen der Verbündeten zu finden. "Die Liste der großen Projekte und Sicherheitsbedürfnisse sollten der afghanischen Regierung übergeben werden, und sie prüft sie dann und trifft eine Entscheidung", erklärte Karsai; die Verhandlungen darüber würden fortgesetzt. Die deutsche Regierung hat bereits durchgesetzt, dass die Firma Saladin auch künftig für die Sicherheit der deutschen Diplomaten sorgen darf.

Karsai hatte die Zahl der für ausländische Sicherheitsfirmen arbeitenden Afghanen im August mit 40 000 bis 50 000 angegeben. Im September 2009 war eine vertrauliche Statistik des US-Kongresses an die Öffentlichkeit gelangt, nach der allein das Pentagon im März des Jahres 68 197 sogenannte private contractors, darunter 9300 Amerikaner, nahezu 52 000 Afghanen und fast 7000 Söldner aus anderen Staaten - und nur 52 300 US-Soldaten beschäftigte. Inzwischen hat US-Präsident Barack Obama die Zahl der Soldaten um mehr als 30 000 angehoben.

Die Forschungsstelle des US-Kongresses hatte die Gesamtzahl der damals in Afghanistan und im Irak vom Pentagon beschäftigten Wachleute auf 207 000 beziffert - gegenüber 175 000 US-Soldaten an beiden Kriegsschauplätzen. Rechnet man die Zahl der von anderen Staaten und ausländischen Firmen angestellten Söldner hinzu, so dürften allein in Afghanistan derzeit rund 100 000 "contractors" Dienst tun. Die boomende Branche privater Sicherheitsfirmen setzt weltweit mehr als 100 Milliarden Dollar jährlich um.