Nach Abzug aus dem Irak

Strategie für Kriegsfall: USA wollen Iran "Zähne ziehen"

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Thomas Frankenfeld

Teheran soll in einem Bündnis mit Arabern die Möglichkeit zum Gegenschlag im Kriegsfall genommen werden. US-Strategie nimmt Gestalt an.

Hamburg. Der Abzug der amerikanischen Kampftruppen aus dem Irak hinterlässt ein gefährliches machtpolitisches Vakuum im Mittleren Osten. Mit Hochdruck sollen nun die noch verbleibenden 50 000 US-Soldaten bis zu ihrem Abzug im kommenden Jahr die irakischen Sicherheitskräfte ausbilden.

Es war der wohl folgenreichste Fehler des amerikanischen Prokonsuls Paul Bremer nach dem Einmarsch in den Irak und dem Sturz des Saddam-Regimes 2003, die irakische Armee komplett aufzulösen. Damit wurde nicht nur der Irak destabilisiert und vorübergehend gar zum Schlachtfeld eines Bürgerkrieges. Der hochgerüstete Irak des Tyrannen Saddam Hussein hatte einst ein machtpolitisches Gegengewicht zur aufsteigenden Macht Iran dargestellt.

Die irakische Armee ist derzeit aber nicht mal annähernd in der Lage, die schlagstarke iranische Armee zu neutralisieren. Die rasante konventionelle Aufrüstung Teherans und das Atomprogramm der Mullahs beunruhigt bekanntlich Israel erheblich. Doch ein anderes Land der Region fühlt sich ebenso bedroht: Saudi-Arabien. Das sunnitische Königreich nimmt als Hüter der heiligen Stätten Mekka und Medina eine politisch-religiöse Führungsposition in der islamischen Welt ein. Das Streben des schiitischen Iran nach regionaler Dominanz befeuert die jahrhundertealte Rivalität zwischen Arabern und Persern, Sunniten und Schiiten.

Wie der private amerikanische Geheimdienst Strategic Forecasting Inc., kurz Stratfor genannt, in einer Analyse darlegt, versucht Saudi-Arabien noch weit eindringlicher, wenn auch stiller als Israel, die USA zu Maßnahmen gegen den Iran zu bewegen. Vor wenigen Wochen habe der saudische König Abdullah in einem ungewöhnlichen Schritt den Libanon besucht - und zwar zusammen mit dem syrischen Präsidenten Baschar al-Assad. Zwar sind sich Saudis und Syrer sonst nicht grün, doch dem König ging es darum, der schiitischen Terrorbewegung Hisbollah - Schwertarm Irans gegenüber Israel - einige "nicht sehr subtile Warnungen" zukommen zu lassen. Die Saudis sind zudem dabei, Syrien aus der iranischen Umarmung zu brechen. Laut Stratfor, das weltweit Regierungen und Großkonzerne berät, sieht sich der Iran plötzlich Gegnern gegenüber, die er für Verbündete gehalten hatte. Hintergrund dieser Strategie ist die Option eines amerikanischen Krieges gegen den Iran. In diesem Fall könnte Teheran die von ihm finanzierten Terrorgruppen wie Hisbollah und Hamas von der Leine lassen. Die saudische Offensive aber soll die Hisbollah neutralisieren. Stratfor, die "Schatten-CIA", meint jedoch, dass eine Blockade der Straße von Hormus, durch die fast die Hälfte der Öltransporte laufen, neben einem destabilisierten Irak die größte Gefahr für die USA wären.

Im Irak liefen derzeit massive Bemühungen, die pro-iranischen Schiiten-Fraktionen einzudämmen. Käme es zu einem militärischen Konflikt mit dem Iran, könnten sich die USA keinerlei Risiken bezüglich Hormus leisten. Daher würden sich die amerikanischen Streitkräfte erst in einer zweiten Phase um die tief verbunkerten iranischen Atomanlagen kümmern. Die USA würden zunächst einen ausgedehnten Luftkrieg gegen Irans konventionelle Kapazitäten führen. Ein solcher Krieg käme - anders als die Bodenoperationen im Irak und in Afghanistan - ihren weltweit einzigartigen Kapazitäten entgegen und würden "überwältigende Schäden" anrichten. Die Ausschaltung der iranischen Marine, der Luftverteidigung sowie der Kontroll- und Kommandozentren würden Teheran wehrlos gegenüber der zweiten Angriffsphase machen, die erst dann die Atomanlagen und die Bodentruppen Irans anvisieren würden.

Nicht ein Regimewechsel wäre diesmal das vorrangige Ziel einer amerikanischen Militäroperation, sondern ein "Defanging" - ein Ziehen der iranischen Reißzähne. Ein derartiger Luftkrieg sei das "Worst-Case-Szenario" für das Mullah-Regime und würde Teheran als Bedrohungsfaktor für die Arabische Halbinsel eliminieren. Überhaupt sei nicht die iranische Nuklearrüstung für die Supermacht USA ein Problem, meint der US-Geheimdienst. Sondern vielmehr die dramatische Veränderung der Machtbalance im Mittleren Osten durch den geschwächten Irak und den immer stärker werdenden Iran.

Eine Stärkung der irakischen Armee, ein Schulterschluss mit den sunnitischen Araberstaaten sowie prophylaktische Maßnahmen gegen iranische Kontermöglichkeiten bei Bereithaltung konkreter militärischer Optionen - die amerikanische Strategie für den Mittleren Osten nimmt Gestalt an.

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