Terrorwelle erschüttert den Irak

Mehr als 60 Menschen sterben nach Abzug der US-Kampftruppen bei 14 Anschlägen auf zehn Städte

Hamburg/Bagdad. "Neue Morgenröte" heißt das amerikanische Militärengagement im Irak künftig. Mit dem Abzug der letzten Kampfbrigaden und Verringerung der US-Truppenstärke von einst 140 000 auf nunmehr 49 700 leicht Bewaffnete erlischt die "Operation Iraqi Freedom". Die neue Morgenröte ("New Dawn") soll die rosige Zukunft des Irak symbolisieren.

Doch wie es darum tatsächlich bestellt ist, wurde gestern bei einer verheerenden Anschlagsserie deutlich, der mindestens 60 Menschen zum Opfer fielen, darunter auch Kinder. Ziele der offenbar genau koordinierten Terrorakte in zehn Städten waren vor allem Polizisten. Mehr als 250 Menschen wurden verletzt.

Die beiden schwersten Anschläge trafen die Hauptstadt Bagdad sowie den Ort Kut rund 160 Kilometer südöstlich. Allein in Kut starben bei einem Autobombenanschlag auf das Gebäude der Provinzverwaltung 15 Polizisten und fünf Zivilisten; mehr als 90 Menschen wurden zum Teil schwer verletzt. Im Stadtteil El Kahira in Bagdad traf der Sprengsatz eine Polizeiwache. 15 Menschen kamen hier ums Leben. Auch in Mossul im Norden, in Basra im Süden, in der den Schiiten heiligen Stadt Kerbela und anderen Orten des Irak explodierten Autobomben - insgesamt waren es 14 Sprengsätze.

Offensichtlich hängt die jüngste Welle der Gewalt im Irak mit dem Abzug der amerikanischen Kampftruppen zusammen. Die Terroristen testen die Sicherheitskräfte und demonstrieren ihre zunehmende Macht. Denn die noch im Land verbleibenden US-Soldaten sollen nicht mehr aktiv an Kampfoperationen teilnehmen, sondern die irakische Armee weiter ausbilden und allenfalls Hilfe bei der Terroristenabwehr leisten. Offiziell endet "Operation Iraqi Freedom" am 31. August.

Vergeblich hatte der irakische Generalstabschef Babaker Sebari vor dem Abzug der Amerikaner gewarnt und erklärt, sein Land werde frühestens 2020 in der Lage sein, allein für Sicherheit zu sorgen. "Wir haben unser Ziel erreicht", behauptete US-Oberkommandeur Ray Odierno. Nach dem Einmarsch der US-Truppen 2003 und dem Sturz der Diktatur von Präsident Saddam Hussein hatte der amerikanische Prokonsul Paul Bremer die irakische Armee aufgelöst. Die inzwischen wieder aufgestellten Einheiten gelten jedoch als korrupt und inkompetent. Bis Jahresende 2011 soll dann auch der letzte US-Soldat den Irak verlassen haben. "Diese Explosionen zeigen, dass die irakischen Sicherheitskräfte noch nicht fähig und richtig ausgerüstet sind, um die Verantwortung für die Sicherheit zu übernehmen, jetzt, wo die US-Truppen nicht mehr da sind", sagte der Parlamentsabgeordnete Fallah al-Luhaibi.

Im Mai hatte eine ähnliche Anschlagsserie das Land erschüttert; 85 Menschen waren dabei ums Leben gekommen, mehr als 300 waren verletzt worden. Terrorexperten erkannten hierbei die Handschrift der Organisation al Qaida im Irak, eines besonders militanten Ablegers des Terrornetzwerks von Osama Bin Laden.

Während der bürgerkriegsähnlichen Unruhen 2005-2007 war es vor allem die von außen geschürte Feindschaft zwischen Schiiten und Sunniten gewesen, die für Gewalt sorgte. Zwei Drittel der Iraker sind Schiiten, die unter dem Sunniten Saddam blutig unterdrückt worden waren. Verantwortlich für Anschläge sind ferner die Anhänger der früheren Saddam-Regierung sowie ausländische Islamisten, die etwa aus Tschetschenien oder Saudi-Arabien in den Irak kommen, um die proamerikanische Regierung zu destabilisieren.

Die Terroristen stoßen eiskalt in das sicherheitspolitische Vakuum, das durch den Abzug der US-Truppen entstanden ist. Ein politisches Vakuum gibt es bereits seit fünfeinhalb Monaten - seit den Wahlen haben sich die eifersüchtig streitenden Politiker in Bagdad noch immer nicht auf eine funktionierende neue Regierung einigen können. Zu einer akuten Wirtschaftskrise kommen miserable Dienstleistungen, etwa bei Wasser- und Stromversorgung hinzu. Irak droht im Chaos zu versinken.