Petraeus stellt Afghanistan-Abzug infrage

Kommandeur der Nato-Truppen warnt, man dürfe nichts überstürzen, sonst riskiere man ein Scheitern. Blutigster Monat seit Kriegsbeginn

Washington. Sechs Wochen nach Übernahme des Oberkommandos der Nato-Truppen in Afghanistan wirbt General David Petraeus für Geduld und sät Zweifel an dem von Präsident Obama genannten ersten Abzugstermin im Sommer 2011. In einer PR-Offensive, die Interviews mit allen wichtigen TV- und Printmedien in den USA einschließt, bemüht sich Petraeus, nach dem blutigsten Monat in neun Jahren Krieg mit 66 US-Gefallenen, die im US-Kongress und in der Öffentlichkeit um sich greifende Kriegsmüdigkeit zurückzudrängen: "Wir tun alles, was wir können, um so schnell wie möglich Fortschritte zu erzielen - ohne zu hastig ins Scheitern zu laufen." Präsident Obama hatte 2009 rund 100 000 Soldaten für Afghanistan verlangt; gegenüber 2008 eine Verdreifachung der Truppenstärke. Die Unterstützung seiner Partei aber erwirkte er nur mit dem Versprechen des Abzugs ab Juli 2011.

Er verstehe "die Sorge, die Ungeduld und in manchen Fällen die Frustration", sagte David Petraeus. Doch führe der erst im Frühjahr begonnene "Auf-und-ab-Prozess", Gebiete von den Taliban zu erobern, "zu kleinen Etappen des Fortschritts". Diese müssten weiter wachsen.

Nach anderthalb Jahren Planung und Mühe, so der General, seien erstmals alle Truppen an den Orten, wo sie gebraucht würden. Gegenüber NBC stellte Petraeus klar, dass er, je nach Kriegslage, Barack Obama im Juli 2011 raten könnte, den Beginn eines Truppenabzugs zu verschieben: "Der Präsident und ich saßen im Oval Office, und er ließ wissen, dass er den besten militärischen Rat erwartet." Er habe den Posten nicht übernommen, um "einen würdevollen Rückzug" einzuleiten. Man habe eben graduelle Erfolge: "Es gibt hier keinen Hügel, den man nimmt, die Flagge aufrichtet und den Sieg verkündet. Es ist eher harte Arbeit."

Wenn es einen amerikanischen General gibt, der den Sinn dieser harten, blutigen, frustrierenden Arbeit seinen Landsleuten noch glaubwürdig erklären kann, ist es der 57 Jahre alte David Petraeus. Die US-Medien verehren ihn, weil er sie mit Respekt und Nachsicht behandelt. Er gilt zudem als politisch-diplomatisches Talent, der vor Kongressausschüssen eine so gute Figur macht wie vor seinen Truppen oder bei Treffen mit ausländischen Politikern.

Petraeus machte sich als Kommandeur der Truppen im Irak einen Namen, der sein eigenes Strategie-Handbuch geschrieben hatte: "Counterinsurgency", die Bekämpfung von Terroristen bei größtmöglicher Schonung der Zivilbevölkerung, ist sein Werk. Es war David Petraeus, der 2007, als der Irak in tödlichem Chaos versank, von Präsident Bush die massive Aufstockung der US-Truppen (surge) verlangte. Der damals von vielen für unmöglich gehaltene Erfolg des "surge" machte Petraeus zu einer Art Wunderwaffe.

Als der Kommandeur der Nato-Truppen in Afghanistan, Stanley McChrystal, wegen höhnischer und respektloser Bemerkungen über die zivile Führung, die in einem "Rolling Stone"-Artikel ans Licht kamen, am 23. Juni von Präsident Obama entlassen wurde, übernahm McChrystals Vorgesetzter Petraeus am 30. Juni den undankbaren Job. Er habe seither "nichts sehr Dramatisches" in Taktik oder Führungsstil geändert, sagt Petraeus. Dies Bekenntnis gibt ihm allerdings auch keine Schonfrist, bis Neues umgesetzt werden könnte. Reporter berichten, im Hauptquartier in Kabul gehe es unter Petraeus' Kommando spürbar disziplinierter zu. Der asketisch selbstverliebte McChrystal prahlte, mit einer Mahlzeit am Tag und wenigen Stunden Schlaf auszukommen. Er ließ Alkoholkonsum für die Nato-Truppen verbieten und Fast-Food-Restaurants schließen. Unter David Petraeus hat Burger King offenbar wieder bessere Chancen. Neben solch nettem Kleinkram lässt der General keinen Zweifel an seiner Mission: "Wir sind hier, damit Afghanistan nicht abermals zu einem Schutzgebiet für transnationale Extremisten werden kann wie zu der Zeit, als al-Qaida die 9/11-Angriffe in Kandahar plante."

Osama Bin Laden zu fangen bleibe eines der wichtigsten Ziele. Die Niederlage der USA und ihrer Alliierten würde Afghanistan in einen Bürgerkrieg stürzen und den Extremisten überlassen. Wenn es aber gelinge, das Land zu stabilisieren und zu befrieden, könne das Land eine Blüte an der neuen "Seidenstraße" sein, mit Bodenschätzen, die Billionen Dollar wert seien.

David Petraeus lässt sich in Interviews nicht verführen, den afghanischen Präsidenten Hamid Karsai zu kritisieren. Man sehe sich täglich und spreche offen über bisweilen "schwierige" Themen: "Präsident Karsai ist der gewählte Führer eines souveränen Landes - so sehen ihn die Menschen überwiegend. Deshalb ist er - und das muss er auch sein - unser Partner."