Der Kurden-Konflikt flammt militärisch wieder auf

Regierungschef Erdogan will PKK "im Blut ertränken". Fünf Tote bei Anschlag auf türkischen Armeebus in Istanbul. Kurdische "Freiheitsfalken" bekennen sich zu Attentat

Hamburg/Istanbul. Um 7. 15 morgens fuhr ein ziviler Bus durch den Istanbuler Vorort Halkali, der auf der Europa zugewandten Seite der türkischen Metropole liegt. Auf den Sitzen saßen Soldaten und ihre Familien. Als der Bus an einem Wohnheim der Armee vorbeifuhr, explodierte eine am Straßenrand versteckte Bombe. Sie wurde offenbar ferngezündet. Vier Soldaten und die 17-jährige Tochter eines Militärs wurden getötet, zwölf weitere Menschen verletzt.

Wütende Anwohner bezichtigten sofort die verbotene kurdische Arbeiterpartei PKK der Tat. Später bekannten sich die "Freiheitsfalken Kurdistans" (TAK) auf ihrer Internetseite zu dem Attentat, zugleich kündigten sie an, ihre Angriffe weiter zu verstärken. Vor allem wollen sie Anschläge auf die Touristengebiete der Türkei verüben. Die TAK wird von der Regierung in Ankara für den bewaffneten Arm der PKK gehalten. Sie hatte sich auch zu einem Anschlag auf einen Polizeibus in Istanbul am 8. Juni bekannt, bei dem 15 Beamte verletzt worden waren. Bei Kämpfen im Südosten der Türkei und entlang der Grenze zum Irak waren in den vergangenen Tagen mindestens 22 Menschen getötet worden. In der vergangene Wochen waren mehr als 600 türkische Soldaten bis zu drei Kilometer tief auf irakisches Gebiet vorgedrungen, wo die PKK mehrere Lager unterhält. Die kurdische Kampforganisation hatte am Wochenende mit Angriffen "auf jede Stadt der Türkei" gedroht, falls die Armee weiter gegen sie vorgehe.

Am Montag hatten Regierung und Militärführung auf einer Krisensitzung in Ankara "kurz- und mittelfristige Zusatzmaßnahmen" zum verstärkten Kampf gegen die PKK beschlossen. An dem Treffen hatten Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan, ranghohe Generale der Armee, mehrere Minister sowie Geheimdienstchef Hakan Fidan teilgenommen. Staatspräsident Abdullah Gül hatte die Krisensitzung einberufen.

Dabei ging es auch um militärische Verbesserungen: Offenbar hatte die Armee am Sonnabend bei Semdinli im Dreiländereck mit dem Irak und dem Iran heranrückende PKK-Kämpfer zwar bemerkt, sie aber für Hirten gehalten und nicht reagiert. Die Rebellen töteten elf Soldaten. Die Armee bombardierte daraufhin PKK-Lager im Grenzgebiet. Regierungschef Erdogan übte sich in martialischer Rhetorik und drohte, die PKK werde "im Blut ertrinken". Nach Ansicht von Experten nutzt die PKK die TAK, um Anschläge zu verüben, ohne selbst verantwortlich gemacht werden zu können.

Die PKK will mit ihrer Gewaltwelle die türkische Regierung zu Zugeständnissen zwingen. Erdogan wiederum steht unter Druck der türkischen Nationalisten, energisch gegen die Kurden vorzugehen.

Der Konflikt ist alt: Bei der Gründung der Republik Türkei 1923 wurde die kurdische Minderheit - sie zählt heute bis zu 15 Millionen Menschen - zu ethnischen Türken erklärt und ihre Kultur und Sprache unterdrückt. Es kam zu Aufständen, die blutig niedergeschlagen wurden. Seit Ausbruch des bewaffneten Konflikts mit der PKK im Jahre 1984 sind rund 45 000 Menschen ums Leben gekommen.