Streit um Afghanistans Rohstoffe

Experten sehen in den riesigen Vorkommen Chancen, aber auch Risiken für das Land

Berlin. Die Zukunftsperspektiven Afghanistans nach dem Fund reicher Bodenschätze werden von Experten unterschiedlich eingeschätzt. So meint Volker Perthes, Leiter der Berliner Stiftung Wissenschaft und Politik, die Bodenschätze könnten zur Bewältigung des Konflikts am Hindukusch beitragen. "Die Meldungen vor allem über Lithiumvorkommen haben das Interesse dafür geweckt, sich Afghanistan mal nicht nur unter dem Aspekt Revolution, Aufstand, Aufstandsbekämpfung, Bürgerkrieg anzugucken, sondern auch die Chancen zu sehen. Nachhaltige Rohstoffausbeutung braucht wie die Entwicklung der Gesellschaft auch Frieden und Stabilität", sagte Perthes. Andererseits könnten ausländische Investitionen helfen, den Konflikt zu beenden. "Wenn die Bevölkerung merkt, dass ein Teil der Gelder zurückfließt, kann das dazu beitragen, dass das Land stabilisiert wird", sagte der Experte.

Nach Erkenntnissen von US-Forschern gibt es in Afghanistan Lithium (zur Handyherstellung) und andere Metallvorkommen im Wert von rund 830 Milliarden Euro.

Stephanie Sanok vom Zentrum für Strategische und Internationale Studien in Washington weist dagegen auf die Schwierigkeiten des Abbaus der Rohstoffvorkommen hin: "Jeder hat davon gewusst", sagt sie über die Bodenschätze. "Aber da ist kein Rankommen."

Es mangelt schon an der einfachsten Infrastruktur wie Stromversorgung und Bahnstrecken. Zudem liegen viele Vorkommen in oder um Hochburgen der Taliban, bei Kandahar etwa und an der Straße nach Kabul, was zu Kämpfen um die Lagerstätten führen könnte.

Der Afghanistan-Experte der Hessischen Stiftung Friedens- und Konfliktforschung, Arvid Bell, warnt davor, die Nachricht überzubewerten. Denn viele Fragen blieben offen: "Wer wird wann und wie beginnen, die Rohstoffe zu erschließen? Gibt es jemanden, der da investieren möchte? Wie stellt man sicher, dass das Geld bei der Bevölkerung ankommt?"

Unklar sei weiter, ob die Rohstoffe Fluch oder Segen für das Land seien. "Laut Transparency international ist Afghanistan das zweitkorrupteste Land der Welt", sagt Bell. Auf der anderen Seite könne mit den Ressourcen ein "enormes Entwicklungspotenzial" verbunden sein: Ein Abbau unter transparenten Bedingungen erhöhe die Steuereinnahmen und schaffe Arbeitsplätze.

"Das afghanische Volk erkennt allmählich, dass es eine Quelle des Wohlstands besitzt, die, wenn sie richtig entwickelt wird, ihm erlaubt, unabhängig zu sein", erklärt Paul Brinkley, der die Studie des US-Verteidigungsministeriums geleitet hat. "Obamas Krieg ist dadurch gerade noch wichtiger und zugleich komplizierter geworden", urteilt der ehemalige CIA-Mann Bruce Riedel, der die Regierung Barack Obamas im vergangenen Jahr bei der Überarbeitung ihrer Strategie für Afghanistan beraten hat.