Vatikan

Missbrauchsskandal überschattet Eröffnung der Karwoche

Rom/Washington. Papst Benedikt XVI. hat die Prozession am Palmsonntag auf dem Petersplatz erstmals im Papamobil und nicht zu Fuß angeführt. Der im April 2005 zum Kirchenoberhaupt gewählte Joseph Ratzinger habe diesmal sein Spezialfahrzeug bevorzugt, um besser sichtbar für die Zehntausenden von Gläubigen zu sein, erklärte Vatikan-Sprecher Federico Lombardi. Außerdem stehe der Papst, der am 16. April 83 Jahre alt wird, vor einer anstrengenden Osterwoche mit einer großen Anzahl von Auftritten, Messen und Riten, sagte Lombardi.

Überschattet wird die Eröffnung der Karwoche von einer nicht endenden Serie von Missbrauchsskandalen in der katholischen Kirche. In seiner Predigt zum Palmsonntag ging der Papst auf die aktuellen Fälle auch in seiner deutschen Heimat nicht direkt ein, schloss aber die "Jugend und jene, die mit ihrer Erziehung und ihren Schutz beauftragt sind", in sein Gebet mit ein. Der Palmsonntag ist traditionell der Jugend gewidmet. Benedikt rief die jungen Menschen auf, dem von Jesus Christus vorgegebenen Weg zu folgen. Christus führe die Gläubigen "zu dem Mut, der uns nicht von vorherrschenden Meinungen einschüchtern lässt, zur Geduld, die andere unterstützt".

Insbesondere in den USA steht der deutsche Papst in der Kritik. Der Tageszeitung "Washington Post" zufolge drohen dem Heiligen Stuhl erstmals Zivilklagen der Opfer. In der Folge könnten Vertreter des Vatikans gezwungen sein, interne Dokumente vorzulegen und unter Eid auszusagen. Zwei Bundesgerichte hätten derartige Klagen zugelassen, und das Oberste US-Gericht werde im Sommer deren Rechtmäßigkeit beurteilen.

In US-Medien häufen sich seit Tagen die Vorwürfe, Benedikt XVI. sei in seiner Zeit als Kardinal an der Spitze des bayerischen Erzbistums und später als Chef der vatikanischen Kongregation für die Glaubenslehre viel zu wenig wachsam gewesen bei priesterlichem Missbrauch. Er habe in München "mehr Energie aufgebracht, theologischen Dissidenten nachzugehen" als missbrauchenden Priestern, schrieb die "New York Times".

Berichte über sexuellen Missbrauch von Kindern und Jugendlichen durch Priester liegen in den USA seit mehr als 25 Jahren vor. 2002 gaben die Bischöfe eine Studie in Auftrag, derzufolge von 1950 bis 2002 glaubhaft 10 667 Personen Missbrauchsanklagen gegen 4392 Priester erhoben hätten. Die Opfer beklagten besonders, dass viele Bischöfe die Sextäter einfach versetzt hätten. Nur wenige wurden strafrechtlich belangt.

In der deutschen katholischen Kirche ist ein weiterer Fall sexuellen Missbrauchs bekannt geworden. Das Bistum Osnabrück entband einen Priester aus dem südlichen Emsland mit sofortiger Wirkung von seinen Ämtern. Der Geistliche habe in einem Gespräch mit Bischof Franz-Josef Bode Fehlverhalten eingeräumt, teilte die Diözese mit. Der Beschuldigte habe sich zur strafrechtlichen Klärung der Staatsanwaltschaft gestellt.

Die Reformbewegung Wir sind Kirche stellte noch einmal die Ehelosigkeit von katholischen Geistlichen infrage. "Ohne eine Neuausrichtung der katholischen Sexuallehre und eine breite Diskussion auch der Zölibatsverpflichtung wird die so lange vertuschte sexualisierte Gewalt innerhalb der römisch-katholischen Kirche nicht überwunden werden können", hieß es am Sonntag zum Abschluss der Bundesversammlung von Wir sind Kirche in Würzburg.

Die Reformbewegung werde aufmerksam verfolgen, "ob die von den deutschen Bischöfen und Orden angekündigten Beratungs-, Hilfs- und Präventionsmaßnahmen auch wirklich umfassend und zeitnah in Gang gebracht werden".