Debatte um Gefangenenlager

US-Regierung sucht Ersatz für Guantánamo

Washington. Nach der geplanten Schließung des umstrittenen Gefangenenlagers in Guantánamo erwägt die Regierung einem Zeitungsbericht zufolge, Terrorverdächtige aus aller Welt auf dem Militärstützpunkt im afghanischen Bagram zu internieren. Wie die "Los Angeles Times" unter Berufung auf US-Regierungsvertreter berichtete, stoßen entsprechende Pläne jedoch auch innerhalb der Regierung auf Widerstand. Der Oberbefehlshaber der Nato-Truppen in Afghanistan, General Stanley McCrystal, ist demnach ebenfalls entschieden dagegen. Befürchtet werde, dass eine Erweiterung des Gefängnisses in Bagram die Bemühungen um eine Stabilisierung Afghanistans erschweren werde.

Wie die Zeitung weiter schreibt, stehen Washington nur wenige Standorte zur Verfügung, wo Ausländer ohne Zugang zum US-Gerichtssystem inhaftiert und verhört werden könnten. Als Alternative bliebe sonst nur noch, die Verdächtigen an andere Länder auszuliefern oder sie zu töten. Bereits im vergangenen Jahr hätten US-Sondereinheiten einen mutmaßlichen Al-Qaida-Verbindungsmann in Somalia bei einem Hubschrauberangriff getötet statt ihn gefangen zu nehmen, weil sie nicht wussten, wo sie ihn internieren sollten, berichtete das Blatt.

Um die Lage in Afghanistan zu stabilisieren, hat Präsident Hamid Karsai jetzt Verhandlungen über einen Friedensplan mit Rebellen begonnen. Wie Radio Free Afghanistan meldete, traf Karsai mit einer Delegation der aufständischen Hizb-e-Islami-Gruppe zusammen, deren Kopf der radikale Milizenchef Gulbuddin Hekmatyar ist. Die Miliz kämpft zurzeit noch an der Seite der Taliban gegen US- und Nato-Soldaten in Afghanistan. Hekmatyar hatte Ende Februar bereits einen Friedensvorschlag für Afghanistan lanciert. Die Verhandlungen gelten als wichtiger Schritt für die große Stammesversammlung, Loja Jirga, die Karsai für Ende April einberufen hat, um über die Zukunft Afghanistans zu bestimmen.

Es ist das erste Mal, dass ein direkter Kontakt zwischen Karsai und den Taliban bestätigt wird. In Kabul wird aber vermutet, dass hinter den Kulissen bereits seit Längerem Verhandlungen laufen, an denen auch der Westen und Länder wie Saudi-Arabien beteiligt sind.

Der 59-jährige Hekmatyar gilt als einer der brutalsten Warlords Afghanistans. Er hatte in den 80er-Jahren mit Unterstützung der USA und Pakistans gegen die sowjetischen Truppen am Hindukusch gekämpft. Die fundamental-islamische Hizb-e-Islami ist die kleinste der drei wichtigsten aufständischen Gruppen in Afghanistan.

Die anderen beiden Rebellengruppen, die Taliban und das Haqqani-Netzwerk, haben engere Verbindungen zum Terrornetzwerk al-Qaida. Der Westen unterstützt daher Gespräche zwischen Afghanistans Regierung und Hekmatyar.