Nahost: Israels Mossad unter Verdacht

Diplomatische Krise nach Attentat in Dubai

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Mörder benutzten gefälschte Pässe von Europäern. Israels Botschafter in London und Dublin wurden einbestellt.

Hamburg/Dubai. Am 19. Januar 2010 kam der Palästinenser Mahmud Abdel Rauf al-Mabhuh von einem Spaziergang durch die glitzernde Millionenstadt Dubai im Norden des gleichnamigen Golf-Emirats zurück. Er ging auf sein Zimmer im zweiten Stock des Vier-Sterne-Hotels Rotana. Dass jeder seiner Schritte von einem Team in der Hotelhalle beobachtet wurde, entging ihm.

Mabhuh hatte kaum sein Hotelzimmer betreten, als er von vier Männern in Baseballmützen und T-Shirts attackiert wurde. Vermutlich lähmten sie den Palästinenser mit einem Stromschlag und erstickten ihn dann. Zehn Minuten später verließen die Mörder den Raum. Nach weiteren zehn Minuten verschwanden auch die übrigen Mitglieder des "Hit-Teams" aus dem Hotel und verließen das Land.

Jetzt, einen Monat später, kommen immer mehr Hintergründe des Anschlags ans Licht: Der Londoner "Guardian" geht davon aus, dass insgesamt 17 Personen an dem Attentat auf Mabhuh beteiligt waren, darunter zwei Frauen. Sie hatten ihr Äußeres ständig mit Perücken, Brillen und Kopfbedeckungen verändert. Bei elf von ihnen hat die Polizei von Dubai inzwischen jene Identitäten ermittelt, unter denen sie eingereist waren. Sechs benutzten gefälschte britische Pässe, deren Originale jedoch echten Personen gehören, drei von ihnen irische Pässe, einer einen französischen und einer einen deutschen Pass. Doch der dabei verwendete Name, Michael Bodenheimer, soll in Wahrheit einem streng religiösen amerikanischen Juden gehören, der in einem Vorort von Tel Aviv eine Religionsschule betreibt.

Die Verwendung von gefälschten Pässen mit echten Namen für das Attentat hat zu einer sich ausweitenden diplomatischen Krise geführt. Der Polizeichef von Dubai, Dhahi Chalfan, erklärte gestern nämlich, es sei "zu 99 Prozent, wenn nicht zu 100 Prozent sicher", dass der israelische Geheimdienst Mossad hinter dem Mord im Rotana-Hotel stecke.

Verwunderlich wäre es nicht. Denn Mabhuh war ein hochrangiger Führer der Hamas und wird für die Entführung und Ermordung zweier israelischer Soldaten 1989, zu Beginn der ersten Intifada, des Palästinenseraufstandes, verantwortlich gemacht. Zudem galt er als Organisator des Waffenschmuggels in den Gazastreifen. Und Meir Dagan, der gegenwärtige und eisenharte Chef des Mossad, wird bereits für mehrere derartige Attentate verantwortlich gemacht.

Die britische und die irische Regierung luden die jeweiligen israelischen Botschafter zu einem klärenden Gespräch vor. Der irische Außenminister Michel Martin sprach von einem "extrem ernsten Fall". Die Verwendung irischer Pässe habe irische Staatsbürger in Gefahr gebracht. Denn die Hamas hat blutige Rache für den Mord geschworen. Der britische Premierminister Gordon Brown kündigte eine "vollständige Untersuchung" der Affäre an.

Der Nahost-Beauftragte des Auswärtigen Amts, Andreas Michaelis, sprach gestern auf Veranlassung von Bundesaußenminister Guido Westerwelle über die Umstände des Attentats mit dem Gesandten der israelischen Botschaft. Die Bundesregierung verzichtete jedoch auf die Einbestellung des Botschafters.

Israels Außenminister Avigdor Lieberman ließ offen, ob Israel das Attentat verübt habe. Er erklärte nur, es gebe keine Beweise und daher keinen Grund, den Mossad zu verdächtigen und andere Geheimdienste nicht.

Die Hamas muss fürchten, dass sie Verräter in den eigenen Reihen hat. Denn wie ein israelischer Regierungsbeamter der "Jerusalem Post" steckte, sei nur einer Handvoll Leute in der Hamas der Aufenthaltsort und die Tätigkeiten von Mabhuh bekannt gewesen. Der "Guardian" meldete, in der syrischen Hauptstadt Damaskus werde Nahro Massud verhört, ein Kommandeur der Kassam-Brigaden, des bewaffneten Arms der Hamas. Er stehe im Verdacht, Mabhuh für den Mossad identifiziert zu haben.