"Samtene Revolution"

Revolution und Rockmusik – Havel-Gala in Prag

Mit einem ungewöhnlichem Musikkonzert wurde in Prag an die "Samtene Revolution" im November 1989 erinnert.

Prag. Vaclav Havel (73) war schon als Präsident der Tschechoslowakei und später Tschechiens von 1989 bis 2003 ein Mächtiger der etwas anderen Art. Den US-Rockmusiker Frank Zappa etwa ernannte Havel 1990 zum Sonderbotschafter für Kultur und Tourismus, auf der Prager Burg stahl ein großes rotes Neonherz zeitweise der Politik die Schau. Zum 20. Jahrestag der „Samtenen Revolution“ im November 1989 lud er nun am Sonnabend in Prag zu einer „etwas unkonventionellen Feier“ ein, wie der oft als „Dichterpräsident“ beschriebene Havel seine Idee nannte.

Die US-Stars Lou Reed, Joan Baez und Suzanne Vega kamen dazu nach Prag wie auch Opernsängerin Renée Fleming. „Der Beweis dafür, dass friedliche Revolutionen existieren, sitzt hier vor uns“, würdigte Joan Baez den Gastgeber. Als Baez das Protestlied „We Shall Overcome“ anstimmte und damit die Atmosphäre der Wendezeit von 1989 heraufbeschwor, flossen nicht nur bei Havels Ehefrau Dagmar Tränen der Rührung. Rund 400 Gäste aus Politik und Gesellschaft erlebten in der Prager Annenkirche das zweistündige „Revolutionskonzert“, das auch im tschechischen Fernsehen live übertragen wurde.

„Diese Künstler sind bekannt für ihr freies Denken. Sie haben immer auf der Seite der Freiheit gestanden, und viele von ihnen haben ihre Solidarität in dunkleren Zeiten ausgedrückt“, sagte Havel, der selbst auch als Schriftsteller künstlerischen Ruhm erlangte. Altrocker Lou Reed sang „I’m Waiting for the Man“ für ihn, Sopranistin Fleming erhielt für „Ave Maria“ langen Applaus. Zwischen den Musikstücken grüßten Politiker per Videobotschaft.

Er bewundere seinen Freund Havel, sagte etwa der russische Ex- Präsident und Friedensnobelpreisträger Michail Gorbatschow. US-Präsident Barack Obama bedankte sich für „die Ereignisse, die immer noch überall Menschen inspirieren“. Bundeskanzlerin Angela Merkel erinnerte „an die großen Demonstrationen auf dem Wenzelsplatz, mit denen eindrucksvoll für Freiheit eingetreten wurde“. Neben Havel saß die ehemalige US-Außenministerin Madeleine Albright (1937 in Prag geboren), einen Stuhl weiter Havels Nachfolger Vaclav Klaus. „Wahrheit und Liebe muss Vorrang haben vor Lügen und Hass“, forderte Havel zum Abschluss des Abends, die Politik der Zukunft solle gute Ideen weltweit teilen. Aus anderem Munde klänge das vielleicht naiv oder idealistisch, aber Havel hat ja bewiesen, dass mit zutiefst menschlichen Positionen das kommunistische Regime zu stürzen war. Als die Gäste die Kirche verlassen, scheinen die meisten wie vor 20 Jahren begeistert vom „Vorbild Havel“.

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