Provinz Xinjiang

Islamische Terrorgruppe droht China wegen Uiguren-Politik mit Vergeltung

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Die Organisation Al-Qaida im Islamischen Maghreb (AQMI) gilt als eine der gefährlichsten und am besten organisierten Terrorgruppen der Welt.

Hamburg. Zahlreiche tödliche Anschläge mit Dutzenden Todesopfern sowie Entführungen von Touristen gehen auf das Konto dieser 1998 ursprünglich als "Salafisten-Gruppe für Predigt und Kampf" gegründeten und in Algerien ansässigen Organisation.

Entsprechend besorgt sind internationale Sicherheitsexperten nun, wenn die AQMI China mit "Vergeltung" für das scharfe Vorgehen gegen die vorwiegend muslimischen Uiguren in der zentralasiatischen Provinz Xinjiang droht. Es sei wahrscheinlich, dass sich noch andere radikalislamische Terrorgruppierungen einem entsprechenden Aufruf der AQMI anschlössen, erklärte die global operierende Beratungsorganisation Stirling Assynt, eine Art privater Geheimdienst mit Sitz in Hongkong und London, gestern in einem Sicherheitsbericht.

Diesem Report nach arbeiten Hunderttausende Chinesen im Nahen Osten und in Nordafrika, 50 000 allein in Algerien. Es hieß, einige Radikalislamisten hätten sich bereits über konkrete chinesische Terrorziele informiert. Die Drohung der AQMI sollte unbedingt ernst genommen werden, empfahl Sterling Assynt.

In Urumqi, der Hauptstadt der chinesischen Unruheprovinz Xinjiang, dem historischen Ost-Turkestan, kam es zu neuen Spannungen, nachdem Polizisten zwei Uiguren erschossen und einen weiteren verwundet hatten. Offenbar waren die Uiguren mit Messern auf die Polizisten losgegangen.

Um weitere Gewalttaten zu verhindern, wurden die Straßen zum größten uigurischen Viertel unweit des Großen Basars in Urumqi von Sicherheitskräften abgesperrt. Auch viele Wohnblocks, in denen Uiguren leben, wurden blockiert. Seit den blutigen Unruhen hat die chinesische Regierung Tausende Soldaten und paramilitärische Einheiten in die Krisenprovinz verlegt.

Bei den blutigen Zusammenstößen zwischen dem Turk-Volk der Uiguren und Han-Chinesen waren vor gut einer Woche nach offiziellen chinesischen Angaben 184 Menschen getötet worden, darunter 137 Chinesen. 1680 Menschen seien verletzt worden, hatte der Chef der Zentralregierung, Nur Bekri, am Sonntag gesagt. Damit haben die Behörden frühere Zahlen deutlich nach oben korrigiert. Exil-Uiguren sprechen dagegen von 3000 Todesopfern, vorwiegend Uiguren.

Das Turkvolk wirft den Chinesen vor, ihre alte Kultur durch gezielte Zuwanderung von Han-Chinesen, durch Sterilisierungen und brutale Unterdrückung vernichten zu wollen. Durch die Zuwanderung sind die Uiguren mittlerweile in ihrer eigenen Heimat in der Minderheit.

Exil-Uiguren riefen indessen die Tibeter zur Unterstützung ihres Protestes auf. Ein entsprechender Hilferuf des Welt-Uiguren-Kongresses in Washington wurde dem Dalai Lama an seinem Exil-Sitz in Indien zugeleitet. Darin hieß es, alle Opfer der "chinesischen imperialistischen Kolonisierung" und des "brutalen Vorgehens des kommunistischen Systems" müssten nun zusammenstehen. Ähnlich wie das ehemalige Ost-Turkestan ist auch Tibet einer gezielten Sinisierung unterworfen; auch die Tibeter werfen den Han-Chinesen vor, mit ähnlichen Methoden wie in Xinjiang ihre uralte Kultur vernichten zu wollen.

Mehrere türkische Organisationen in Deutschland warfen Peking derweil schwere Menschenrechtsverletzungen im Zusammenhang mit den Unruhen vor. In Köln veröffentlichten sie eine gemeinsame Erklärung und verurteilten darin "das Massaker, das die Volksrepublik China in der autonomen Provinz Xinjiang an den muslimischen Uiguren begeht, aufs Schärfste". Die Vorgänge sollten vor Ort von einer Uno-Kommission untersucht werden. Dieses "Verbrechen an der Menschheit" dürfe nicht ungeahndet bleiben, forderten die türkischen Dachverbände Alevitisch-Islamische Vereinigung Deutschland, Islamrat für Deutschland, Islamische Gemeinschaft Mili Görüs und Türkisch-Islamische Union.

Zwischen der Türkei und China ist es im Zusammenhang mit den Unruhen inzwischen zu einer politischen Verstimmung gekommen. Amtliche chinesische Medien wie die "China Daily" forderten den türkischen Regierungschef Recep Tayyip Erdogan auf, seinen Vorwurf vom "Völkermord" an den Uiguren zurückzunehmen. Erdogans Bemerkung zu Reportern, die Unruhen in Xinjiang seien, "einfach gesagt, Völkermord", seien eine "unverantwortliche und grundlose Beschuldigung" und eine "Verdrehung der Tatsachen", hieß es in "China Daily". Erdogan hatte ferner gesagt, es sei unverständlich, dass die Regierung in Peking den "Gräueltaten" in Xinjiang einfach zusehe, und China dazu aufgefordert, weitere Opfer zu verhindern sowie die "Assimilierung" der Uiguren zu beenden. Der türkische Regierungschef hatte empfohlen, die Vorgänge in Xinjiang vor den Weltsicherheitsrat zu bringen. Chinas Außenminister Yang Jiechi sagte seinem türkischen Kollegen Ahmet Davutoglu in einem Krisen-Telefonat, die Unruhen seien durch drei "Kräfte des Bösen" ausgelöst worden: "Extremismus, Separatismus und Terrorismus."