60 000 am Sarg Pinochets - Tochter verteidigt Putsch

SANTIAGO DE CHILE. Begleitet von machtvollen Kundgebungen seiner Anhänger hat Chile seinem Ex-Diktator Augusto Pinochet die letzte Ehre erwiesen. Bei der Zeremonie in der Militärakademie der Hauptstadt Santiago de Chile wurden Pinochet die militärischen Ehren für einen Armeechef zuteil. Aber seine Anhänger und Familienmitglieder funktionierten die Zeremonie zu einem Staatsbegräbnis um und nahmen "Abschied von einem Präsidenten".

Seit Pinochets Tod am Sonntag waren mehr als 60 000 Sympathisanten an seinem Sarg vorbeidefiliert. Zeitgleich zu der Trauerfeier gedachten seine Gegner des von der Junta gestürzten früheren Präsidenten Salvador Allende. Präsidentin Michelle Bachelet hatte einen Staatsakt für Pinochet abgelehnt. Sie und ihre Mutter waren unter Pinochets Militärdiktatur (1973- 1990) misshandelt worden. Ihr Vater starb in einem Gefängnis der Junta.

Die Trauerfeier begann in Gegenwart von Pinochets Familie und mehreren Tausend Anhängern gegen 10.45 Uhr Ortszeit. Vier Kadetten der Militärakademie trugen den in die chilenische Flagge gehüllten Sarg in den Innenhof des Gebäudes. Im Anschluss fand ein Trauergottesdienst statt. Pinochets älteste Tochter Lucía Pinochet Hiriart verteidigte in einer Trauerrede den Staatsstreich ihres Vaters von 1973. Gleichzeitig beschuldigte sie die internationale Presse, ein falsches Bild seiner Herrschaft zu zeichnen.

Die einzige Ministerin der chilenischen Regierung, die an der Trauerfeier in Santiago teilnahm, wurde von Pinochet-Anhängern ausgebuht. Die nicht in Schwarz gekleidete Verteidigungsministerin Vivianne Blanlot grüßte die Familie Pinochets nicht und setzte sich auf einen Platz in der ersten Reihe. In einem deutlichen Affront gegen die Regierung begaben sich die Söhne Pinochets daraufhin zum Sarg ihres Vaters und bedeckten ihn mit der Präsidentenschärpe.

Auf den Straßen regierte die Rechte: Alte Damen im Kostüm mit Sonnenschirm, junge Mädchen in Jeans, gesetzte Herren in teuren dunklen Anzügen, junge Männer mit langen Haaren und Sandalen, alle gemeinsam skandierten begeistert Sprüche wie "Kommunisten sind wie Schwule" und "Chi, Chi, Chi, le, le, le, viva Chile, Pinochet", ein Klassiker aus den Fußballstadien, der zu Diktaturzeiten mit dem Zusatz Pinochet versehen worden war. Poster mit der Aufschrift "Gracias mi general" (Danke, mein General") für 1,50 Euro fanden reißenden Absatz. Journalisten, die zu aufdringlich nach den Verbrechen Pinochets fragten, wurden beschimpft und mit Flaschen beworfen. Ein Foto von drei jungen Leuten, die am offenen Sarg mit Hitlergruß zu sehen waren, wurde in fast allen Zeitungen abgedruckt.

Tatsächlich ist das Erbe Pinochets noch lange nicht überwunden. Die Ausschaltung des Rechtsstaates und die gnadenlose Verfolgung aller Andersdenkenden wird auch heute noch von vielen Chilenen als hinnehmbarer Preis für die Durchsetzung politischer Ziele angesehen. Aber auch die Linke ist kaum zu dem Eingeständnis fähig, dass der Versuch Allendes, mit nur 36 Prozent der Stimmen mitten in der Vietnamkriegszeit und angesichts des Ost-West-Konflikts eine sozialistische Revolution durchzuboxen, höchst riskant war.

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