Gott statt Darwin - die USA denken um

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Cornel Faltin

Evolution: Die Lehre von den natürlichen Ursachen des Lebens steht im Zweifel. Als "Intelligent Design" dringt die Idee vom göttlichen Schöpfer in den Biologieunterricht vor.

Washington. Caroline Crocker ist keine Frau, die Kontroversen scheut. Auch nicht, wenn es sie ihren Job kostet. Die Biologie-Dozentin wurde vor kurzem von der George Mason University in Virginia vor die Türe gesetzt, weil sie Studenten dort erklärt hatte, daß Zweifel an Darwins Evolutionstheorie durchaus angebracht sind und vieles für "Intelligentes Design", sprich göttliche Schöpfung, als Ursprung alles Lebens spricht.

In einer Gallup-Umfrage meinen 53 Prozent aller Amerikaner, "daß das Leben in seiner heutigen Form genauso erschaffen wurde, wie es in der Bibel steht" - also in sechs Tagen und vor etwa 6000 bis 10 000 Jahren.

Es ist also verständlich, daß viele Eltern in den USA wünschen, daß dies auch so in der Schule gelehrt wird. Das große Problem: Da Religionsunterricht in öffentlichen US-Schulen gesetzlich verboten ist, soll ID (Intelligent Design) im Biologieunterricht gelehrt werden - was wiederum im ganzen Land zu scharfen Kontroversen zwischen Eltern, Lehrern und nicht selten auch Schülern führt.

Es ist keineswegs das erste Mal, daß die Diskussion in den USA hohe Wellen schlägt. Bereits 1925 wurde der Lehrer John Scopes in Tennessee im "Affenprozeß" für schuldig befunden, weil er "entgegen dem Gesetz des Staates Tennessee, gelehrt hatte, daß der Mensch von niedrigeren Tieren abstammt, und sich weigerte anzuerkennen, daß der Mensch eine Schöpfung Gottes ist".

1968 erging ein Urteil des Supreme Court, des Obersten US-Gerichtes. Er erklärte ein Gesetz für ungültig, das in Arkansas verbot, die Evolutionstheorie zu unterrichten. Gut 20 Jahre später, 1987, meinte der Supreme Court aber, daß Gesetze, die lehren, daß ein übernatürliches Wesen die Menschen erschaffen hat, auf "rechtswidrige Weise Religion fördern".

Jetzt also steht Professorin Crocker mit den dunklen wachen Augen im Raum CC-121 und zeigt einer Gruppe von etwa 60 Studenten Dias. Etwa eines, das auf der einen Seite einen Schimpansen zeigt, der gerade eine Banane vertilgt, und auf der anderen einen äußerst unattraktiven Mann in Unterwäsche auf einem Sofa. Zwischen den beiden dominiert ein großes rotes Fragezeichen das Bild. Dazu erklärt die Biologin, daß die Beweise für Darwins Entwicklungstheorie, wonach der Homo sapiens vom Affen abstammt und dieser wiederum von niedrigeren Lebensformen, "keineswegs wissenschaftlich bewiesen ist".

Dann bricht die Diskussion los, die Crocker provoziert hat. Schöpfung kontra Evolution beziehungsweise intelligentes Design gegen Darwinismus oder einfach Religion gegen Wissenschaft. Willkommen in den USA des 21. Jahrhunderts!

Auch heute beschäftigen sich wieder Gerichte in mehreren US-Bundesstaaten mit der Frage, ob es Rechtens ist, Kinder in der Schule und Studenten in Colleges und Universitäten zu lehren, daß wissenschaftlich keineswegs bewiesen ist, daß der Mensch durch Evolution und nicht durch ein höheres Wesen, sprich Gott, entstanden ist.

Dover, im Bundesstaat Pennsylvania, zwei Fahrstunden nordwestlich der Hauptstadt Washington, ist so ein Ort, wo Meinungen und Ideologien im Gerichtssaal in dieser Sache aufeinanderprallen, wo langjährige Freundschaften an der Kontroverse zerbrechen. Casey Brown ist eine, die das zu spüren bekommen hat. "Die ganze Angelegenheit hat eine ganze Reihe von Beziehungen und Freundschaften sehr belastet, und einige gingen daran kaputt", erzählt die zweifache Mutter.

Brown saß, wie acht andere Elternteile auch, im Schulbeirat von Dover. Als das Gremium 2003 darüber abstimmte, ob man im Biologieunterricht ein kurzes Statement verlesen sollte, das besagt, "daß viele Lebensformen so komplex sind, daß man sie am besten mit einem intelligenten Designer erklären könne", stimmten Brown und zwei Kollegen mit "nein". Als der Vorschlag mit 6:3 Stimmen angenommen wurde, klagen elf Mütter und Väter dagegen.

Der Prozeß in der Staatshauptstadt Harrisburg zieht sich über sechs Wochen hin. Nicht nur die Zuhörerränge, auch die Pressetribüne sind jeden Tag bis auf den letzten Platz gefüllt. Rund hundert Zeugen werden Ende vergangenen Jahres gehört, von Eltern und Lehrern über Geistliche und Wissenschaftler bis hin zu Politikern.

Casey Brown gibt zu Protokoll, wie sie von Pro-ID-Vertretern regelrecht drangsaliert wurde. Besonders hart trifft die praktizierende Christin, daß ihr einer ihrer Schulbeiratskollegen nach ihrem "nein" bei der ID-Abstimmung "Verrat an Gott" vorwirft.

Scott Minich, Professor für Mikrobiologie an der Universität von Idaho, tritt in den Zeugenstand und erklärt während seiner zweitägigen Vernehmung, daß "intelligentes Design so ist, als ob man eine Uhr sehe und steif und fest behaupte, sie sei das Produkt eines höheren Wesens". Hubert Garner, ein anderer Biologe, argumentiert dagegen: "Die Komplexität biologischer Organismen und das wundervolle Arrangement der einzelnen Teile sind Beweis für die Existenz eines Designers." Der örtliche Pastor Jim Grove hält den Darwinismus für einen "Satanskult" und läßt Richter Jones III. wissen, daß die meisten Wissenschaftler "sich um so weiter von Gott entfernen, je mehr Doktortitel sie haben".

Die Zeugenvernehmungen ergeben, daß ein Biologiebuch, das ID propagiert, auf Veranlassung eines Schulbeiratsmitgliedes mit Spendengeldern seiner Kirche angeschafft werden sollte. Eric Rothschild, der Anwalt der Kläger, wirft den ID-Verfechtern vor, "daß es für sie einzig und allein darum gehe, widerrechtlich Religion in die Klassenzimmer zu bringen". Richter John Jones III. nimmt sich fast zwei Monate Zeit zur Urteilsfindung. Schließlich gibt er seine Entscheidung bekannt. Essenz der 139 Seiten langen Urteilsbegründung: "Die Lehre von ID würde eine Verletzung der Verfassung darstellen, die die Trennung von Kirche und Staat vorschreibt."

Etwa zur gleichen Zeit beschließt der Bildungsausschuß des US-Bundesstaates Kansas, eine neue Definition von Wissenschaft. Aus der alten Definition "Wissenschaft ist die menschliche Aktivität, natürliche Erklärungen für all das zu finden, was wir in der Welt um uns herum beobachten", wird in Zukunft das Wort "natürliche" herausfallen.

Damit ist nach Meinung von ID-Kritikern Befürwortern der Schöpfungslehre "Tür und Tor geöffnet", da nun auch "Übernatürliches als Wissenschaft" definiert werden darf.

Dover und Kansas - zwei Schlaglichter einer großen Bewegung in den USA.

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