Der Tag, an dem John Lennon starb

Foto: AP

Erinnerung: Vor 25 jahren beendete Mark Chapman mit fünf Schüssen die Träume einer ganzen Generation. Protokoll eines Mordes: Erstmals zeigte ein US-Fernsehsender jetzt Ausschnitte aus Interviews mit dem Mann, der den Ex-Beatle tötete.

New York. Es war der 9. Dezember 1980, 6.15, in Europa. Der Radiowecker spielt die sanften Klänge von "Imagine" - "You may say I'm a dreamer, but I'm not the only one". Und dann plötzlich der Schock: Der Moderator erzählt etwas von einem "Verrückten, der den Beatle John Lennon gut eine Stunde zuvor mit vier Schüssen in den Rücken vor dessen Haus in New York ermordet" hat. John Lennon erschossen, so wie er selbst es 20 Jahre vorher einmal prophezeit hatte? John Lennon, der trotz allen Ruhms und Geldes immer noch die Welt verbessern wollte und eine ganze Generation daran glauben ließ, daß man mit einem Mann wie ihm wirklich Frieden in der Welt erreichen könnte?

Heute, ein Vierteljahrhundert später und kurz vor dem 25. Todestag John Lennons, weiß man sehr viel mehr über den Täter, den damals 25jährigen Mark David Chapman, und über dessen Motiv. Der US-Fernsehsender NBC brachte jetzt erstmals in einer Sondersendung Ausschnitte aus Interviews, die der Journalist Jack Jones über Jahre mit dem religiösen Eiferer geführt hat.

Der Mörder, der seit jenem 8. Dezember 1980 in einer Einzelzelle in Attica sitzt, hätte ihn angeblich nicht umgebracht, wenn dieser nicht einmal behauptet hätte, "die Beatles sind berühmter als Jesus". Auch durch den Satz "Imagine there is no heaven" (Stell dir vor, es gibt keinen Himmel) fühlte sich der religiöse Eiferer Chapman beleidigt. Ja, wenn . . . Imagine.

Es war keine Tat im Affekt. Alles wohl geplant. Chapman hat immer darauf bestanden, daß er nicht geistesgestört ist. Am 27. Oktober 1980 kauft er in Honolulu (Hawaii), wo er wohnte, eine fabrikneue "Charter Arms Special", eine 38-Millimeter-Pistole. Zwei Tage später fliegt der junge Mann nach New York, will Lennon schon dann umbringen. Der Plan scheitert, weil er keine Munition für seine Waffe bekommt. Chapman fährt in seinen Heimatstaat Georgia, wo er sich die Kugeln besorgt, die gut einen Monat später das Leben von John Lennon beenden sollen. Er macht im Wald Schießübungen.

Am 6. Dezember kehrt er zurück nach New York. Der Countdown läuft. Zuerst wohnt Chapman im YMCA am Central Park, zehn Häuserblocks entfernt vom "Dakota-Building", wo John Lennon, seine Frau Yoko Ono und der fünfjährige Sohn Sean wohnen. Tags darauf zieht er in ein Luxushotel in der Nähe um. Viele Jahre später erzählte Lennons Killer, der für sein Verbrechen "20 Jahre bis lebenslänglich" bekam, dem Journalisten Jack Jones in über 100 Stunden Interview, was damals in ihm vorging. Das Protokoll eines Mordes.

7. Dezember 1980, 20.05 Uhr: Chapman kommt von seiner Inspektionstour rund ums Dakota ins Hotel zurück. Chapman: "Ich erinnere mich noch, wie ich mir dachte, daß das meine letzte Nacht ist. Und ich erinnere mich, daß ich dachte, bevor ich in den Knast komme, möchte ich noch eine Frau haben." Gegen neun Uhr kommt ein Callgirl im grünen Kleid. Chapman: "Wir spielten nur so rum, ohne Sex."

8. Dezember 1980: Gegen 3.30 Uhr schläft Chapman ein. Noch knapp zwanzig Stunden, bis der Mann, der sich später beklagen wird, daß er "nie jemand war und ihn nie jemand kannte", die Schüsse abfeuern wird. 11.00 Uhr: Chapman trifft letzte Vorbereitungen. Chapman: "Ich war wie unter Zwang. Nichts hätte mich stoppen können, nichts von meinem Plan abbringen." Zu dieser Zeit sind John Lennon und Yoko Ono schon im Studio. John hört sich einen neuen Song an, den Yoko aufnimmt. Dann geht er zum Friseur. Anschließend haben der Musiker und seine Frau einen Termin mit der Starfotografin Annie Leibovitz. Es entsteht das berühmte Bild, das John nackt in Embryohaltung an Yoko geschmiegt zeigt.

12.10 Uhr: Bevor Chapman das Hotel verläßt, "präpariert" er sein Zimmer. "Ich legte einige Sachen wie in einen Schrein, den die Polizei später finden sollte. Auch eine Bibel, die ich beim Evangelium des Johannes aufschlug." 13.00 Uhr: John und Yoko kehren ins Dakota zurück, wo sie mit DJ Dave Sholin ein Interview haben - auch über ihr neues Album "Double Fantasy". Dave Sholin: "John war total gut drauf."

Chapman unterhält sich unten am Eingang mit Jude Stein, einem Lennon-Groupie, das fast jeden Tag hier wartet. Die junge Frau wird später aussagen: "Chapman war völlig ruhig, kontrolliert, freundlich und höflich."

14.50 Uhr: Sean wird von seinem Kindermädchen nach einem Spaziergang zurück ins Dakota gebracht. Chapman sagt zu Jude Stein: "Oh, ist der nicht süß, was für ein netter kleiner Junge." John Lennon hat noch acht Stunden zu leben.

17.05 Uhr: John und Ono verlassen ihre Wohnung. Chapman und sein Opfer stehen sich erstmals gegenüber. Chapman stellt sich dem Musiker in den Weg. Er zieht jedoch nur einen Kugelschreiber aus der Tasche. Chapman: "Ich hielt Herrn Lennon auf und sagte: ,John, würdest du mir ein Autogramm auf meine Platte geben?' Und er war sehr, sehr nett zu mir, sehr angenehm und sagte: ,Klar.' Dann schrieb er seinen Namen und 1980 darunter."

17.15 Uhr. John und Yoko fahren ab. Sie wollen noch einige Stunden im Studio arbeiten.

18.00 Uhr: John und Yoko machen den Song "Walking on Thin Ice" fertig. Noch knapp drei Stunden bis zum Mord.

20.00 Uhr: Chapman ißt in einem Delikateßladen eine Kleinigkeit, hört angeblich Stimmen. "Der Erwachsene in mir wollte nach Hause gehen, dieser innen zitternde Erwachsene wollte heim, aber das Kind schrie: ,Nein, nein, nein. Ich will ihn töten. Ich will ihn töten. Er gehört mir. Ich will ihn haben.' Der Teufel hatte plötzlich Gewalt über mich."

22.10 Uhr: John und Yoko verabschieden sich im Studio von ihrem Produzenten Jack Douglas. "Bis morgen früh um neun", ruft Lennon Douglas noch zu. Lennon hat noch 41 Minuten zu leben.

22.49 Uhr: Chapman unterhält sich mit dem Türsteher des Dakota, Jose Perdomo. Noch zwei Minuten bis zu Lennons Tod. Chapman: "Ich unterhalte mich mit Jose. Plötzlich sehe ich, wie ganz hinten am Central Park West eine Limo in unsere Richtung zieht und an der roten Ampel anhält. Und ich weiß, das ist er."

22.50 Uhr: Die Limousine hält vor dem Dakota. Yoko Ono steigt zuerst aus. Wenig später folgt John mit zehn Meter Abstand. Chapman: "Und ich höre eine Stimme in meinem Kopf, die sagt: Tu es, tu es, tu es. Laut, sehr dringend, daß ich ihn erschießen soll. Als er an mir vorbeigeht, ziehe ich die Pistole raus, ziele auf seinen Rücken und drücke fünfmal ab."

22.51 Uhr: Vier Kugeln durchschlagen Lennons Schulter und Rücken. Eine Kugel geht vorbei. Chapman: "Ich hörte von der Lobby einen schrecklichen, gutturalen Schrei: ,John ist angeschossen. John ist angeschossen.'"

Der Täter flieht nicht. Er setzt sich mit J.D. Salingers Kultbuch "Der Fänger im Roggen" nur wenige Meter entfernt von seinem Opfer hin und liest. Yoko Ono hält den Kopf ihres stark blutenden Mannes. Chapman: "Ich erinnere mich an die völlig surrealen Momente danach. Es war wie ein Vakuum, und man konnte noch Pulverdampf in der Luft riechen. Und ich glaube, an diesem Punkt brach ich langsam zusammen, ich bekam Herzrasen und wartete darauf, daß die Polizei kam."

22.58 Uhr. Der erste Streifenwagen hält vor dem Dakota. Die Polizisten beschließen, Lennon direkt ins Roosevelt Hospital zu fahren. Wenig später klicken die Handschellen um Mark David Chapmans Gelenke. Als Lennon im Krankenhaus ankommt, hat er rund 80 Prozent seines Blutes verloren.

23.15 Uhr: Dr. Stephen Lynn überbringt Yoko die Todesnachricht. Sie bricht zusammen, schreit: "Das kann nicht sein. Sie lügen. Er ist nicht tot. Er lebte doch gerade noch. Wir waren vor zwanzig Minuten noch im Auto."

Mark David Chapman, der geständig ist, sitzt noch immer im Gefängnis von Attica. Seit 2000 hat er dreimal versucht freizukommen. Sein Antrag auf Begnadigung wurde jedes Mal auf Drängen von Yoko Ono abgelehnt. Den nächsten Antrag kann Chapman 2006 stellen.

© Hamburger Abendblatt 2017 – Alle Rechte vorbehalten.