Takfiri - die Grausamsten unter Iraks Rebellen

Fanatiker: Wer sind die Männer, die Leichen verminen, Wehrlose töten und Unschuldigen die Köpfe abschneiden?

Hamburg. Die tödlichen Schüsse eines US-Marine auf einen verwundeten Iraker in Falludscha sorgten weltweit für Schlagzeilen. Besorgt wurde registriert, daß die amerikanischen Truppen im Irak offenbar zunehmend ihre eigenen Regeln für die Kriegsführung brechen. Der Hintergrund dieser Verrohung ist jedoch in einer geradezu bestialischen Kampfesweise einiger Rebelleneinheiten zu suchen.

Sie verminen Leichen gefallener Kameraden, ergeben sich scheinbar mit weißen Fahnen, um dann plötzlich aus allen Rohren zu feuern, erschießen Unbewaffnete, die gefallene Muslime bergen wollen, metzeln Frauen und Kinder nieder und schneiden Mitarbeitern von Hilfsorganisationen mit Messern die Köpfe ab.

Fassungslos nimmt der Westen zur Kenntnis, daß es für Teile der irakischen Aufständischen keinerlei Tabus zu geben scheint. Diese Fanatiker sind häufig Anhänger einer der furchtbarsten Ideologien der Gegenwart. Sie sind Takfiri - Adepten einer ultra-islamistischen Strömung, die sich das Recht nimmt, nicht nur die gesamte westliche Zivilisation vernichten zu wollen, sondern dazu auch alle Muslime, die nicht in ihr militantes Weltbild passen.

Um das Ziel eines "reinen Islam" auf dem ganzen Erdball zu erreichen, ist den Takfiri jedes Mittel recht. Sie bezeichnen staatliche Autorität im heutigen Sinne als Blasphemie und bekämpfen sie. Die Takfir-Ideologie, die auf dem Gedankengut des radikalen ägyptischen Islam-Denkers Sayyid Qutb (1906-1966) basiert, liefert die Rechtfertigung für jede Greueltat und zugleich ein Selbstverständnis der Überlegenheit. Sie wird von manchen Experten auch als islamischer Faschismus bezeichnet.

Nach Erkenntnissen europäischer und amerikanischer Ermittler durchdringt die Takfir-Ideologie zunehmend das weltweite Al-Kaida-Netzwerk. Mohammed Atta, Chef-Terrorpilot der Hamburger Al-Kaida-Zelle, war ein Takfiri; ebenso soll Ayman al Zawahiri, nach Osama bin Laden zweitmächtigster Führer von Al Kaida, dieser Strömung angehören.

Kern der Ideologie bildet die Überzeugung, daß der wahre Islam nur im "Goldenen Zeitalter" Mohammeds und der vier ersten Kalifen (622-661) existiert hat. Seitdem habe sich der Islam von seinen Ursprüngen entfernt und müsse nun von allen schädlichen Einflüssen, vor allem der westlichen Moderne, befreit werden. Während der traditionelle Islam Juden und Christen in seinem Geltungsbereich als schützenswerte Minderheiten oder gar Verwandte ansieht, die wie er heiligen Büchern huldigen (Thora, Bibel), betrachtet sie die Takfir-Ideologie als vernichtenswerten Teil einer Weltverschwörung gegen den wahren Islam.

Takfiris sind oft Meister der konspirativen Tarnung, führen häufig ein Doppelleben in der modernen Welt. Zur Erreichung ihrer Ziele dürfen sie Dinge tun, die sich normale Muslime nie gestatten würden. So können sie notfalls Schweinefleisch essen, Alkohol trinken, Sex mit westlichen Frauen haben, lügen, betrügen, stehlen oder Drogen verkaufen.

Die ideologische Strömung mit dem vollen Namen Al Takfir wal Hijra - was sich auf eine Rückführung im Glauben sowie die Flucht des Propheten Mohammed von Mekka nach Medina 622 bezieht - wurde in den siebziger Jahren von dem radikalen Ägypter Mustafa Shukri zunächst als Organisation gegründet. Shukri und seine Führungsriege wurden nach zahlreichen Morden und Terrorakten 1977 von der ägyptischen Regierung vor Gericht gestellt und ein Jahr später hingerichtet. Zunächst sah es aus, als sei Takfir damit am Ende. Doch inzwischen fällt Shukris tödliche Saat auf fruchtbaren Boden.