Die CIA - ein Hornissennest

Geheimdienst: Den Terroranschlag vom 11. September verschlafen, Irak falsch eingeschätzt - die "Agency" ist unter Beschuß. Ein neuer Chef soll aufräumen. Jetzt ist Aufruhr

Washington. Der "running Gag" in Washington ist dieser Tage, ob man Langley, jenen kleinen Ort in Virginia, in dem die CIA-Zentrale steht, nicht in Falludscha umbenennen sollte. Nicht nur weil das Hauptquartier des berühmtesten US-Geheimdienstes von vielen republikanischen Politikern und Bush-Getreuen als Rebellenhochburg gesehen wird, sondern auch deshalb, weil man sich fragt, wie viele "Aufständische" dort in den kommenden Tagen und Wochen noch "gekillt", sprich, ihren Job verlieren werden.

Im Weißen Haus kann man über den Falludscha-Scherz nicht lachen. US-Präsident George W. Bush hatte Anfang September seinen Parteikollegen Porter Goss zum neuen Chef der CIA erkoren, um den besonders seit dem 11. September 2001 ins Gerede gekommenen US-Geheimdienst umzuorganisieren und aus den negativen Schlagzeilen zu bringen. Damals waren sich fast alle Politiker am Kapitolshügel in Washington sicher, daß es nur noch besser werden könne.

Wenige Wochen vorher hatte George Tenet nach sieben Jahren als CIA-Direktor die Brocken frustriert hingeworfen, nachdem die Kritik an ihm immer schärfer geworden war. Tenet, noch von Bush-Vorgänger Bill Clinton installiert, geht als der Geheimdienstchef in die Geschichte ein, der nicht nur übersah, daß Pakistan und Indien Atomwaffen entwickelten, sondern auch als Verantwortlicher, der zahlreiche Hinweise auf die Terroranschläge des 11. September 2001 nicht richtig zu deuten wußte und Bush zudem versicherte, daß Saddam "todsicher" Massenvernichtungswaffen habe.

Mit der Nominierung von Goss sollte nun ein Neuanfang gemacht werden. Man sprach von "notwendigen Umstrukturierungen" und "Beruhigung innerhalb der Agency". Zwei Monate nachdem Porter Goss sein Chefbüro im siebten Stock der CIA-Zentrale in Langley bezogen hat, gleicht der sagenumwobene Geheimdienst einem Hornissennest, auf das halbwüchsige Jungen mit Holzprügeln eingeschlagen haben. Agenten, die zum Teil seit einem Vierteljahrhundert ihren Dienst in Langley versehen, sind sich einig, daß die Moral dort noch nie so schlecht war und es kaum jemanden gibt, der nicht ans Aufhören denkt, beziehungsweise um seinen Job bangt.

Die neuen Probleme begannen, als Bush verkündete, daß Porter Goss sein Wunschkandidat für die Nachfolge Tenets sei. Nicht daß man dem 66jährigen hätte vorwerfen können, nicht qualifiziert zu sein. Goss arbeitete von 1960 bis 1971 in der Undercover-Abteilung der CIA und war zuletzt als Kongreßabgeordneter der Vorsitzende des Geheimdienstausschusses, kannte Langley gewissermaßen wie seine Westentasche. In der CIA-Zentrale fürchtete man jedoch, daß der überzeugte Republikaner Goss Parteipolitik mit in die CIA-Zentrale bringen und strikt nach der Pfeife von George W. Bush tanzen würde. Ein absolutes Unding in der Tradition des wichtigsten US-Geheimdienstes, der sich immer nur dem Land, nie aber einer bestimmten Partei verpflichtet sah.

Die Befürchtungen sollten sich bald bestätigen. Als sich während des Präsidentschaftswahlkampfes mehrere Agenten und Abteilungsleiter gegen Kritik an ihrer Arbeit wehrten und der CIA-Analytiker Michael Scheurer, mit Genehmigung des damaligen Direktors George Tenet, ein Bush-kritisches Buch ("Imperial Hubris: Why the West is Loosing the War on Terror") schrieb, sprach die Regierungspartei von Verrat und schuf das Wort von der Rebellenhochburg in Langley. Goss bekam den inoffiziellen Auftrag, den Saustall zu säubern und die "Agency auf Linie zu bringen".

Als Goss seinen Dienst offiziell antrat, brachte er vier seiner Getreuen aus dem Kongreß mit, die in der CIA-Zentrale laut einem Bericht des Polit-Magazins "U.S.News & World Report" schnell den Spitznamen "Hitlerjugend" bekamen. An der Spitze des arrogant und knallhart parteiisch auftretenden Quartetts aus jungen Mitarbeitern machte sich Patrick Murray, Generalstabschef von Goss, besonders unbeliebt.

Als erste Tat legte er Bush-Kritiker Scheurer nahe, seinen Schreibtisch bei der CIA zu räumen. Einige langjährige Agenten packten ebenfalls ihre Sachen und sprachen später von "Diktatur in der CIA".

Wer gedacht hatte, daß er schon Patrick Murrays wahres Gesicht gesehen hatte, wurde bald eines Besseren belehrt. Als Goss seinen Freund und Parteikollegen Michael Kostiw zu einem seiner Stellvertreter und der faktischen Nummer drei der CIA machen wollte, steckten Agenten der "Washington Post", daß Kostiw einst beim Diebstahl eines Pfundes Speck erwischt und deshalb als CIA-Spion gefeuert worden war. Kostiws zweite CIA-Karriere war zu Ende, bevor sie überhaupt begonnen hatte. Murray lief wutentbrannt über die Flure in Langley und drohte zahlreichen Abteilungsleitern, sie zu feuern, wenn noch einmal etwas nach draußen gelänge. Als ihn Michael Sulick, ein hochrangiger Beamter der Undercover-Abteilung warnte, ihn und seine Mitarbeiter nicht wie "verdammte demokratische Kotzbrocken" zu behandeln, forderte Murray bei Goss den Rauswurf Sulicks.

Der neue CIA-Chef, der sehr wohl wußte, daß Sulick und dessen Chef Stephen Kappes zu den fähigsten Leuten gehören, die der CIA hat, erteilte Murray eine Abfuhr. Dieser bekam jedoch trotzdem seinen Willen, als sowohl Sulick als auch Kappes tags darauf aus Verärgerung kündigten. Kappes, der jahrelang als CIA-Chef in Moskau und Pakistan gearbeitet hatte, hatte sich zuletzt einen Namen gemacht, als er Libyens Staatschef Muammar el Gaddafi dazu überredete, sein Programm zur Produktion von Massenvernichtungswaffen aufzugeben.

Die Kündigung von Kappes und Sulick sorgte für ein Erdbeben innerhalb der CIA-Zentrale. Denn im Gegegnsatz zu vielen anderen waren sie voll auf seiten der Regierung und wollten alles tun, den guten Ruf der CIA wiederherzustellen. Milt Bearden, ein CIA-Veteran, der 30 Jahre als Agent gearbeitet hatte, sagte entsetzt: "Das waren die richtigen Jungs, zur richtigen Zeit im richtigen Job - sie zu verlieren ist ein schwerer Verlust für die Agency." Insider rechnen damit, daß in den nächsten Wochen "Dutzende von hochrangigen Mitarbeitern" ihre Sachen packen werden. Zudem hält sich hartnäckig das Gerücht, daß es eine sogenannte "hit list" gibt, eine Liste von unliebsamen CIA-Mitarbeitern, die zum "Abschuß" freigegeben sind. "Das ist der schlimmste innerbetriebliche Kampf, den ich je erlebt habe", erklärte ein CIA-Abteilungsleiter, der seit drei Jahrzehnten in Langley arbeitet.

Viele vermuten hinter dem Chaos innerhalb der CIA jedoch nicht Goss oder Murray, sondern US-Vizepräsident Dick Cheney und seinen engen Freund Verteidigungsminister Donald Rumsfeld. Die beiden alten Kumpel versuchen seit Jahren, die CIA zugunsten verschiedener Pentagon-Geheimdienste zu schwächen. Besonders Rumsfeld hat in der Vergangenheit nie ein Geheimnis daraus gemacht, daß er nicht viel von den Leuten in Langley hält. Dank Cheney und dessen Einfluß auf US-Präsident George W. Bush ist es dem Verteidigungsminister gelungen, insgesamt 85 Prozent des Geheimdienstbudgets in Höhe von rund 40 Milliarden Dollar (30 Milliarden Euro) unter seine Kontrolle zu bringen.

Durch den Abschlußbericht der 9/11-Kommission, die die Terroranschläge in New York und Washington untersuchte, sehen Cheney und Rumsfeld ihre Machtposition in Sachen Geheimdienst gefährdet. Denn der 9/11-Bericht rät dringend, alle 15 US-Geheimdienste unter ein Dach zu bringen und die Position eines allmächtigen Geheimdienstdirektors zu schaffen, der als letzte Instanz für alle Dienste gilt und über das gesamte Budget verfügen kann.

Bisher hat die republikanische Mehrheit im Kongreß trotz der 9/11-Empfehlung die Position eines solchen Geheimdienstchefs abgelehnt. Im Weißen Haus ist man sich jedoch auch im klaren darüber, daß die Regierung Schwierigkeiten von seiten der Hinterbliebenen von 9/11-Opfern bekommen könnte, wenn sie sich den Empfehlungen des Untersuchungsausschusses dauerhaft widersetzt. Präsident Bush selbst ist nach zuverlässigen Informationen nicht sehr glücklich über die derzeit öffentlich ausgetragene Demontage der CIA, da sie seiner Meinung nach auch Schatten auf seinen Vater wirft. Bush senior war, bevor er US-Präsident wurde, kurze Zeit CIA-Direktor.

In Washington kursiert dieser Tage das Gerücht, daß das Problem schon bald elegant gelöst werden könnte. Danach würden der Kongreß und auch Cheney und Rumsfeld Anfang nächsten Jahres der Installierung eines Geheimdienst-Superchefs zustimmen um innen- und außenpolitischen Ärger zu vermeiden. Als Kandidat für den neuen Posten wird ein Name gehandelt, den in der US-Hauptstadt inzwischen jeder kennt: Porter Goss.

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