Woher, wohin, wie viel - zwölf Fragen zum Gas

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Müssen wir Engpässe bei der Gasversorgung befürchten? Nein. "Die Kunden können sich auf die sichere Versorgung mit Gas verlassen, weil die...

Müssen wir Engpässe bei der Gasversorgung befürchten? Nein. "Die Kunden können sich auf die sichere Versorgung mit Gas verlassen, weil die deutsche Gaswirtschaft mit einem Mix aus verschiedenen Instrumenten arbeitet", sagt Jan Ulland vom Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW). "Dazu gehört, dass wir Erdgas von verschiedenen Lieferanten und aus verschiedenen Ländern beziehen." Die Liefermengen seien vertraglich festgelegt, so der BDEW-Sprecher, im Bedarfsfall könnten sie auch erhöht werden. "Im Zweifelsfall wird Gas umgeleitet, so wie es E.on Ruhrgas jetzt in Süddeutschland gemacht hat." In Norddeutschland kommt nach Aussagen von E.on-Hanse-Sprecherin Iris Franco-Fratini derzeit nur ein Viertel des Gases aus Russland, der größere Teil stammt aus Norwegen, Dänemark, den Niederlanden und Deutschland. "Das Gas fließt weiter, zudem haben wir für Versorgungsengpässe volle Gasspeicher."

Wie lange würden unsere Vorräte im Ernstfall reichen? Nach Angaben des Bundesverbandes der Energie- und Wasserwirtschaft reichen die vorhandenen Speicherkapazitäten für viele Wochen. "Es ist aber völlig unwahrscheinlich, dass alle Gasquellen gleichzeitig ausfallen", so Sprecher Jann Ulland. Derzeit seien weniger als ein Drittel der Lieferungen betroffen, weil Gazprom Gas über Weißrussland und Tschechien umleite.

Wie viele deutsche Haushalte sind von Gas abhängig? In Deutschland heizen 18,4 Millionen der Haushalte mit Gas. Zählt man die Haushalte dazu, die mit Gas kochen und Wasser erwärmen, ist jeder zweite Haushalt von Gas abhängig. In Hamburg haben mehr als 270 000 von 960 000 Haushalten einen Gasanschluss.

Wird der Gaspreis wegen der Krise steigen? Dies ist nicht zu erwarten. Alle großen Gasversorger in Deutschland haben in ihren Lieferverträgen die Höhe des Gaspreises an die Entwicklung des Ölpreises gekoppelt. Durch diese sogenannte "Ölpreisbindung" folgt der Gaspreis in der Regel mit einer halbjährigen Verzögerung dem Ölpreis. Angesichts der in den vergangenen Monaten stark gesunkenen Ölpreise wollen die Gasversorger demnächst ihre Gaspreise senken. Für den größten norddeutschen Gasversorger E.on Hanse bedeutet dies: "Wir werden im Februar die Preise um vier Prozent und ein weiteres Mal im Frühjahr senken", sagte Sprecherin Iris Franco. (bk)

Woher kommt eigentlich unser Gas? Der größte Anteil wird aus Russland geliefert. Das sind 37 Prozent. Es folgen Norwegen mit 26 Prozent und die Niederlande mit 18 Prozent, 15 Prozent fördert Deutschland selbst, überwiegend in Niedersachsen. Aus Dänemark, Großbritannien und anderen Ländern stammen zusammen vier Prozent.

Was regeln unsere Verträge mit Russland? "Die Vertragsinhalte sind Betriebsgeheimnis", sagte ein Sprecher von E.on Ruhrgas dem Abendblatt. Mit einer Laufzeit bis 2036 würden die Lieferkonditionen, die Bindung des Gaspreises an den Ölpreis sowie mögliche Kompensationsmaßnahmen bei Nicht-Einhaltung der Vereinbarungen generell geregelt. Russland bietet zurzeit an, 1000 Kubikmeter Gas für 300 Dollar zu liefern.

Was ist Gazprom? Der russische Energiekonzern Gazprom ist 1989 im Zuge der Perestroika aus dem sowjetischen Gasindustrieministerium hervorgegangen. 1992 wurde der Staatskonzern in eine Aktiengesellschaft umgewandelt. Der russische Staat besitzt 50,002 Prozent der Aktien. 6,4 Prozent der Anteile hält der deutsche Energiekonzern E.on. Erklärtes strategisches Ziel ist die Einnahme einer führenden Position im globalen Energiemarkt. Gazprom ist nach eigenen Angaben der weltgrößte Erdgasförderer. Die Produktion lag 2007 bei 549 Milliarden Kubikmetern. Der Anteil an der weltweiten Gasproduktion beträgt etwa 20 Prozent. Der russische Konzern verfügt mit rund 157 000 Kilometer Länge über das größte Gasleitungsnetz der Welt und exportiert Erdgas in 32 Länder. Nach Börsenwert (Stand 2007) ist Gazprom der drittgrößte Energiekonzern der Welt nach PetroChina und der US-amerikanischen ExxonMobil. Das Unternehmen beschäftigt nach eigenen Angaben rund 436 000 Mitarbeiter. Vorstandsvorsitzender ist seit Mai 2001 Alexej Miller, Aufsichtsratschef ist seit Juni 2008 der ehemalige russische Ministerpräsident Viktor Subkow. Beide sind enge Vertraute von Ministerpräsident Wladimir Putin. Gazprom beherrscht mit etwa 85 Prozent der Förderung den russischen Erdgasmarkt und hat ein Monopol für den Gasexport. Europa ist durch mehrere Pipelines unter anderem über die Ukraine und über Weißrussland an die russischen Erdgasquellen angeschlossen.

Gazprom ist auch außerhalb Russlands aktiv. Um seine Bekanntheit zu steigern, tritt der Konzern unter anderem als Hauptsponsor des Fußball-Bundesligisten Schalke 04 auf.

Wann ist die geplante Ostsee-Pipeline fertig? Die Ostsee-Pipeline soll bis zu 55 Milliarden Kubikmeter Gas jährlich vom russischen Wyborg bis zum 1200 Kilometer entfernten Greifswald transportieren. Die Pipeline wird etwa sieben Milliarden Euro kosten. Dahinter steht das von Gazprom dominierte Nord-Stream-Konsortium, dessen Aufsichtsratschef Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder ist. Beteiligt sind auch BASF und E.on. Das 2005 gestartete Projekt soll laut Gazprom 2010 den Betrieb aufnehmen und 2016 volle Kapazität erreichen.

Kann man Gas auch per Schiff transportieren? Ja. Dazu muss es auf minus 162 Grad heruntergekühlt und verflüssigt werden. Das Problem allerdings ist die Anlandung des sogenannten LNG (Liquefied Natural Gas). Dafür sind spezielle Flüssiggasterminals nötig. In Deutschland existiert keiner. Planungen für einen Bau in Wilhelmshaven wurden bisher nicht umgesetzt. In ganz Europa gibt es 13 Terminals an Europas Küsten von der Türkei über Griechenland, Italien, Spanien, Frankreich bis nach Belgien und England.

Wie entsteht Erdgas? Es dauert Millionen Jahre, bis Erdgas entsteht. Es bildet sich über verschiedene geochemische Umwandlungsprozesse aus organischem Material wie abgestorbenen Pflanzen, Plankton und Kleinstlebewesen. Im Laufe der Jahrmillionen wurden diese Schichten luftdicht abgedeckt, rutschten immer tiefer unter die Erdoberfläche und wurden durch steigenden Druck und Temperaturen verdichtet. So entstand zunächst Erdöl oder Kohle. Dann senkten sich die Schichten weiter, Druck und Temperaturen stiegen, sodass sich die leichtflüchtigen Bestandteile lösten und durch Risse und Poren durch die Gesteinsschichten nach oben wanderten. Wenn sie auf gasdichte Schichten trafen, bildeten sich Gaslagerstätten. In Europa wurde im Jahr 1844 zum ersten Mal Erdgas im Gebiet des Wiener Ostbahnhofes gefunden.

Wie lange reichen die Gasvorkommen der Erde? Die Erdgasmengen sind enorm. Die heute bekannten Reserven reichen nach Einschätzung von Experten noch mindestens 57 Jahre, heißt es in der ExxonMobil-Studie "Öldorado 2008". In den nächsten Jahren könnten weitere Reserven entdeckt werden. Allerdings liegen von den rund 175 Billionen Kubikmetern bekannten Erdgasreserven nur 3,2 Prozent in Europa (ohne GUS-Staaten) - und zwar in Norwegen, in den Niederlanden, in Großbritannien und Deutschland, so das Bundeswirtschaftsministerium. Die Lagerstätten in Großbritannien dürften in neun Jahren erschöpft sein. Nur drei Jahre später könnte auch in Deutschland die Gasförderung enden. In den Niederlanden reichen die Vorräte noch für 18 Jahre, in Norwegen für 25 Jahre - immer vorausgesetzt, dass der Verbrauch nicht nennenswert zunimmt.. Über die weltweit größten bekannten Gasvorräte verfügt Russland mit rund 26 Prozent. 15 Prozent liegen im Iran, 14 Prozent in Katar. Diese Lieferländer dürften auf dem Gasmarkt deutlich an Bedeutung gewinnen, da ihre Förderung bisher eher gering war. Das Gleiche gilt für die meisten anderen Golfstaaten sowie für Venezuela, Nigeria, Kasachstan und Aserbaidschan.

Welche Alternativen gibt es zu Erdgas? Vor allem kommen hier Erdöl oder Fernwärme, die möglichst in Kraft-Wärme-Kopplung (die eigentliche Energiequelle kann dabei Braunkohle, Steinkohle oder Biomasse sein) erzeugt wird, infrage. Zunehmend spielen auch Holz oder Holzpellets eine Rolle. Zu den modernen Energieträgern zählt zudem die Erdwärme, das gilt vor allem im Bereich der Neubauten (bereits knapp zehn Prozent benötigen keine andere Heizung mehr). Der Anteil der erneuerbaren Energien, zum Beispiel aus Wind und Sonne, am Energie-Endverbrauch hat 2008 bei 9,6 Prozent stagniert. Bei der Wärmeversorgung machen erneuerbare Energien 7,3 Prozent aus. Am wichtigsten ist Energiesparen, das zum großen Teil auch durch Gebäudesanierungen erreicht werden kann. Solarenergie wird weniger zum Heizen, sondern vor allem bei der Warmwasser-Bereitung genutzt.


( mik, mik, mik, mai, fis, fis, fis, mai, mik, bk, swa )

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