Tapfere Jemenitin: Nach der Zwangsehe von Nojoud Ali

Zum zweiten Mal "verkauft"

Vor einem Jahr setzte sie als Neunjährige ihre Scheidung durch - Jetzt hält ihr Vater sie fest, um an ihrem Ruhm zu verdienen.

Wien. Als Nojoud Ali im vergangenen April das Gerichtsgebäude in der jemenitischen Hauptstadt Sanaa verließ, sah alles nach einem Sieg aus. Die Neunjährige hatte die Scheidung ihrer Ehe durchgesetzt, in die sie ihr Vater für umgerechnet 1100 Euro Brautgeld verkauft hatte. Und zugleich hatte sie sich von einem 21 Jahre älteren Mann befreit, der sie jeden Tag geprügelt und vergewaltigt hatte. Das Urteil wurde international als Sensation gefeiert. Und Nojoud Ali sagte Reportern: "Ich bin so glücklich, wieder frei zu sein." Damit aber scheint es schon wieder vorbei zu sein. Vergangene Woche sollte die heute Zehnjährige in Wien mit dem "Women's World Award" ausgezeichnet werden, so wie Schauspielerin Monica Bellucci oder Sängerin Anastacia. Doch den Preis für Nojoud Ali musste Königin Noor von Jordanien entgegennehmen, weil Nojoud Ali nicht erschienen war. Aber warum nicht?

"Teile der jemenitischen Regierung wollten offenbar verhindern, dass sie das Land verlässt, um ihre Geschichte zu erzählen", sagte Gregor Kindel, Mitbegründer und Veranstalter des "Women's World Award". Ihr Pass sei beschlagnahmt worden, als sie von ihrer letzten Reise aus Paris in den Jemen zurückgekehrt war. Die jemenitische Botschaft in Wien dementiert das. "Minderjährige dürfen nicht alleine ausreisen, es sei denn die Eltern stimmen zu", ließ Botschafter Ahmed al-Alwani ausrichten. "Das Kind war in New York und in Paris, damals haben die Eltern eingewilligt. Diesmal haben sie keine Zustimmung abgegeben, sonst wäre sie heute da."

Gregor Kindels Version deckt sich allerdings mit dem, was Nojoud Ali der französischen Journalistin Delphine Minoui einen Tag vor der Preisverleihung am Telefon erzählt hat. Die preisgekrönte Nahost-Reporterin des "Figaro" lebt im Libanon, spricht aber zwei- bis dreimal pro Woche mit dem Mädchen, seit sie dessen Geschichte für das Buch "Ich, Nojoud, zehn Jahre, geschieden" aufgezeichnet hat.

"Nojoud ist ein besonders tapferes Mädchen", sagt Minoui, "und im Gegensatz zu vielen Frauen im Jemen kann sie Nein sagen, aber sie hat mit ihrem Richter und ihrer Anwältin Shada Nasser auch viel Glück gehabt." Die Glückssträhne hat nach dem Prozess indes schnell geendet: Nojoud Ali ist aus Sehnsucht nach ihrer Familie wieder bei ihren Eltern eingezogen - und ihr Vater, der sie schon einmal verkauft hatte, hat gerade entdeckt, dass mit seiner berühmten Tochter auch nach der Scheidung noch etwas zu verdienen ist. "Er ist kein schlechter Mensch", sagt Minoui über den Vater, "nur ein einfacher Mann vom Land, der jeden Tag ohne Job zwei Frauen und 16 Kinder ernähren muss." Immer noch klopften fast täglich Menschen an seine Tür, um die kleine Muslimin zu sprechen, die sich aus der Zwangsheirat befreit hat. Und da viele bereit sind, dafür zu bezahlen, lässt der Vater das Mädchen nicht mehr zur Schule gehen und hat ihm den Kontakt mit der Anwältin verboten.

"Sie wird vom Lernen abgehalten", sagt Minoui, "das ist im Moment das Schlimmste. Und es ist dabei nicht sehr hilfreich, wenn wir sie ständig nach New York, Paris oder Wien einladen. Vielleicht hat man ihr auch deshalb den Pass entzogen." Besser wäre ein Ausbildungsfonds; Gregor Kindel vom "Women's World Award" hat laut "Kurier" bereits einen eingerichtet.

Die Einkünfte aus Minouis Buch sind ebenfalls für Nojoud Ali bestimmt. Der Richter, der ihr die Scheidung gewährte, soll das Geld verwalten, damit es nicht in die Hände des Vaters gerät. Das Buch verkauft sich gut, es ist in acht Ländern erschienen und in Frankreich ein Bestseller, es dürfte also genug zusammenkommen, damit Nojoud Ali ihrer Familie ein Haus kaufen und selbst Anwältin werden kann, so, wie sie es sich vorgenommen hat.

Als sie damals vor einem Jahr einfach aufstand und ging, wollte sie aber zunächst etwas anderes - einfach nur wieder ein ganz normales Kind sein. Und diesen Wunsch wird ihr wohl keiner mehr erfüllen können.

Der Kritik an der jemenitischen Regierung will sich Delphine Minoui trotzdem nicht anschließen:

"Dank des Kampfes von Nojoud haben auch andere angefangen zu kämpfen." Mindestens zwei weitere Mädchen haben die Scheidung eingereicht, auch in Saudi-Arabien ist eine Achtjährige vor Gericht gezogen. Vor zwei Wochen hat das Parlament außerdem das Mindestalter für Heiratswillige von 15 auf 17 erhöht. "Es wurde also gerade ein wichtiges Zeichen gesetzt."