Chinesischer Aktivist in den USA angekommen

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Andreas Landwehr

Chen Guangcheng fürchtet im Exil Pekings Rache an seinen Verwandten

New York/Peking. Chen Guangcheng ist glücklich, erschöpft und besorgt zugleich. Auf Krücken, den Fuß in Gips und gestützt von seiner Frau Yuan Weijing, macht der blinde Bürgerrechtler in New York die ersten Schritte in der Freiheit. Nach "viel Wirbel" habe er China endlich verlassen können, sagt der 40-Jährige. Er dankt nicht nur der amerikanischen Regierung, sondern findet selbst freundliche Worte für Chinas Führer, "die zurückhaltend und ruhig mit der Situation umgegangen sind - und ich hoffe, dass sie ihren offenen Diskurs fortsetzen und damit Respekt und Vertrauen der Menschen ernten".

Aus den sorgfältig gewählten Worten klingt die Sorge, dass lokale Funktionäre jetzt "schlimme Rache" an den Verwandten in seinem Heimatdorf nehmen könnte, wie Chen Guangcheng vor seiner überstürzten Abreise der Nachrichtenagentur dpa in Peking gesagt hatte. Es sind gemischte Gefühle, mit denen er die Heimat verlässt. Von einem Happy End lässt sich kaum reden, doch endet mit seiner Ankunft die seit Langem schwerste diplomatische Krise zwischen China und den USA. Sein Fall wurde gelöst, ohne dass die Beziehungen zwischen der größten und der zweitgrößten Wirtschaftsmacht Schaden genommen hätten.

Zum G8-Gipfel in Camp David konnte US-Präsident Barack Obama einen außenpolitischen Erfolg verbuchen, der ihm auch im Wahlkampf nützlich sein dürfte. Im wochenlangen Tauziehen war Obama in die Defensive geraten. Ihm wurde vorgeworfen, sich allzu leichtgläubig auf vage Zusagen Chinas eingelassen zu haben. Am Ende kann Washington Lob für seine Diplomatie ernten - und China demonstriert, seine Versprechen auch einzuhalten.

Ein gelungenes Beispiel für Konfliktlösung, findet Professor Cheng Xiaohe von der Volksuniversität (Renmin Daxue). "Die USA und China sind wegen des Falles von Chen Guangcheng nicht vom Kurs abgekommen", sagt der Experte in Peking der dpa. Die USA hätten den Ball flach gespielt und eng mit Peking kooperiert. Das Vorgehen sei aber wegweisend und könne sich in Zukunft wiederholen. "Früher haben beide Länder kleine Dinge aufgeblasen, heute gibt es den Trend, große Dinge eher klein zu fahren."

Mit seiner Ausreise entkommt Chen Guangcheng weiterer Verfolgung. Doch wartet auf ihn ein ungewisses Schicksal. Die nationalistische "Global Times" sagte fast hämisch voraus, Chen Guangcheng werde in den USA wie andere exilierte Dissidenten vor ihm in der Bedeutungslosigkeit versinken.

Doch Wang Dan, der frühere Studentenführer der 1989 blutig niedergeschlagenen Demokratiebewegung, sieht das ganz anders. Er ruft ihm schon vor der Ankunft ein herzliches "Willkommen in Amerika, Mr. Chen" entgegen. Der blinde Aktivist müsse sich nicht sorgen, keine Rolle mehr in der Bürgerrechtsbewegung in China spielen zu können, schrieb Wang Dan in der "New York Times". "Ich bin seit 14 Jahren im Exil, und ich habe gelernt, dass es viele Wege gibt, von außen Einfluss auf China zu nehmen", schrieb Wang Dan. "Das Internet und die Globalisierung haben das Konzept des Exils an sich verändert."