Jugendarbeitslosigkeit

Spaniens Jugend geht für eine Zukunft auf die Straße

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43 Prozent der unter 25-Jährigen haben in Spanien keinen Job. Proteste richten sich auch gegen gleichgültige Politiker, Banker und Korruption.

Madrid. Cristina Gutiérrez ist müde, aber zufrieden. "Von hier kann uns niemand vertreiben, wir sind einfach zu viele", sagt sie und lächelt. Die Biologiestudentin sitzt mit ihren Kommilitoninnen an der Puerta del Sol im Herzen der spanischen Hauptstadt Madrid, die Isomatte und den Schlafsack hat sie neben sich. "30 000 Leute waren wir gestern Abend, da konnten die 200 Polizisten, die unsere Versammlung auflösen sollten, wenig ausrichten", sagt die junge Frau. Auch als es um Mitternacht zu regnen anfing, harrte Cristina aus. Gestern füllte sich das Versammlungszentrum der Protestbewegung erneut, es kamen noch mehr Menschen als am Vortag, wieder wurde eifrig diskutiert und gefeiert.

Die jungen Leute wollen mit der "Spanish Revolution" nicht nur auf die dramatisch hohe Arbeitslosigkeit, ihre fehlenden Perspektiven oder die Sozialkürzungen der Regierung Zapatero aufmerksam machen. Sie protestieren auch gegen Banker und Spekulanten, gegen die Gleichgültigkeit der politischen Klasse und die weit verbreitete Korruption. Sie nennen sich die "Indignados", die Empörten, die Bewegung heißt 15-M, weil sie am 15. Mai ihren Anfang nahm. An diesem Tag protestierten in allen großen spanischen Städten Dutzende von Menschen, wenig später Tausende.

"Das wird eine große Sache, eine richtige Revolution, endlich erwachen wir aus der Lethargie", sagt Juan, 24, ein angehender Informatiker, der seine Aussichten auf einen Job angesichts der schweren Wirtschaftskrise mit "gleich null" bewertet.

Die kunterbunten Jugenddemos der letzten Tage erregen internationales Aufsehen. Die britische BBC verglich das Madrider Zentrum um die Puerta del Sol schon mit dem Tahrir-Platz in Kairo, nicht zuletzt weil die Proteste nach ägyptischem Vorbild über das soziale Netzwerk Facebook oder über Twitter organisiert werden und die Stimmung genauso euphorisch ist wie vor Wochen in Kairo. "Hier versammeln sich ganz normale Bürger ohne die Unterstützung der Gewerkschaften oder Parteien, und das ist ein absolutes Novum in Spanien", sagt Fabio Gándara, 26, ein arbeitsloser Anwalt und Sprecher der Bewegung, stolz. Die spontane Protestwelle, zu der jeden Tag neue "Empörte" jeglichen Alters stoßen, ist das beherrschende Thema in den Medien des Landes. Dass die Proteste im krisengeschüttelten Land in dieser Woche ausbrechen, ist kein Zufall. Am Sonntag finden in fast ganz Spanien Kommunal- und Regionalwahlen statt, die Politiker hetzen von einem Termin zum nächsten. Für Belange der jungen Leute blieb da wenig Zeit, obwohl das Land mit einer Jugendarbeitslosigkeit von 43 Prozent bei den unter 25-Jährigen das Schlusslicht in der OECD ist. Kein Wunder, dass die Betroffenen auf plötzliche Anbiederungsversuche allergisch reagieren. Als der Madrider Sozialist Tomás Gómez am Mittwoch das Protestcamp an der Puerta del Sol besuchen wollte, wurde er ausgebuht. Auch prominente Gewerkschaftsführer durften die Geschehnisse nur aus der Ferne beobachten.

Derweil wächst die Angst in den Reihen der Sozialisten. Die Partei des spanischen Regierungschefs José Luis Rodríguez Zapatero befürchtet, dass der Urnengang in einem Debakel für sie endet. Nach den Sozialkürzungen und den Beschneidungen von Arbeitnehmerrechten unterscheidet sich die sozialistische PSOE in den Augen vieler Spanier kaum noch von der konservativen Volkspartei (PP). Die hingegen beobachtet die "Selbstzerfleischung der Linken" mit einer gewissen Zufriedenheit. Wahlumfragen zufolge werden die Konservativen in ihrer Hochburg Madrid die absolute Mehrheit verteidigen und den Sozialisten die Rathäuser von Sevilla und Barcelona entringen.

Nach Tagen völliger Orientierungslosigkeit geht es den Sozialisten jetzt um Schadensbegrenzung. Ex-Regierungschef Felipe Gónzalez zeigte Verständnis für die Bewegung: "Es kann nicht sein, dass die Generation, die am besten ausgebildet ist, die schlechtesten Chancen hat", sagte er. Und seine Parteikollegin, die Verteidigungsministerin Carmé Chacón, sieht einige der Forderungen der Demonstranten durchaus als "realisierbar" an.

Derweil wollen die Protestierenden mindestens bis zum Wahlsonntag an der Puerta del Sol ausharren - und auch darüber hinaus. Solange es geht. Ihr Motto: "Yes we camp."

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