Ägäiskonflikt

Erdogan droht Athen: Gibt es bald Krieg im Mittelmeer?

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Gerd Höhler
Recep Tayyip Erdogan: sein Aufstieg zum türkischen Präsidenten

Recep Tayyip Erdogan: sein Aufstieg zum türkischen Präsidenten

Der türkische Machthaber Recep Tayyip Erdogan ist in ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen, hat sich hochgearbeitet. Heute ist er Präsident der Türkei. Seine Macht ist stetig gestiegen.

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Die Spannungen zwischen der Türkei und Griechenland spitzen sich gefährlich zu. Droht ein Krieg? Die wichtigsten Fragen und Antworten.

Athen/Ankara. Der türkische Staatschef Recep Tayyip Erdogan lässt keine Gelegenheit aus, mit dem Säbel zu rasseln: Beim Gründungsgipfel der Europäischen Politischen Gemeinschaft in Prag wiederholte er am Donnerstagabend seine Kriegsdrohungen gegenüber dem Nachbarn Griechenland: "Wir können plötzlich mitten in der Nacht kommen", sagte der türkische Präsident. Worum geht es bei dem Streit, wie groß ist die Kriegsgefahr? Fragen und Antworten zum Ägäiskonflikt.

Droht ein Krieg zwischen Griechenland und der Türkei?

"Wir kommen plötzlich über Nacht" ist eine Formulierung, die Erdogan bereits mehrfach benutzt hat, so vor dem türkischen Einmarsch in Nordsyrien. Auf die Frage eines Reporters in Prag, ob er jetzt von einem Angriff auf Griechenland spreche, antwortete Erdogan dem Journalisten: "Sie haben es richtig verstanden, und die (Griechen) sollten die Botschaft auch verstehen."

Worum streiten die beiden Nachbarländer?

Es geht um die Grenzen und Hoheitsrechte im östlichen Mittelmeer. Die Türkei erhebt Ansprüche auf Seegebiete, die nach der UNO-Seerechtskonvention Griechenland als Ausschließliche Wirtschaftszone (AWZ) zustehen. In jüngster Zeit stellt Ankara auch die griechische Souveränität über Ägäisinseln wie Rhodos, Kos, Lesbos und Samos infrage. Ankara argumentiert, Griechenland habe dort Militär stationiert und verletze damit völkerrechtliche Verträge, die eine Demilitarisierung der Inseln bestimmen. Griechenland verweist auf die Bedrohung durch die Türkei und beruft sich auf sein Recht zur Selbstverteidigung.

Könnten beide Länder die Streitfragen nicht mit Verhandlungen lösen?

Griechenland schlägt vor, den Streit um die Wirtschaftszonen vom Internationalen Gerichtshof in Den Haag schlichten zu lassen. Das lehnt die Regierung in Ankara aber bisher ab – möglicherweise aus der Sorge, ein Schlichterspruch könnte zum Nachteil der Türkei ausfallen. Athen wiederum will auf keinen Fall in Verhandlungen eintreten, die Griechenlands Souveränitätsrechte berühren. Die Grenzen zwischen beiden Ländern und die Hoheitsrechte über die Ägäisinseln seien nicht verhandelbar, heißt es in der griechischen Hauptstadt.

Was will Erdogan?

Vor allem will er die nächsten Wahlen im Frühjahr 2023 gewinnen. In den Meinungsumfragen steht seine Partei so schlecht da wie noch nie, seit sie vor 20 Jahren an die Macht kam. Der Grund ist vor allem die hohe Inflation von 83 Prozent. Mit der zunehmend aggressiven Rhetorik gegenüber Griechenland versucht Erdogan, von der Wirtschaftskrise abzulenken.

Würde Erdogan für den Machterhalt sogar einen Krieg mit Griechenland riskieren?

Auszuschließen ist das nicht. Ein bewaffneter Konflikt zwischen der Türkei und Griechenland sei "nicht nur möglich, sondern wahrscheinlich", schrieb jetzt der amerikanische Historiker Ryan Gingeras. Rhetorisch bereitet Erdogan eine mögliche Militäroperation bereits seit Wochen vor. So spricht er immer häufiger davon, Griechenland halte Ägäisinseln wie Rhodos, Chios und Samos "besetzt".

Wie könnte die Türkei versuchen, ihre Ansprüche durchzusetzen?

Militärexperten halten es für denkbar, dass Ankara versuchen wird, eine Seeblockade gegen griechische Inseln zu verhängen. Inselhäfen wie Chios, Kos oder Mytilini auf Lesbos liegen direkt gegenüber der türkischen Küste. Eine solche Blockade könnte binnen weniger Stunden zu einem offenen Krieg eskalieren.

Wie verhält sich die NATO?

NATO-Generalsekretär Jens Stoltenberg bemüht sich um Neutralität in dem Konflikt und vermeidet alles, was nach einer Parteinahme für eine der beiden Mitgliedsstaaten aussehen könnte. Aber in der Allianz wächst der Unmut mit der Türkei. Erdogan blockiert nicht nur die Aufnahme Schwedens und Finnlands, er liebäugelt auch mit dem Beitritt zur Shanghaier Organisation für Kooperation, einer Anti-NATO, der Russland, China und der Iran angehören.

Wo steht Deutschland in dem Konflikt?

Die Bundesregierung war in der Ära von Angela Merkel zuallererst darauf bedacht, Erdogan nicht zu verärgern. Dagegen stellt sich Bundesaußenministerin Annalena Baerbock im Streit um die Ägäisinseln auf die Seite Griechenlands. Am klarsten steht Frankreich zu Griechenland. Beide Länder schlossen vergangenes Jahr ein Verteidigungsabkommen, mit dem sie sich verpflichten, einander militärisch Beistand zu leisten. Damit könnte sich ein Angriff der Türkei auf die griechischen Inseln schnell zu einem multinationalen Konflikt ausweiten.

Dieser Artikel erschien zuerst auf morgenpost.de.

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