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Olympia-Attentat: Witwe kämpft 50 Jahre für Gerechtigkeit

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Maria Sterkl
Steinmeier: Die deutsch-israelische Freundschaft ist stärker denn je

Steinmeier: Die deutsch-israelische Freundschaft ist stärker denn je

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat seinen israelischen Kollegen Isaac Herzog in Berlin zu einem Staatsbesuch empfangen und dabei die deutsch-israelische Verbundenheit betont. Herzog dankte Steinmeier für seine Bemühungen, eine Einigung über eine Entschädigung mit den Hinterbliebenen der Opfer des Olympia-Attentats zu finden.

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Gewichtheber Yossef Romano wurde beim Olympia-Attentat 1972 in München getötet. Auf eine Entschuldigung musste seine Frau lange warten.

Tel Aviv/München. Es war noch dunkel, als Ilana Romano am Sonntag frühmorgens ihre Wohnung in Tel Aviv verließ, um nach München zu fliegen. "Vielleicht zum allerletzten Mal", wie sie sagt. In den vergangenen fünf Jahrzehnten verging kaum ein Jahr, in dem Romano nicht nach München gereist war. Sie hätte ihre Zeit und ihr Geld gerne für Schöneres verwendet als für den mühsamen Kampf um Wahrheit und Gerechtigkeit für ihren Mann Yossef, der vor 50 Jahren in München ermordet wurde, erzählt sie.

Dieser Kampf wird am Montag vielleicht zu Ende sein. Fünfzig Jahre nach dem Terrorattentat auf das olympische Dorf in München 1972 wird Deutschland sich offiziell bei den Angehörigen der Ermordeten entschuldigen. Zwölf Menschen kamen bei dem Massaker am 5. und 6. September 1972 ums Leben, einer davon war Ilanas Mann Yossef.

Hinweise auf Terrorgefahr vor Olympischen Spielen nicht ernst genommen

Yossef Romano war Gewichtheber und trat für Israel bei den Olympischen Spielen in München an. In den Monaten vor der lange erwarteten Reise nach München war die Vorfreude des 32-Jährigen groß. Auf einer Fotoaufnahme, die wenige Tage vor der Abreise entstanden war, sieht man ihn seine fünf Monate alte Tochter Shlomit hochstemmen – ein stolzer Vater und bald auch stolzer Olympiateilnehmer. Es war das erste Mal seit dem Ende des Holocaust, dass israelische Athleten zu Wettkämpfen nach Deutschland reisten.

Manche sahen das in Israel damals kritisch. Zu frisch waren die Erinnerungen an die Olympischen Spiele 1936 in Berlin, die von den Nazis in eine Propagandaschlacht verwandelt worden waren: Propaganda für ein System, das letztlich sechs Millionen Juden das Leben kostete.

Anfang der Siebzigerjahre wollte sich Deutschland ganz anders präsentieren, es sollten "heitere Spiele" werden. Darum nahm man die sich häufenden Hinweise auf eine erhöhte Terrorgefahr nicht ernst – obwohl es sogar eine konkrete Warnung der deutschen Botschaft in Beirut gab, wonach palästinensische Terroristen einen Anschlag auf das olympische Dorf planten.

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Yossef Romano starb als erster der elf getöteten Sportler

Hätte der Verfassungsschutz diese Warnung ernst genommen, wäre Yossef Romano vielleicht noch am Leben. Der Vater dreier Töchter war der erste der elf israelischen Geiseln, die bei dem Attentat ums Leben kamen. Als die palästinensischen Attentäter in die Räume der israelischen Athleten im Olympiadorf eindrangen, wollte Romano das Schlimmste verhindern. Er stellte sich den Terroristen entgegen und versuchte, einem von ihnen die Waffe abzuringen.

Mit einer der Kalaschnikows, die sich die Terroristen mit hoher Wahrscheinlichkeit unter Mithilfe deutscher Neonazis verschafft hatten, schossen sie auf Romano und verletzten ihn schwer. Sie ließen ihn verbluten – vor den Augen der übrigen zehn israelischen Geiseln, die gefesselt stundenlang ausharren mussten und nicht wussten, wer von ihnen der Nächste sein würde, den eine Kugel der Terroristen trifft.

Witwen der getöteten Sportler kämpfen für Gerechtigkeit

Fünfzig Jahre ist es her, dass ihr Mann Yossef starb, "aber es ist immer noch genauso schwer wie damals", sagt Ilana Romano. Wenn eines der Kinder den ersten Schultag hatte, eines der acht Enkelkinder die Bar-Mitzwa-Feier (eine jüdische religiöse Feier zum Übergang von der Kindheit in die Jugend, Anm. d. R.) oder in die Armee einrückte, fehlte Yossef besonders, als Vater und als Großvater. "Dann war es immer besonders schmerzhaft", sagt sie.

Die Wunden wurden auch von den deutschen Behörden immer wieder neu aufgerissen, wenn Romano mit ihrer Verbündeten Ankie Spitzer, die ebenfalls ihren Mann in München verloren hatte, nach Deutschland flog. Die beiden Witwen setzten sich unermüdlich dafür ein, dass die Wahrheit ans Licht kommt, wer die Verantwortung für die misslungene Geiselbefreiung auf dem Flugfeld in Fürstenfeldbruck trug. Die deutschen Behörden unterstützten sie nicht bei ihrer Recherche, eher behinderten sie die beiden Frauen sogar. "Man hat uns wie lästige Störenfriede behandelt", sagt Romano.

Ilana Romano: "Fünfzig Jahre, das ist einfach viel zu lang."

Die offizielle Entschuldigung, die Bundespräsident Frank Walter Steinmeier am Montag in Fürstenfeldbruck in Anwesenheit der Hinterbliebenen, aber auch vor dem israelischen Staatspräsidenten Isaac Herzog übermitteln wird, kann die Angehörigen nicht entschädigen. Auch die Anerkennungsleistung von rund 28 Millionen Euro, die Bund, Bayern und die Stadt München den Hinterbliebenen zahlen, kann nicht wiedergutmachen, was damals geschehen ist.

Für Ilana Romano ist es aber wichtig, dass nun endlich jemand Verantwortung übernimmt, sagt sie. "Fünfzig Jahre, das ist einfach viel zu lang." Sie wird mit ihren drei Töchtern und den acht Enkelkindern an der Gedenkzeremonie teilnehmen und wird mit ihnen auch jenen Ort besuchen, in dem Yossef seine letzten Stunden verbrachte. "Sie sollen sehen, wo ihr Vater und Großvater ermordet wurde", sagt Ilana. Gehört haben sie es oft genug. Der Besuch in München könnte eine Gelegenheit sein, damit abzuschließen.

Ereignisse bei Olympia-Attentat sollen nun aufgearbeitet werden

In Deutschland geht damit die wahre Arbeit aber jetzt erst los. Die Familien der München-Opfer, allen voran Ilana Romano und Ankie Spitzer, hatten der deutschen Bundesregierung die Zusage abgerungen, dass die Ereignisse rund um das Terrorattentat nun gründlich aufgearbeitet werden.

Eine Historikerkommission, deren Mitglieder zur Hälfte von den Hinterbliebenen nominiert werden, bekommt nun erstmals nahezu vollen Zugang zu den Archiven. "Das ist kein Schlussstrich", sagt Steffen Seibert, Deutschlands Botschafter in Israel und davor lange Zeit Regierungssprecher, gegenüber israelischen Medien. "Das ist sogar das exakte Gegenteil davon."

Dieser Artikel erschien zuerst auf morgenpost.de.

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