Leitartikel

Warum ein langer Ukraine-Krieg auch Putin schaden würde

| Lesedauer: 4 Minuten
Jörg Quoos
Das ist Putins Geliebte

Das ist Putins Geliebte

Seit Jahren häufen sich Gerüchte um Putins Beziehung zu Alina Kabajewa. Wer die Profiturnerin ist und wo sie sich aufhalten soll, zeigt das Video.

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Will Russlands Präsident Wladimir Putin seine Macht bewahren, so muss er den Krieg in der Ukraine schnell beenden, meint Jörg Quoos.

Berlin. Wie lange dauert dieser grausame Krieg? Es gibt wohl keine Frage, die sich Menschen derzeit häufiger stellen als diese. Betrachtet man diese Frage unter dem Aspekt militärischer Fortschritte der Russen, könnte man vermuten: Der Krieg dauert Jahre.

Einer gewaltigen russischen Übermacht ist es bislang nicht gelungen, schnell ihre Ziele zu erreichen und Fakten in Form von Geländegewinnen zu schaffen. Also braucht es einfach mehr Zeit, so der logische Umkehrschluss. Versucht man sich aber in Wladimir Putin hineinzuversetzen, ist dies keine logische Position.

Die Geschichte hat gezeigt, dass es keinem politischen Führer – ob Demokrat oder Autokrat – guttut, wenn er sich lange kriegerische Auseinandersetzungen leistet. Das gilt ganz besonders für Russlands Präsidenten, der sich umgeben von Ja-Sagern und Bücklingen komplett verkalkuliert hat. Denn jeder Tag, den der Krieg dauert, macht seine Lage und die Lage Russlands national und international schwieriger.

Putins Armee ist keine moderne Großmacht

Alle strategischen Vorteile, die Putin mit seinem Überfall auf die Ukraine erreichen wollte, haben sich bislang in Nachteile verwandelt. Das nordatlantische Verteidigungsbündnis erlebt dank Putin eine Renaissance, die niemand für möglich hielt. „Die Nato ist hirntot“, urteilte Frankreichs Präsident Emmanuel Macron noch vor Kurzem kalt. Jetzt ist das Bündnis lebendig wie nie. Finnland hat jahrzehntelange Vorbehalte über Bord geworfen und wird beitreten. Die Schweden – so sieht es derzeit aus – werden dem Nachbarn folgen. Damit hat Putin die Grenzen zum „Gegner“ nicht verkürzt, sondern krass verlängert.

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Putin hat auch bewiesen, dass seine stolze Armee keine moderne Großmacht mehr beeindrucken kann. Je länger dieser Beweis erbracht wird, umso selbstbewusster wird der Gegner. Die neuen Hightech-Panzer, die bei den Staats-Paraden über Moskaus Pflaster dröhnen, sind offenbar nicht einsatzfähig. Wie ein rollendes Militärmuseum wälzten sich Panzerkolonnen Richtung Kiew. Jahrzehntealte T-72-Panzer, lebensgefährliche Sprengfallen für die eigene Besatzung, wurden zu Dutzenden mit einfachsten Waffen geknackt. Von der Moral der Truppe ganz zu schweigen. Wenn Soldaten plündern, Essen zusammenstehlen und ihren Frust an Zivilisten austoben, ist die innere Führung dieser riesigen Armee vor aller Augen gescheitert.

Russlands Lügengebäude kommt ins Wanken

Die Europäische Union, lange mit sich selbst und dem Brexit beschäftigt, hat plötzlich eine neue Erweiterungsoption. Mit der Ukraine wüchse sie auf 28 Mitglieder und könnte bis an Russlands Grenze beweisen, welche Blüte die Kraft der EU mit ihren Milliardentöpfen auslösen kann. Ein hartes Wohlstandsgefälle war schon immer die größte Gefahr für Autokraten, die ihre Märkte regulieren und durch Sanktionen den Anschluss an die Wirtschaftsentwicklung verlieren.

Und auch das Lügengebäude, das Russland rund um die „Spezialoperation“ aufgebaut hat, kommt mit der Dauer des Krieges ins Wanken. Die Stopfen, die Moskau in offene Informationskanäle gedrückt hat, werden nicht ewig halten. Und auch Russlands Wirtschaft wird die härteste Sanktionswelle der jüngeren Geschichte nicht schadlos überstehen und das Volk unruhig werden lassen.

Da Wladimir Putin zwar skrupellos, aber nicht dumm ist, wird er diese Faktoren genau analysieren und zu dem Schluss kommen: Er kann nur einen Rest von Stärke demonstrieren, wenn er selbst das Kriegsziel – etwa die Annexion des Donbass und von Luhansk – zeitnah für erreicht erklärt. Was dann lange dauern wird, ist der Wiederaufbau. Häuser und Brücken werden schnell wieder stehen. Aber der Aufbau von Vertrauen wird Jahre, wenn nicht Jahrzehnte brauchen.

Dieser Artikel ist zuerst auf waz.de erschienen.

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