Corona-Pandemie

"Zero Covid" und "No Covid": Was die Strategien bedeuten

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RKI sieht "leicht positiven Trend" bei Corona-Zahlen

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Der Präsident des Robert-Koch-Instituts, Lothar Wieler, sieht in Deutschland einen "leicht positiven Trend" bei der Entwicklung der Corona-Pandemie: Derzeit würden die Zahlen der Neuinfektionen in den meisten Bundesländern sinken.

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Die Begriffe "Zero Covid" und "No Covid" werden oft synonym verwendet – dahinter verbergen sich aber verschiedene Corona-Strategien.

Berlin.  Ob in den sozialen Medien, in Talkshows oder Interviews: Immer häufiger fallen in der Öffentlichkeit Begriffe wie "Zero Covid", "Null Covid" oder "No Covid". Die Grundidee lässt sich vom Wortlaut her ableiten: Es soll keine Corona-Neuinfektionen mehr geben. Doch wie soll dieses Ziel erreicht werden? Welche Strategien verbergen sich dahinter?

Noch strengere Lockdowns, ein Herabsenken der Ansteckungszahlen auf Null: Wir erklären, was es mit der Initiative "Zero Covid" (deutsch: "Null Covid") auf sich hat und was mit der "No Covid"-Strategie gemeint ist.

Kampf gegen Corona: Was ist das Ziel der "Zero Covid" -Initiative?

"Gemeinsam runter auf Null" lautet das erste Ziel der linken Initiative "Zero Covid" (deutsch: "Null Covid"). Durch einen gemeinsamen europäischen strengen Lockdown soll die Zahl der Corona-Neuinfektionen massiv heruntergedrückt werden. Man brauche "kein kontrolliertes Weiterlaufen der Pandemie, sondern ihre Beendigung", heißt es dazu auf der Webseite der Initiative.

Darüber hinaus fordert "Zero Covid" europaweite "Covid-Solidaritätsabgaben" sowie die Abschaffung von Patenten auf Impfstoffe, damit die Präparate "nicht den Profiten dienen", sondern "allen Menschen überall zur Verfügung stehen".

Wer steckt hinter "Zero Covid"?

Zu den Erstunterzeichnern der "Zero Covid"-Initiative gehören Personen aus Bereichen wie Wissenschaft, Kultur oder Gesundheit aus Deutschland, Österreich und der Schweiz. Darunter finden sich beispielsweise der Soziologe Andrej Holm, die Autorin Margarete Stokowski, der Schauspieler Rolf Becker oder der Aktivist Raul Krauthausen.

Wie soll der von "Zero Covid" geforderte Corona-Lockdown aussehen?

Die Kampagne fordert eine Einschränkung aller Kontakte auf ein Minimum – nicht nur privat, sondern auch am Arbeitsplatz. Alle "nicht lebensrelevanten Bereiche der Wirtschaft" sollen dafür stillgelegt werden: "Fabriken, Büros, Betriebe, Baustellen, Schulen müssen geschlossen und die Arbeitspflicht ausgesetzt werden", heißt es auf der Webseite. Zudem soll es "Rettungspakete für Menschen" und "nicht für Firmen" geben.

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Wie will "Zero Covid" einen europäischen Corona-Lockdown durchsetzen?

In der Umsetzung der Maßnahmen orientiert sich "Zero Covid" an einem internationalen Aufruf für die konsequente Eindämmung der Corona-Pandemie in Europa, der im Dezember 2020 von mehreren Wissenschaftlern initiiert wurde. Darin wird ein europaweit koordiniertes Vorgehen bei den Anti-Corona-Maßnahmen gefordert.

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Gestützt werden soll das Vorgehen nach den Vorstellungen von "Zero Covid" allerdings durch eine sogenannte "solidarische Finanzierung": "Die Gesellschaften in Europa haben enormen Reichtum angehäuft, den sich allerdings einige wenige Vermögende angeeignet haben", heißt es auf der Webseite von "Zero Covid". Damit sei etwa die "umfassende Arbeitspause problemlos finanzierbar". Die Initiative spreche sich daher für "die Einführung einer europaweiten Covid-Solidaritätsabgabe auf hohe Vermögen, Unternehmensgewinne, Finanztransaktionen und die höchsten Einkommen" aus.

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"Zero Covid": Welche Länder sind noch dabei?

Seit November 2020 gibt es eine britische "Zero Covid"-Initiative, die sich für ähnliche Ziele einsetzt.

Welche Kritik gibt es an "Zero Covid"?

Kritiker der Initiative werfen "Zero Covid" unrealistische Ziele vor. Die "Süddeutsche Zeitung" attestiert ihr "reines Wunschdenken": Es handle sich um "Kapitalismus-Kritik im Vorbeigehen", weil einerseits eine Stilllegung der Produktionsketten und gleichzeitig eine staatliche finanzielle Unterstützung sämtlicher Bedürftiger erfolgen soll. Die "taz" bezeichnet die Vorschläge der Initiative als "halbtotalitäre Fantasie" – die Ideen seien "weltfremd und wenig zielführend".

Virologe Hendrik Streeck erklärte in einem Interview mit der Münchner "Abendzeitung", dass er die "Zero Covid"-Idee grundsätzlich für "illusorisch" hält: Die Umsetzung sei schlichtweg nicht möglich, weil man in dem Fall nicht nur Grenzen und Flughäfen schließen, sondern auch innerhalb der Landkreise Polizeisperren errichten müsse. "Das ist in meinen Augen nicht mit unserer Gesellschaft vereinbar", so Streeck.

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"Zero Covid", "Null Covid" oder "No Covid": Was ist der Unterschied?

Häufig werden die Begriffe "Zero Covid", "Null Covid" oder "No Covid" synonym verwendet – oft ist damit nur eine Reduktion der Infektionszahlen auf Null gemeint, ohne dass die dahinterstehenden Ideen bekannt sind. Allerdings verbergen sich hinter "Zero Covid" und "No Covid" zwei verschiedene Ansätze.

Das ist die "No Covid"-Strategie

Unabhängig von der "Zero Covid" -Initiative existiert die "No Covid"-Strategie, für die sich viele Wissenschaftler aussprechen: Es soll eine strikte Einschränkung des öffentlichen Lebens geben – so lange, wie es sein muss, und gleichzeitig so kurz wie möglich. Dadurch sollen die Infektionszahlen massiv verringert werden. Allerdings soll dafür nicht jegliche Arbeit niedergelegt werden. Zudem ist die Strategie nicht wie "Zero Covid" von Kapitalismuskritik geprägt. Das "No Covid"-Konzept geht laut der "Zeit" auf den US-amerikanischen Physiker Yaneer Bar-Yam zurück.

Was will die "No Covid"-Strategie?

In einem der "Zeit" von einer interdisziplinären Expertengruppe vorgelegten Strategiepapier werden die "No Covid"-Forderungen näher erläutert: Hervorgehoben wird darin ein Belohnungsprinzip mit der Errichtung sogenannter "Grüner Zonen", in denen die Menschen nach einem strengen Lockdown bei entsprechend gesenkten Infektionszahlen wieder zur Normalität zurückkehren dürfen. Mit einer ähnlichen Strategie hätten es etwa Australien und Neuseeland geschafft, die Ansteckungszahlen in den Griff zu bekommen. "Wichtig für die Moral und den Zusammenhalt der Bürger in Australien war die Existenz eines klaren Wiederöffnungsplans", heißt es in dem Papier. Für die Gebiete mit hohen Ansteckungszahlen bleiben hingegen strenge Maßnahmen bestehen.

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In den "Grünen Zonen" sollen Tests und Quarantänen zur Vermeidung einer Wiedereinschleppung des Virus durchgeführt werden, auch lokale Mobilitätskontrollen sollen stattfinden. Ob sich eine Zone über einen Landkreis, eine Stadt oder ein ganzes Bundesland erstrecken soll, ist in dem Papier nicht weiter definiert. Ein Expertenteam aus Australien und Neuseeland sei bereit, die deutsche Politik bezüglicher der konkreten Umsetzung zu beraten.

Die Folgen für die Wirtschaft sollen minimiert werden, indem zwar in einigen Branchen auf Homeoffice gesetzt wird, große Fabriken aber mit angepassten Hygienestandards weiter produzieren dürfen. Zu den Autorinnen und Autoren des Strategiepapiers zählen unter anderen die Virologin Melanie Brinkmann, die Politologen Elvira Rosert und Maximilian Mayer und der Internist Michael Hallek. (raer)

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