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FDP-Chef Lindner: „Für viele bin ich Staatsfeind Nummer 1“

FDP-Chef Christian Lindner: Er glaubt, viele halten ihn für Staatsfeind Nummer eins.“

FDP-Chef Christian Lindner: Er glaubt, viele halten ihn für Staatsfeind Nummer eins.“

Foto: Britta Pedersen / dpa

Wie geht es FDP-Chef Lindner zwei Jahre nach der Entscheidung gegen Jamaika? Er will wieder mitspielen – doch noch regiert die GroKo.

Berlin. „Willkommen in meinem Büro“, sagt Christian Lindner und lässt sich in den ledernen Rücksitz seiner Limousine fallen. Er streckt die Beine aus, greift hinter sich und angelt eine Cola aus der Minibar. Es ist ein Dienstag. Zwei Tage nach der Thüringen-Wahl. Zwei Jahre nach den geplatzten Jamaika-Verhandlungen.

Lindner ist an diesem Tag von Berlin nach München geflogen, um Netzwerke zu pflegen. Sein Fahrer hat ihn mit dem Wagen am Flughafen abgeholt, der vordere Sitz ist so weit vorgestellt, dass der Parteichef viel Beinfreiheit hat. Wer Lindner in diesen Tagen begleitet, versteht warum. Der FDP-Chef ist wie ein Stürmer auf der Ersatzbank: Er will in Bewegung bleiben, hält sich warm, will eingewechselt werden.

Lindners Limousine, sein mobiles Büro, gleitet über die Autobahn, Richtung Gewerbegebiet Unterschleißheim. Die drei Ost-Wahlen liegen hinter ihm, zweimal hat die FDP den Einzug in den Landtag verpasst, in Thüringen ist der Ausgang noch offen: Die Liberalen kamen zunächst mit gerade mal fünf Stimmen über die Fünf-Prozent-Hürde, das amtliche Endergebnis steht aber noch aus. Auch hier: Lindner muss warten.

Die FDP dümpelt zwischen sechs und acht Prozent

Deutschlandweit sieht es nicht besser aus, die Partei dümpelt zwischen sechs und acht Prozent. Als sei die Luft raus, aus der elektrisierenden Geschichte von der Wiederauferstehung der FDP. Lindner weiß, er braucht jetzt eine politische Großlage, in der die Liberalen gefragt sind. „Das Land verliert Zeit, das Gefühl ist verbreitet, in einer Zwischenphase zu leben. Die GroKo schleppt sich nur noch durch“, sagt der Parteichef und kippt sich Cola in den Hals. Die FDP sei „jederzeit bereit zu regieren“.

Solange die GroKo auf dem Platz ist, wird das nichts. Doch Lindner denkt schon an die nächste Halbzeit: Wenn die SPD die Koalition platzen lässt, wenn die Union eine Minderheitsregierung versucht und die Stimmen der FDP braucht? Wenn es zu Neuwahlen kommt? Dann könnte endlich Schluss sein mit dem Warten.

Er hätte ja längst regieren können, damals, im Herbst vor zwei Jahren, bei Jamaika. Er hätte jetzt auch in Thüringen regieren können – wenn auch in einer für FDP-Verhältnisse extrem gewöhnungsbedürftigen Koalition mit Linken, SPD und Grünen. Aber er macht’s nicht. Die Angst ist zu groß, die liberale Wählerschaft zu verschrecken. Das ist der Vorwurf, der Lindner verfolgt.

Wie sieht Lindner heute das Jamaika-Aus vor zwei Jahren?

Ob ihn sein Entschluss in der Nacht des 19. November 2017 verändert hat? Die Häme über sein Nein zur Dreierkoalition mit Union und Grünen, das Etikett des politischen Drückebergers, der Spott über eine FDP, die aus Angst, alte Fehler zu machen, neue macht? Lindner denkt einen Moment nach.

„Natürlich verändert man sich durch so eine Zäsur“, sagt er. „Ich habe schon in jener Novembernacht kommen sehen, dass ich für viele Staatsfeind Nummer eins werde.“ Er lässt den Satz nachklingen. Trinkt noch einen Schluck Cola. „Ist ja klar: Wer sich in die Kontroverse begibt, wer zu Überzeugungen steht, der bekommt Gegenwind.“

Die ganze Wahrheit ist: Lindner legt es sogar immer wieder drauf an, Zielscheibe zu werden. Der Satz vom Klimaschutz, der nur was für Profis sei. Der Satz vom Diesel-SUV, der umweltfreundlicher sein könne als mancher Kleinwagen.

Lindner will an diesem Tag in Bayern zwei Entwicklerteams besuchen, die an technischen Lösungen gegen den Klimawandel arbeiten. In Unterschleißheim entwickeln sie Methoden, mit denen konventionelle Motoren zu Wasserstoff-Verbrennungsmotoren umgerüstet werden können. Lindner interessiert sowas wirklich.

Er ist nicht der Typ, der sieben Bundeswehrstandorte nacheinander besucht oder ständig in Kitas oder Kliniken vorbei schneit. Aber technische Lösungen zur Verminderung des CO2-Ausstoßes – das reizt ihn. Weil es sein stärkstes Argument gegen die Grünen ist, die vor allem durch Verhaltensänderungen den Klimawandel bekämpfen wollen.

Mittags schaut Lindner dann in München auf einen Kaffee in der Staatskanzlei von CSU-Ministerpräsident Markus Söder vorbei. Es gibt Brezeln, was sonst. Der Kontakt zu Söder ist ihm wichtig. Immerhin gibt es nicht wenige im Land, die sich den Bayern als künftigen Kanzlerkandidaten der Union vorstellen können. Auch wenn Söder selbst solche Pläne bislang abstreitet.

Der 41-jährige Lindner ist der dienstälteste Parteichef

Draußen vor der Stadt, in einer Laborhalle in Taufkirchen, warten am Nachmittag zwei Biochemiker der TU München auf Lindner. Sie haben eine Methode entwickelt, um mit Algen CO2 aus der Luft zu holen. Einer der Forscher will sich anbiedern: „Wir können hier ja offen reden, wir sind ja alle Profis.“ Lindner tut ihm den Gefallen und lächelt.

In ein paar Wochen wird er 41 Jahre alt. Im Sommer 2018 zeigte sich Lindner zum ersten Mal mit seiner neuen Liebe, der RTL-Journalistin Franca Lehfeldt. Die beiden zeigen sich oft zusammen – und werden entsprechend beäugt: Verändert sich der Parteichef? Nimmt sie Einfluss ihn? Guter Gesprächsstoff jedenfalls für jede politische Party.

Klar. Jeder kennt ihn, jeder hat eine Meinung zu ihm: Lindner ist jetzt länger Parteichef als die Kollegen von CDU und CSU, SPD, Grünen, Linken und AfD. Ewig geht das nicht. In der Partei ist er nahezu unangefochten, aber: „Ich bin erst sechs Jahre im Amt, aber als Realist weiß ich, dass man das nicht unbegrenzt machen kann“, sagt Lindner. Sein Vorbild sei nicht Angela Merkel mit 18 Jahren Parteivorsitz, sondern eher Hans-Dietrich Genscher. Der war noch Jahre lang Außenminister.

Lindner will die FDP erneuern – und findet die Lösung in der Schweiz

Lindner weiß, dass er sich etwas ausdenken muss, um der Partei neuen Schwung zu geben. Aufmerksam hat er deswegen den Aufstieg der grünliberalen Partei in der Schweiz verfolgt – neben der dortigen FDP und den Grünen haben sie dort bei der Nationalratswahl ihren Stimmanteil verdoppelt.

„Unser Leitbild ist jetzt fünf Jahre alt. Die Welt hat sich seitdem verändert. Da kann man ein paar Themen prüfen und justieren.“ Grünliberale Politik? Anfang 2020, beim Dreikönigstreffen der FDP in Stuttgart will Lindner der Partei ein paar neue Impulse geben.

In der Laborhalle in Taufkirchen zeigen sie ihm zum Schluss noch schnell das Wasserbecken mit den grünen Algen, die sich mit CO2 anreichern und dann gelb färben. Lindner blickt versunken in die wabernde Masse. Von Grün zu Gelb in ein paar Tagen? Wenn das bei den Wählern genauso ginge, würde die FDP das Patent sofort kaufen.