BKA

So groß ist das Ausmaß der Clankriminalität in Deutschland

Polizeibeamte führen Mann nach einer Clan-Razzia in einem Wohnhaus in Berlin ab.

Polizeibeamte führen Mann nach einer Clan-Razzia in einem Wohnhaus in Berlin ab.

Foto: Paul Zinken / dpa

Das BKA hat erstmals die Rolle von arabischen und kurdischen Clans ausgewertet. Es gibt doppelt so viele Verfahren wie gegen die Mafia.

Berlin. An einem Freitag im Berliner Stadtteil Neukölln rückt die Polizei mit einer Hundertschaft in Mannschaftswagen aus. An der Seite der Polizisten sind Zollfahnder, Kriminalbeamte, Mitarbeiter des Ordnungsamts. Sie rücken aus – und statten auffälligen Shisha-Bars, Spiel-Kneipen und Cafés einen Besuch ab.

Es geht um Razzien gegen Mitglieder sogenannter „krimineller Clans“ – ein Einsatz, wie er Alltag ist für die Polizei in Berlin, aber auch in Nordrhein-Westfalen oder Bremen: die Hochburgen der Clans.

Im vergangenen Jahr hat das Bundeskriminalamt auch nach etlichen Medienberichten über kriminelle Familienstrukturen eigene Untersuchungen angestellt. Lange liefen für die Beamten im BKA die Verbrechen von arabischen und kurdischen Banden eher unter dem Radar. Oftmals wurden die Delikte als „Straßenkriminalität“ abgetan – also: Aufgabe der Polizisten in den Ländern und Städten.

45 Ermittlungen gegen „Clankriminelle“

Diese Einschätzung hat sich stark gewandelt. Erstmals hat das Bundeskriminalamt nun die sogenannte „Clankriminalität“ genauer im eigenen Bundeslagebild zur Organisierten Kriminalität analysiert – eingeflossen sind darin eigene BKA-Erkenntnisse, vor allem aber Informationen der Bundesländer, die in fast allen Fällen die Ermittlungen gegen kriminelle Clans führen.

45 größere Ermittlungsverfahren hat die Polizei bundesweit gegen „Clans“ geführt. Das gaben BKA-Präsident Holger Münch und Innenminister Horst Seehofer (CSU) auf einer gemeinsamen Pressekonferenz in Berlin bekannt.

Die Mehrheit, 22 der 45 Ermittlungen, lief in Nordrhein-Westfalen – ein „Hotspot“ der Clankriminalität. Neben Berlin ist Bremen ein Schwerpunkt der Clankriminalität. Im Fokus: Mitglieder von Familien, deren Eltern oder Großeltern vor mehreren Jahrzehnten vor allem aus der Türkei und dem Libanon nach Deutschland eingewandert sind.

27 Fälle mit Bezug zu arabischen und türkischen Tätermilieus

Von den 45 Ermittlungskomplexen im Bereich Clankriminalität sind in 27 Fällen die Tatverdächtigen arabisch- oder türkischstämmig. Das sind laut BKA doppelt so viele Ermittlungsverfahren wie im Bereich der italienischen Mafia. Aus Sicht der Polizei zeigt diese Zahl das Ausmaß der arabisch und türkisch dominierten Bandenkriminalität in Deutschland.

Aus Sicht von Experten haben sich aus diesem Einwanderungsmilieu einige Menschen in kriminellen Banden zusammengeschlossen. Der Grund auch: Über Jahre hat der deutsche Staat die Probleme bei der Integration dieser Gruppe ignoriert. Erst mit der Zunahme der Straftaten in diesem Milieu hat der Staat reagiert – vor allem mit Polizei-Razzien.

„Hoher Grad der Abschottung“

Zudem ist „Clankriminalität“ noch immer nicht definiert. BKA-Chef Münch formulierte nun die Maßstäbe für die Polizei. Kriminelle Clans würden sich durch „Verwandtschaft“ untereinander auszeichnen, durch eine gemeinsame „ethnische Herkunft“.

Zudem zeige sich bei den „Clans“ ein hoher Grad der Abschottung gegenüber der deutschen Gesellschaft, vor allem gegenüber Behörden. Es gelte eine „eigene Werteordnung“, während Clans die deutschen Gesetze ablehnen würden, so Münch.

Die gute Nachricht aus Sicht der Polizei: Insgesamt ging die Zahl der Ermittlungsverfahren gegen Gruppierungen der Organisierten Kriminalität im vergangenen Jahr von 572 auf 535 Verfahren zurück. Der (zumindest der Polizei bekannte) Schaden beläuft sich 2018 jedoch immer noch auf 691 Millionen Euro, ein leichter Anstieg.

Drogendelikte dominieren

Und: Ermittlungen sind laut BKA „komplexer und aufwendiger“ geworden – auch weil viele Täter auf verschlüsselte Kommunikation setzen. Während die Zahl der Verfahren im Rotlichtmilieu 2018 stark zurückging, gab es einen leichten Anstieg bei den Ermittlungen gegen Schleuserbanden.

Mehr als ein Drittel aller OK-Banden handeln mit Drogen. Gut 17 Prozent der Organisierten Kriminellen verüben Raubüberfälle oder Einbrüche. Zehn Prozent der Delikte sind der Wirtschaftskriminalität zuzuordnen.

Und: Das Internet ist immer häufiger selbst Teil der Tat. Organisierte Banden verkaufen Drogen, Waffen oder Falschgeld über Plattformen im Netz.

Ein Drittel der Tatverdächtigen ist deutsch

Von den 6483 Tatverdächtigen im Bereich der Organisierten Kriminalität waren im vergangenen Jahr 31,2 Prozent Deutsche, wobei rund zwölf Prozent von ihnen bei ihrer Geburt eine andere Staatsangehörigkeit hatten. Unter den Ausländern dominierten die Türken mit 714 Verdächtigen und polnische Staatsbürger (404 Verdächtige).

Eine „überdurchschnittlich hohe Eskalations- und Gewaltbereitschaft“ beobachtete das BKA 2018 bei Verbrecherbanden, die von Tschetschenen dominiert werden. Während über „arabische Clans“ häufig in den Medien berichtet wird, agieren die kriminellen Tschetschenen nicht selten unter dem Radar der Aufmerksamkeit. Eine gefährliche Parallelwelt ist entstanden, wie unsere Recherchen zeigen.