Bahngipfel

Nach tödlichem Angriff: Wie werden Bahnhöfe sicherer?

Ende Juli wurde ein Junge in Frankfurt vor einen ICE und dabei getötet.

Ende Juli wurde ein Junge in Frankfurt vor einen ICE und dabei getötet.

Foto: Frank Rumpenhorst / dpa

Ein Mann stößt ein Kind vor einen Zug – Wochen später gibt es keine Antwort auf solche Taten. Kommt sie beim Bahngipfel am Mittwoch?

Berlin. Groß war das Entsetzen, als ein Mann Ende Juli ein Kind vor einen im Frankfurter Hauptbahnhof einfahrenden Zug warf. So ein „grässliches Verbrechen“ werfe Fragen auf für die Zukunft, befand Innenminister Horst Seehofer (CSU), der eigens seinen Urlaub unterbrochen hatte. Es sei die Pflicht der Politik zu überlegen, welche Konsequenzen gezogen werden könnten.

Wenn er am Mittwoch – mehr als sechs Wochen später – Verkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) und Bahnvorstand Ronald Pofalla zum Spitzengespräch trifft, ist keineswegs sicher, dass Seehofer nach dem „Bahngipfel“ Vollzug melden kann. Vorsorglich wurde keine Pressekonferenz anberaumt – der Ausgang der Dreier-Runde ist ungewiss. Wie es heißt, reichen Seehofer die Vorschläge von der Bahn nicht. Auch die Opposition wird ungeduldig.

FDP fordert „umfassendes Konzept“ für Sicherheit bei der Bahn

Der FDP-Innenpolitiker Alexander Kuhle mahnt ein „umfassendes Konzept zur Steigerung der Sicherheit im öffentlichen Raum“ an. „Die Polizeipräsenz an sensiblen Orten muss dringend erhöht werden“, sagt er unserer Redaktion.

Seehofer will die Sicherheit an deutschen Bahnhöfen verbessern. Mehr Polizeipräsenz ist eine Möglichkeit – sie liegt auch in seiner Macht. Aber bei weiteren Maßnahmen wie der stärkeren Überwachung durch Videokameras und Umbauten ist er auf den Betreiber der Bahnhöfe angewiesen: auf Bahn-Mann Pofalla.

Für die Sicherheit der Bahn ist seit 1992 die Bundespolizei zuständig. Von Anfang an wurde das Personal ausgedünnt, erinnert sich Jörg Radek von der Gewerkschaft der Polizei (GdP). Die Bahnpolizei wurde an Knotenpunkten verstärkt, aber aus der Fläche abgezogen. „Der Innenminister sollte diese Fehlentwicklung korrigieren“, sagte der GdP-Vizechef unserer Redaktion. Die Gewerkschaft traut das Seehofer auch zu.

Frankfurt- Mord am Gleis

Kostenargumente bringen den Innenminister in Rage

Offenbar ließ die Bahn die Bundespolizei jahrelang am ausgestreckten Arm verhungern. Radek sagt: „Wir verhandeln nicht auf Augenhöhe. Wir fordern, bitten und appellieren seit Jahren. Bisher mit nur geringer Wirkung. Die Bahn sollte der Polizei geben, was sie braucht: Mehr und bessere Räume.“ Für die Bahn wäre das mit höheren Kosten und Einnahmeausfällen verbunden.

Wie in den Flughäfen kämpfen Betreiber und Polizei um Fläche. Jeder Quadratmeter für die Polizei fehlt für die Vermietung an Geschäften und damit als Einnahmequelle. Schon Ende Juli bemerkte Seehofer irritiert, Maßnahmen dürften nicht an den Kosten scheitern: „Wenn es um Menschenleben geht, gefällt mir das Argument mit dem Geld überhaupt nicht.“

Im Gespräch ist ein Musterbahnhof

Es gibt 5663 Personenbahnhöfe in Deutschland, darunter Vorzeigeprojekte wie der moderne Berliner Hauptbahnhof. Das Gegenmodell: der Ost-Bahnhof in München. „Keine Sicherheitsschleusen, keine vernünftigen Sozialräume, miserable sanitäre Bedingungen. So geht es auf vielen älteren Bahnhöfen zu“, erzählt Radek. Er findet es wenn, wenn Seehofer, Scheuer und Pofalla die Entwicklung eines Musterbahnhofs – auch in puncto Sicherheit –, in Auftrag geben. Als Blaupause für Neubauten.

Mutmaßlicher Mörder von Frankfurt soll kürzlich Nachbarin bedroht haben

Noch wichtiger ist ihm die Präsenz in der Fläche. „Beispielsweise für Thüringen haben wir eine Bahnpolizeiinspektion, die für die gesamte Fläche des Bundeslandes zuständig ist“, erzählt Radek. Wenn dem Lagezentrum „spielende Kinder in Gleisanlagen“ gemeldet wird, kann es sein, dass allein die Anfahrtszeiten der Polizei zwei Stunden betragen. „Die Bahn sollte stärker im Raum präsent sein.“

Einen Stellenzuwachs hat Seehofer in Aussicht gestellt, bloß werde das der Bahnpolizei „kurzfristig nicht helfen“, meint FDP-Mann Kuhle und rechnet vor: 3000 Stellen seien unbesetzt, die Ausbildung neuer Beamte dauere drei Jahre. Die Bundespolizei könnte allenfalls Beamte woanders abziehen. Auf dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise hat sie Kräfte von der Bahnpolizei abgezogen und an der Grenze eingesetzt.

Es geht nicht um die Bedrohung, sondern um das Sicherheitsgefühl

Statistisch ist die Zahl der Delikte in Bahnhöfen rückläufig. 2016 lag sie bei 165.043 – 2018 bei 133.571. Körperverletzung, Raub, Diebstahl, Sachbeschädigung – auf all diesen Feldern gehen die Zahlen zurück. Bei der Personaldebatte geht es weniger um die tatsächliche Bedrohungslage als um das Sicherheitsgefühl der Fahrgäste.

Nach dem Vorfall in Frankfurt wollte Seehofer nicht zur Tagesordnung übergehen. Jetzt, nachdem er den „Bahngipfel“ angesetzt hat, muss er auch politisch „liefern“. Bahnvorstand Pofalla die Logik wohlvertraut, war er doch selbst jahrelang in der Spitzenpolitik. Aber kommt er Seehofer entgegen?

Der Tatverdächtige kommt in die Psychiatrie

Bislang hatte die Bluttat von Frankfurt keine großen Konsequenzen – außer für den Tatverdächtigen. Der Mann, der den achtjährigen Jungen vor einen ICE gestoßen hat, kommt in ein psychiatrisches Krankenhaus. Nach Angaben eines Sachverständigen leide der 40-Jährige Eritreer, der aus der Schweiz kam, an einer „Erkrankung aus dem schizophrenen Spektrum“.

Die Ermittlungen wegen des Verdachts des Mordes und des versuchten Mordes dauern unabhängig davon an. Die Mutter des Kindes war damals ebenfalls auf das Gleis gestoßen worden. Sie konnte sich allerdings abrollen und überlebte. Der Mann versuchte laut Ermittlern zudem eine weitere Frau auf die Gleise zu stoßen, was ihm allerdings nicht gelang.