Nitrat

Gülle-Streit in EU hält an – Trinkwasser wird wohl teurer

Rückstände aus Gülle müssen aufwendig aus dem Grundwasser entfernt werden. Das macht Trinkwasser teurer.

Rückstände aus Gülle müssen aufwendig aus dem Grundwasser entfernt werden. Das macht Trinkwasser teurer.

Foto: Carsten Rehder / dpa

Die EU und Deutschland können sich im Streit um Gülle und das enthaltene Nitrat nicht einigen. Ändert sich nichts, leiden Verbraucher.

Brüssel.  Im Streit um zu viel Nitrat im deutschen Grundwasser geht es nicht nur um die Umwelt, sondern inzwischen um viel Geld: Für die Verbraucher droht es teuer zu werden, wenn sie eine aufwendigere Trinkwasseraufbereitung über einen höheren Wasserpreis bezahlen müssen.

Und die Bundesregierung muss in der Angelegenheit hohe Strafgelder fürchten – denn wenn der jahrelange Konflikt mit der EU-Kommission um zu viel Dünger in der Landwirtschaft nicht bald ausgeräumt wird, droht Deutschland letztlich eine Strafe von rund 850.000 Euro. Pro Tag. So lange, bis die EU-Grenzwerte für Nitratbelastung endlich eingehalten werden.

Es war deshalb eine heikle Reise, die Umweltministerin Svenja Schulze (SPD) und Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) am Mittwoch nach Brüssel führte. Die beiden Ministerinnen, versuchten gemeinsam Umweltkommissar Karmenu Vella davon zu überzeugen, dass die Bundesregierung nun doch auf dem richtigen Weg bei der Reduzierung der zu hohen Nitratbelastung ist.

EU-Kommissar: Deutsches Grundwasser gehört zu „schlechtesten in der EU“

Ob die beiden beim Gülle-Rapport Punkte machen konnten, blieb zunächst offen, auch wenn Klöckner und Schulze von einem „sehr konstruktiven Gespräch“ berichteten: Vella und seine Beamten wollen die deutschen Pläne erst prüfen. Den deutschen Besucherinnen machte Vella aber klar, dass er sehr detaillierte Pläne für den Trinkwasserschutz erwartet. Offenbar sind dazu weitere rechtliche Verpflichtungen nötig. Bis September soll nun die vollständige Antwort Berlins an Brüssel folgen.

Im Frühjahr hatte Vella geklagt, die Grundwasser-Qualität in Deutschland gehöre „zu den schlechtesten in der EU“. An mehr als jeder vierten Messstelle wird der EU-Grenzwert überschritten. In einigen Regionen wird das vier- bis sechsfache des Zulässigen gemessen. Das ist bedenklich.

Nitrat ist wichtig für das Pflanzenwachstum – und wird deshalb in Form von Kunstdünger oder Gülle eingesetzt. Der Anteil des Düngers, den die Pflanzen nicht verbrauchen, gelangt aber ins Grundwasser. Zu viel davon kann nicht nur die Natur aus der Balance bringen und in den Gewässern zu hohem Algenwachstum führen.

Unter Umständen kann es auch die menschliche Gesundheit gefährden: In der Menge, die Menschen über das Trinkwasser üblicherweise aufnehmen, gilt es zwar für Erwachsene als unschädlich. Nitrate, umgewandelt in schädliche Nitrite, sind aber ein Risiko vor allem für Kinder und Schwangere. Für Erwachsene gelten die Stoffe in größeren Mengen zudem als krebserregend.

Wasserbetriebe warnen vor teurem Trinkwasser

Zwar sorgen die Wasserbetriebe dafür, dass das Trinkwasser nicht belastet ist. Doch der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) warnt, dass es zunehmend aufwendiger werde, die Salze zu entfernen. Die Preise für Trinkwasser könnten in den kommenden Jahren in einigen Regionen bis zu 62 Prozent steigen, wenn sich die Düngepraxis nicht ändere.

Die EU-Kommission hat schon lange die Geduld verloren. Sie hatte Deutschland wegen der jahrelangen Grenzwert-Überschreitungen vor dem Europäischen Gerichtshof verklagt und voriges Jahr Recht bekommen. Das Urteil bezog sich zwar noch auf ältere Düngeregeln: Die Bundesregierung hatte die Vorgaben für Landwirte 2017 verschärft, aber aus Brüsseler Sicht nicht ausreichend. Auch neue Vorschläge, die die Regierung im Juni 2019 vorlegte, genügten der Kommission noch nicht. Nun versuchten es Schulze und Klöckner abermals.

Klar war bereits, dass die Düngung in belasteten Gebieten um 20 Prozent gesenkt werden soll. Jetzt soll dort für einzelne Ackerfrüchte ein Düngeverbot im Spätsommer gelten, auch die Dokumentationspflichten werden verschärft. Der Deutsche Bauernverband organisiert bereits Protest. Er hält die von der Kommission erzwungenen Regelungen für „überzogen“. Es dürften nicht alle Betriebe pauschal bestraft werden, selbst wenn ihre Nährstoffbilanz in Ordnung sei, sagt der stellvertretende Generalsekretär, Udo Hemmerling.

Der Grundsatz müsse weiterhin sein, dass nach Bedarf der Pflanzen gedüngt werden könne. Verbandspräsident Joachim Rukwied betont zudem, die schon in Kraft getretenen Düngeverschärfungen gingen in die richtige Richtung und zeigten auch schon Auswirkung. Doch einfach abwarten, wie es dem Verband am liebsten wäre, wird die Bundesregierung sicher nicht. Der Druck der EU ist zu groß. Und das Nitrat-Problem ist längst eine tickende Zeitbombe.