Erziehung

Warum immer mehr Großväter die Kinderbetreuung übernehmen

Nach den „neuen Vätern“ kommen jetzt die „neuen Großväter“

Nach den „neuen Vätern“ kommen jetzt die „neuen Großväter“

Foto: istock / iStock

Immer mehr Großväter kümmern sich um ihre Enkelkinder. Das zeigt eine neue Studie. Über Opas, die gern auf der Spielplatzbank sitzen.

Berlin.. Vor zehn Jahren war Leons Opa der einzige Großvater im Viertel, der nachmittags in die Kita kam, um seinen Enkel abzuholen. Er war auch oft der einzige Opa, der später am Rand des Spielplatzes auf der Mütterbank saß, und schließlich auch der einzige, der abends vor der Schwimmhalle wartete, bis der Anfängerkurs zu Ende war.

Doch das ändert sich: Die Zahl der Großväter, die sich um ihre Enkel kümmern und so die berufstätigen Söhne und Töchter nachmittags oder in den Ferien entlasten, wächst: Nach den neuen Vätern kommen die jetzt die neuen Großväter.

Wer sind diese neuen Großväter?

Seit mehr als 20 Jahren verfolgt der Deutsche Alterssurvey als wichtigste Langzeitstudie, wie sich Alltag, Einstellungen und Lebensstil der älteren Generation in Deutschland verändert. Bei der Befragungen für die aktuelle Studie kam heraus: Noch immer sind es eher die Großmütter, die sich um Enkelbetreuung kümmern. Doch die Großväter haben aufgeholt.

Besonders unter den jüngeren Senioren beteiligen sich Männer nach eigener Aussage mittlerweile ähnlich häufig wie Frauen. „Es war auch für uns ein überraschender Befund“, sagt Daniela Klaus, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Deutschen Zentrum für Altersfragen. Doch wer sind diese neuen Großväter – und woher kommen sie auf einmal?

Traditionelles Rollenbild verliert an Bedeutung

Sicher, zu allen Zeiten gab es Opas, die sich um Enkel kümmerten. Mancher schaffte es sogar in die Literatur, wie der alleinerziehende Alm-Öhi, der Heidi in der Berghütte großzieht. Die meisten begnügten sich allerdings damit, die Spardose zu füllen, mal ein Buch vorzulesen oder den Großmüttern im Enkeleinsatz zu helfen.

Das traditionelle Rollenbild des Großvaters war die Fortschreibung des traditionellen Rollenbilds des Vaters: Kinder und Enkelkinder gehören zum Leben dazu, die Sorgearbeit aber machen die Frauen. Opas wie Leons Großvater waren die absolute Ausnahme.

Doch allmählich wächst die Zahl der Großväter, die auf die Frage in der Langzeitstudie „Betreuen oder beaufsichtigen Sie ihre Enkel?“ ganz klar mit „Ja“ antworteten. Vor allem bei den jüngeren Jahrgängen nähern sich Frauen und Männer in dieser Frage an.

Die heutigen Großväter sind von den 68ern geprägt

„Das geht aber nur zu einem Teil darauf zurück, dass Männer hier aktiv ihr Verhalten geändert hätten“, erklärt Forscherin Klaus. Weitere Gründe liegen im Verhalten der Frauen: Sie gehen später in Rente, kümmern sich weniger um Enkel. Der Effekt: Die Betreuungsquote nähert sich von beiden Seiten her an.

Zu den Gründen für das wachsende Engagement der Opas können die Experten bislang nur spekulieren, die Forschung hat die neuen Großväter noch nicht durchleuchtet. Denkbar ist vieles: Die heutigen Großväter sind von den 68ern geprägt, viele wollen sich anders verhalten als ihre eigenen Väter und Großväter, Neues ausprobieren.

Sie sind im Schnitt zudem körperlich fitter als die Großvätergenerationen vor ihnen, sie wollen das dritte Lebensdrittel sinnvoll gestalten. Und vielleicht auch nachholen, was sie 40 Jahre zuvor als Väter verpasst haben.

Locker und souverän mit der Enkelgeneration

Nicht auszuschließen ist außerdem, dass viele Männer heute viel selbstverständlicher die Frage nach der Betreuung mit Ja beantworten – auch wenn sie vielleicht nicht viel mehr machen als ihre eigenen Großväter: So wie viele junge Väter heute zumindest für zwei Monate in Elternzeit gehen , auch weil das mittlerweile zum Bild des modernen Vaters gehört, so gehört es vermutlich für manchen Großvater inzwischen zum guten Ton, sich als sozial engagierter Senior zu zeigen – und gerne auch als jung gebliebener Opa, der locker und souverän mit der Enkelgeneration umgeht.

Interessant ist dabei, in welchem Alter die Opas in die Betreuung einsteigen: Bei Frauen liegt die statistische Wahrscheinlichkeit für die Betreuung von Enkelkindern im Alter von 63 Jahren am höchsten – in diesem Alter kümmern sich 27 Prozent der Seniorinnen um die Kinder ihrer Kinder. Bei Männern kommt der Zeitpunkt mit der höchsten Betreuungswahrscheinlichkeit vier Jahre später: Mit 67 Jahren betreuen immerhin 21 Prozent Enkelkinder – bei den jüngeren Jahrgängen sind es sogar rund 25 Prozent.

Eine „gute Nachricht“ für Familienministerin Giffey

Dass Großväter ihre Enkelkinder heute oft ähnlich engagiert betreuen wie die Großmütter, hält Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD) für eine „gute Nachricht“. Staatlich vorgeben will sie aber nichts: „Die Entscheidung von älteren Menschen, sich zu engagieren, in welchem Bereich, mit welcher Intension und in welchem Umfang, ist eine sehr persönliche und sollte von staatlicher Seite nicht vorgegeben werden“, sagte eine Sprecherin unserer Redaktion.

Heißt: Niemand soll ein schlechtes Gewissen haben, wenn er sich nicht um seine Enkel kümmert. Zumal das manchmal gar nicht am fehlenden Willen liegt: Immer öfter wohnen die Generationen gar nicht mehr an einem Ort – und dort, wo familiäre Hilfe regelmäßig möglich wäre, ist sie nicht immer erwünscht.