Türkei

Wie Imamoglu Erdogans gefährlichster Gegner werden könnte

Sein Sieg gilt als Niederlage für den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan und seine regierende AKP.

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Ekrem Imamoglu ist zum Bürgermeister von Istanbul gewählt worden. Er gibt sich als Versöhner – und steht damit für eine andere Türkei.

Athen. Vor ein paar Monaten kannten nur wenige Türken den Namen Ekrem Imamoglu – jedenfalls außerhalb des Istanbuler Viertels Beylikdüzü, wo er fünf Jahre lang Bezirksbürgermeister war. Jetzt ist der Name des 49-Jährigen in aller Munde, zwischen Edirne im Westen und Van im Osten der Türkei.

Seit er am Sonntag im zweiten Durchgang die Kommunalwahl in Istanbul gewann , ist Imamoglu nicht nur der designierte Bürgermeister der größten Stadt der Türkei. Er wird auch als möglicher Herausforderer des Staatschefs Recep Tayyip Erdogan bei einer künftigen Präsidentenwahl gehandelt. Damit wird ein Lokalpolitiker unversehens zum Hoffnungsträger einer bis vor kurzem noch verzagten, mutlosen Opposition.

Imamoglu sprach über Kindergartenplätze und Grünanlagen

Erdogan war es, der die Wiederholung der Wahl in Istanbul durchsetzte, nachdem Imamoglu Ende März im ersten Anlauf mit rund 13.000 Stimmen Vorsprung gewonnen hatte. Der Staatschef wollte „seine“ Stadt, wo er 1994 mit der Wahl zum Bürgermeister seine politische Karriere begonnen hatte, unbedingt zurückerobern. „Wer Istanbul regiert, regiert die Türkei“, lautete sein Wahlspruch. Aber die Rechnung ging nicht auf.

Bisher galt Erdogan als unbesiegbar. 13 Wahlen und Volksabstimmungen hat er in den zurückliegenden 16 Jahren gewonnen. Aber in Imamoglu hat er einen Widersacher gefunden, der ihm Paroli bieten kann – und zwar auf seine Weise. Während Erdogan polterte und polarisierte, führte Imamoglu einen positiven Wahlkampf.

Statt, wie Erdogan, seine politischen Gegner ständig zu attackieren und zu dämonisieren, verzichtete Imamoglu auf Angriffe. Er ging auf die Menschen zu. Während Erdogan sich mit seinen pharaonischen Mega-Projekten wie Flughäfen, Tunnels und Brücken brüstete, sprach Imamoglu über Kindergartenplätze, Grünanlagen und verkehrsberuhigte Zonen.

Imamoglu spricht auch religiös orientierte Wähler an

Der Betriebswirt und dreifache Familienvater Imamoglu führte das familieneigene Bauunternehmen, bevor er vor neun Jahren in die Lokalpolitik ging. Dass er kein Berufspolitiker ist, dürfte Imamoglu ebenso geholfen haben wie der Umstand, dass er als gläubiger Muslim auch religiös orientierte Wähler anspricht.

Der „Sohn des Imams“, so die Bedeutung seines Nachnamens, besuchte im Wahlkampf häufig Moscheen – eher ungewöhnlich für den Kandidaten der säkularen Oppositionspartei CHP, der Imamoglu angehört. Von seiner Familie heißt es, sie stehe der nationalistischen MHP nahe. Das macht Imamoglu auch für rechtskonservative Türken wählbar.

Istanbul war die eigentliche Machtbasis der AKP

25 Jahre lang regierten Erdogans AKP und ihre islamistischen Vorgängerparteien die Bosporus-Metropole. Sie knüpften dort im Laufe der Jahrzehnte ein enges Netz von Seilschaften, schanzten Günstlingen Posten zu und bedachten befreundete Unternehmer mit lukrativen Aufträgen. Istanbul war die eigentliche Machtbasis der AKP. Oppositionspolitiker werfen der Partei vor, sie habe öffentliche Gelder in großem Stil zweckentfremdet – etwa, um Erdogan-nahe Stiftungen zu unterstützen.

Imamoglu verspricht nun eine „saubere Stadtverwaltung“. Aber offen ist, wie sich der neue Bürgermeister in diesem AKP-Dschungel durchschlagen kann. Zumal es nun in Regierungskreisen offenbar Überlegungen gibt, dem neuen Bürgermeister den Geldhahn zuzudrehen. Die Pläne sehen angeblich vor, die Finanzhoheit der Kommunen zu beschneiden. Größere Investitionen müssten dann vom Präsidialamt genehmigt werden.

Ekrem Imamoglu setzt auf Konsens

Imamoglu kontert auf seine Weise: Er setzt auf Konsens. Noch am Wahlabend kündigte er an, er wolle sich so bald wie möglich mit Erdogan treffen und „in Harmonie“ mit dem Präsidenten zusammenarbeiten. Imamoglu muss jetzt liefern. Keine türkische Großstadt hat so viele Probleme wie Istanbul. Die Großstadt versinkt tagtäglich im Verkehrschaos, die Luft ist schlecht, die Mieten sind für viele Menschen unbezahlbar geworden.

Der neue Mann im Rathaus an der Sehzadebasi-Straße hat Ambitionen. Er will mehr als nur verwalten. „Wir werden in dieser Stadt die wahre Demokratie aufbauen, wir werden Gerechtigkeit schaffen, wir werden die Zukunft gestalten, das verspreche ich euch“, rief er seinen Anhängern zu. Es klingt wie ein Gegen-Programm zu Erdogans autoritärem Regierungsstil. Kann Imamoglu im Amt eine Handschrift als Reformpolitiker entwickeln, wird er zum gefährlichsten Gegner des Präsidenten.

Die Wähler werden ihn daran messen, wie er in den nächsten Jahren ihre Probleme löst – oder doch zumindest lindert. Wenn er das schafft, könnte Istanbul auch für Imamoglu, wie vor 25 Jahren für Erdogan, zum Sprungbrett werden. Die nächste Präsidentenwahl ist regulär 2023. Auf die Frage, ob er dann gegen Erdogan antritt, antwortet der gläubige Imamoglu demütig: „Das weiß nur Allah!“