Mordfall Walter Lübcke

Auf den Spuren von Stephan E. in seiner Heimat Kassel

Ein Polizist bringt im Jahr 2002 in der Kasseler Innenstadt Neonazis, darunter Stephan E. (2.v.r), zum Schutz vor linken Gegendemonstranten in eine Kneipe. Seit 2009 war es dann aber ruhig geworden um den Tatverdächtigen im Mordfall Lübcke.

Ein Polizist bringt im Jahr 2002 in der Kasseler Innenstadt Neonazis, darunter Stephan E. (2.v.r), zum Schutz vor linken Gegendemonstranten in eine Kneipe. Seit 2009 war es dann aber ruhig geworden um den Tatverdächtigen im Mordfall Lübcke.

Foto: Uwe Zucchi / dpa

Nachbarn beschreiben Stephan E. als unscheinbar. Er soll den CDU-Politiker Lübcke erschossen haben. Spurensuche in seiner Heimat.

Kassel. Erst will Mike S. nichts sagen. Dann kommt er doch auf den Balkon des gelben Wohnhauses im Kasseler Osten, steht dort lässig mit einer Flasche Club Mate in der Hand, militärgrünes Hemd, schwarze Hose, die Seiten kurzrasiert. Mike S., 38, gilt als ein führender Kopf der hessischen Neonaziszene. In der vergangenen Woche postete er offenbar für kurze Zeit ein auffälliges Foto auf seinem Facebook-Profil, dann löschte er es wieder.

Es existieren Screenshots des Fotos, das Mike S. in seiner Jugendzeit in einem weißen Pullover zeigt – Arm in Arm mit Stephan E., 45, jahrelanger Rechtsextremist und dringend tatverdächtig, den Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke Anfang Juni mit einem Kopfschuss getötet zu haben.

„Aus Solidarität“, antwortet Mike S. vom Balkon aus auf die Frage, warum er das Foto auf Facebook gestellt habe.

Der Verfassungsschutz hatte seit 2009 keine Kenntnisse mehr über Stephan E., er war dem Geheimdienst nicht mehr aufgefallen, auch die Einträge der Polizeiakte enden in dieser Zeit.

Doch erhärtet sich der Verdacht, dann war E. nie raus aus der rassistischen Gedankenwelt. Und womöglich nie raus aus der rechtsextremen Szene. Recherchen sowie Ermittlungen der Generalbundesanwaltschaft liefern Hinweise. Stephan E., Ehemann, Vater von zwei Kindern, Sohn und Tochter im Teenageralter, Mitglied im Schützenverein und zuletzt angestellt als Industriearbeiter, sitzt jetzt in Untersuchungshaft. Verdacht: Mord.

Im Haus von Mike S. brannte es


„Gesinnungshaft“, sagt Mike S. Und er sagt, er glaube an die Unschuld von Stephan E.

Fragen dazu, wann er Stephan E. zuletzt getroffen hat und wo dieser politisch aktiv war, beantwortet er nicht. Zu seinen eigenen politischen Aktivitäten sagt er nur ausweichend: „Ich war jung.“ Als man sein Haus fotografieren will, verschwindet Mike S. in der Wohnung. Ein Stockwerk über ihm waren vor ein paar Stunden Feuerwehr und Polizei im Einsatz. Das Dachgeschoss stand in Flammen. Die Polizei schließt einen politischen Angriff auf das Haus von Mike S. nicht aus.

Kassel in Nordhessen, 200.000 Einwohner, documenta-Stadt. Gerade feierten die Menschen mit Schwenkgrill, Bierständen und Konzerten das Altstadtfest. Doch in Kassel hat sich seit vielen Jahren auch eine starke Neonaziszene formiert. Darunter Bernd T., Gründer der Kameradschaft „Sturm 18“; Markus E., rechter Hooligan und schon Anfang 2000 mit Stephan E. befreundet; Michel F., der zum Kreis der radikalen „Oidoxie Streetfighting Crew“ zählte.

Stephan E. radikalisierte sich nicht allein

Und auch Stanley R. war lange in Kassel aktiv, er soll heute führendes Mitglied der gewaltbereiten Gruppe „Combat 18“ sein. Die Verbindungen der hessischen Neonaziszene reichen vor allem nach Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen, aber auch nach Thüringen und Sachsen. Stephan E. radikalisiert sich nicht alleine, er agiert über Jahre in einem gut vernetzten, stark ideologisierten und teilweise gewalttätigen Umfeld. Bis heute?

Ein Foto, das die Antifa-Gruppe „Exif Recherche“ entdeckte, und das ein Gutachter für die ARD auswertete, soll Stephan E. noch in diesem März bei einem Treffen in Sachsen zeigen, bei dem auch mehrere Mitglieder von „Combat 18“ waren. 18 ist ein Code für AH, Adolf Hitler. Behörden gehen nach dpa-Informationen aber von einer Verwechslung aus.

WDR hält am „Monitor“-Bericht fest

Inzwischen soll sich ein Mann bei den Ermittlern gemeldet haben, der auf den Fotos für E. gehalten worden sein soll. Eine Teilnahme von Stephan E. an dem Treffen hätte den Aussagen des Verfassungsschutzes widersprochen, dass E. in den vergangenen zehn Jahren nicht mehr so deutlich als Rechtsextremist in Erscheinung getreten sei.

Der WDR erklärte, dass der „Monitor“-Redaktion das Identitätsgutachten des Sachverständigen für Fotoforensik vorliege. Das Gutachten spreche von „unwiderlegbaren Übereinstimmungen“ und sehe „die Identität der Person Stephan E. als sichtbare Person auf den Lichtbildern als praktisch erwiesen“ an. Bisher habe die Redaktion keinen Anlass, an der Seriosität dieses Gutachtens und seines Verfassers zu zweifeln. Die Redaktion prüfe derzeit die neuen Hinweise.

So oder so – es wachsen Zweifel, dass der mutmaßliche Lübcke-Mörder in den vergangenen Jahren ein zurückgezogenes Familienleben führte.

Familienleben mit Kaninchenstall

Das Haus, in dem ein Sonderkommando der Polizei Stephan E. vor gut einer Woche festnahm, ist klein. Büsche und Bäume wachsen vor dem grünen Maschendrahtzaun. Die Rollläden sind runtergelassen, die Tür mit einer roten Holzplatte vernagelt, hinten im Garten stehen Kaninchenkäfige. Die Siedlung im Osten der Stadt, in der E. zuletzt mit Frau und Kindern lebte, sei einst von vertriebenen Deutschen aus Ostpreußen gegründet worden, erzählt ein Nachbar.

Viel aber können die Anwohner nicht sagen über Stephan E. Unauffällig sei er gewesen, zurückgezogen. Allein die Frage, wie lange E. mit seiner Familie hier lebt, beantworten alle unterschiedlich. Die meisten wollen gar nichts erzählen und schicken Journalisten weg.

Hans-Peter Faber aber öffnet die Tür. Der Rentner erzählt, dass er in der Nacht der Festnahme zufällig gerade vor seiner Tür eine Zigarette geraucht habe, als die Polizei anrückte. Auch er sagt, er habe Stephan E. nicht gut gekannt. „Mal hat man die Kinder gesehen, wie sie mit den Kaninchen spielen“, sagt er. Faber ist Mitglied bei den Grünen. Für ihn sei jetzt auch entscheidend, wie ein Stadtteil damit umgeht, dass ein Mensch aus der Nachbarschaft sich so stark radikalisiert, dass er einen anderen Menschen tötet. „Und wir haben nichts mitbekommen.“

Gutachter diagnostizierten angeblich Panikattacken

Stephan E. wächst im südhessischen Taunus auf, der Vater soll Medienberichten zufolge im Betonwerk gearbeitet haben, die Mutter war ebenfalls berufstätig. E. soll schon als Teenager in Springerstiefeln und Bundeswehr-Look durch den Heimatort gelaufen sein. 1989 fällt er erstmals auf, setzt mit einem Kanister Benzin das Haus einer türkischen Familie im Nachbarort in Brand.

Stephan E. ist gerade 15 Jahre alt. Es ist der Anfang von dem, was der Verfassungsschutz heute eine „rechtsextreme Karriere“ nennt. Mehrere auch schwere Gewalttaten folgen. E. muss eine Jugendhaft verbüßen, kommt frei, knüpft Kontakte zur militanten rechten Szene.


Vor Gericht hatten mehrere Gutachter laut einem Bericht der „Welt“ damals diagnostiziert, dass E. unter Panikattacken leide, chronische Angst habe und ein gestörtes Verhältnis zur Sexualität. Doch für schuldunfähig halten die Gutachter den jungen Stephan E. nicht.

Claudia Hauck kann sich noch an Stephan E. erinnern. Mehrfach seien er und andere Neonazis vor Jahren in ihre Kneipe „Stadt Stockholm“ gekommen, berichtet die Wirtin der Lokalzeitung. Sie hätten Bier getrunken, und mit Promille im Blut wurden auch die rechten Parolen laut. Als Anführer habe E. nicht agiert. Er sei eher „Mitläufer“ gewesen.

Wirtin geht gegen Rechte in ihrer Kneipe vor

Hauck sitzt an diesem warmen Junimittag vor ihrer Kneipe unter den Sonnenschirmen. Vor ihr liegt die „Bild“-Zeitung. „Das geschah in der Stammkneipe der Neonazis“, titelt das Blatt. Darüber ein großes Foto von 2002. Es zeigt die Größen der Kasseler Neonaziszene, Mike S., Stanley R., Markus E. – und Stephan E.

Das Bild zeigt die Rechten, wie sie sich im Anschluss einer NPD-Demonstration vor der Kneipe zusammenrotten, Holzlatten in der Hand, offenbar für eine Auseinandersetzung mit linken Gegendemonstranten. Stephan E. greift nach einem Stuhl.

Es sind die Schlagzeilen und das Foto, weshalb Wirtin Hauck an diesem Mittag nichts mehr sagen will zu den Neonazis in ihrer Kneipe. Sie habe, so erklärte sie zuvor der Presse, immer wieder versucht, gegen die Rechten vorzugehen, mit Hausverboten, mit Anrufen bei der Polizei. Sollten die Rechten noch einmal wiederkommen, sagt sie, werde sie es wieder tun.

Diente das Familienleben einer Strategie?

Stephan E., das lässt sich bisher sagen, lebte in Widersprüchen: Neonazi und Rassist, Familienvater und Angestellter. Ob diese Fassade des netten Nachbarn am Ende Teil der Strategie war, ist bisher unklar.

Zuletzt arbeitete E. bei einer Kasseler Firma, die Technik für die Bahn herstellt.

Sein rechtsextremes Leben sei dem Unternehmen nach eigenen Angaben nicht aufgefallen. An der Eingangstür der Firma hängt ein Plakat. „Offen für Vielfalt“ steht dort. Der Betrieb ist Teil einer Initiative gegen Ausgrenzung. Gegen rechte Hetze. Am vorvergangenen Wochenende, schon kurz nach der Festnahme, untersuchten Ermittler des Kriminalamtes den Spind von Stephan E.

Und auch in dem großen Haus an einem Waldstück im Osten von Kassel waren die Kriminalbeamten schon. Dort sitzt der „Schützenclub Sandershausen“. Stephan E. war hier seit einigen Jahren Mitglied. Der Vorsitzende Reiner Weidemann möchte nicht viel sagen, die Polizei habe ihn darum gebeten.

Auch im Schützenverein wusste man von nichts

Nur so viel: Stephan E. sei auch hier unauffällig gewesen, seine rechtsextreme Gesinnung habe man nicht gekannt. Und auch zu scharfen Schusswaffen hat E. keinen Zugang gehabt, beteuert Weidemann. E. sei verantwortlich gewesen für die Abteilung der Bogenschützen.

Das Gelände ist an diesem Junitag verschlossen. Draußen, im Schaukasten des Vereins, hängen Zettel mit den nächsten Trainingszeiten und eine Tafel mit den Fotos der Vorsitzenden, des Schatzmeisters und Jugendleiters. Das Foto ganz unten links ist abgeklebt, genauso der Name. Darüber steht nur noch: „Referent Bogen“.