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70 Jahre Grundgesetz: Ein Provisorium, das sich bewährt hat

Historisch: Konrad Adenauer, damals Präsident des Parlamentarischen Rates, unterzeichnete am 23. Mai 1949 um 17 Uhr in Bonn das Grundgesetz.

Historisch: Konrad Adenauer, damals Präsident des Parlamentarischen Rates, unterzeichnete am 23. Mai 1949 um 17 Uhr in Bonn das Grundgesetz.

Foto: AP Content / picture alliance/ASSOCIATED PRESS

Das Grundgesetz war als Provisorium gedacht. 70 Jahre später hat es sich bewehrt. Dier sieben Dekaden gibt es auch als Bildersammlung.

Berlin. Für einen Menschen sind 70 Jahre fast ein ganzes Leben – in der Geschichte sind sie ein Wimpernschlag. Und doch ist diese Zeitspanne die längste, in der Deutsche (zunächst nur im westlichen Landesteil) in Frieden, Freiheit und wachsendem Wohlstand leben konnten. Dank des Grundgesetzes, das am 23. Mai 1949 von Konrad Adenauer, dem Präsidenten des Parlamentarischen Rates und späteren ersten Bundeskanzler, verkündet wurde und am darauffolgenden Tag in Kraft trat.

Zum Jubiläum hat die Funke Mediengruppe, zu der unsere Redaktion gehört, in Kooperation mit dem Büro Just­stickit und unterstützt vom ehemaligen Chefhistoriker des ZDF, Guido Knopp, ein Sticker-Sammelalbum produziert, das ab diesem Sonnabend erhältlich ist. Die insgesamt 333 Klebebildchen zeigen Motive aus der Historie und Gegenwart der Bundesrepublik und der Geschichte der ehemaligen DDR.

70 Jahre Grundgesetz – eine Bilder-Sammlung zeigt sieben Dekaden Bundesrepublik


Neben den Meilensteinen der deutschen Geschichte (von Brandts Kniefall bis zum Mauerfall) wird im Album auch unser demokratisches Prinzip erklärt, die Sammler lernen alle deutschen Präsidenten, Kanzler und Bundesländer kennen. Auch die größten Stars aus Show, Sport und Entertainment kommen nicht zu kurz – von Peter Frankenfeld und Hans-Joachim Kulenkampff bis Günther Jauch und Barbara Schöneberger, von James Last bis Herbert Grönemeyer, von den Toten Hosen bis Karat, von den Fußballweltmeistern von 1954 über Katarina Witt, Boris Becker und Steffi Graf bis ­Michael Schumacher.

Dabei war der Start in eine neue Epoche deutscher Geschichte alles andere als heiter. Nicht nur das Land lag nach dem Zweiten Weltkrieg in Trümmern. Auch die Seelen der meisten Deutschen hatten in zwölf Jahren Nazi-Diktatur gelitten. Der politische Neuanfang sollte gewissermaßen die Antithese zu Totalitarismus und Nationalismus werden.

Dabei mussten die Mütter und Väter des Grundgesetzes nach der Stunde null nicht bei null anfangen. Im Konvent auf der Insel Herrenchiemsee im August 1948 und danach bei den Debatten im Parlamentarischen Rat in Bonn konnten sie sowohl auf die Paulskirchenverfassung von 1849 als auch auf die Weimarer Verfassung von 1919 zurückgreifen.

Grundgesetz das Ergebnis der Erfahrungen aus zwei Weltkriegen

Vor dem Hintergrund der Erfahrungen aus zwei Weltkriegen und zwölf Jahren Diktatur setzten sich die Väter und Mütter des Grundgesetzes zum Ziel, der neuen Bundesrepublik eine Verfassung zu geben, deren Dreh- und Angelpunkt die Würde jedes Einzelnen ist. Artikel 1, Absatz 1 lautet denn auch: „Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.“

Von diesem Grundrecht abgeleitet sind die zentralen Prinzipien Rechtsstaatlichkeit, Demokratie und sozialstaatliche Verfasstheit. Das Asylrecht fand – im Bewusstsein eigener Verbrechen – ebenfalls Eingang in das Regelwerk.

Schwächen der Weimarer Verfassung korrigiert

Und zwei entscheidende Schwächen der Weimarer Verfassung konnten korrigiert werden: Die Fünf-Prozent-Klausel sorgte dafür, dass nicht mehr eine Überzahl an Parteien im Parlament eine Regierungsbildung unnötig erschwerte. Und die Befugnisse des künftigen Staatspräsidenten, der nicht mehr direkt, sondern von der Bundesversammlung gewählt werden sollte, wurde auf das unbedingt Notwendige beschränkt, sodass er nicht mehr aus eigener Machtfülle die Grundrichtung des Staates verändern konnte – wie 1933 geschehen.

Das Ergebnis: In 70 Jahren Bundesrepublik gab es bisher nur zwölf Präsidenten sowie sieben Bundeskanzler und eine Kanzlerin. Stabilitätswerte, um die uns nicht nur Italien beneiden dürfte.

Eigentlich nur als Provisorium gedacht

Dabei war das Grundgesetz zunächst als Provisorium gedacht – und bekam deshalb auch nicht den Titel „Verfassung“. Denn schon bei seiner Verabschiedung war klar, dass es nicht in der sowjetischen Besatzungszone gelten würde. Dort wurde bereits unter Moskaus Oberaufsicht an einer eigenen Verfassung gearbeitet, die am 30. Mai 1949 in Kraft trat.

Und so wie das beschauliche Bonn nur als provisorischer Regierungssitz galt, bis bei einer Wiedervereinigung Berlin wieder Hauptstadt werden würde, sollte das Grundgesetz dann durch eine gemeinsame neue gesamtdeutsche Verfassung ersetzt werden.

Frankreich hat schon ein Dutzend Verfassungen hinter sich – England hat keine

Doch ein deutsches Provisorium wäre nicht deutsch, wenn es sich nicht durch eine solide Qualität und Beständigkeit auszeichnen würde. In Frankreich etwa, dessen Kaiser Napoleon Bonaparte der Satz zugesprochen wird „Eine Verfassung muss kurz und unklar sein“, hat es seit der Revolution von 1789 mehr als ein Dutzend Verfassungen gegeben.

Das urdemokratische Großbritannien wiederum kommt ganz ohne schriftlich fixiertes Grundgesetz aus. Für regelbesessene Teutonen keine Option. Auch etwas Vorläufiges sollte ein Format haben, das den Stürmen der Geschichte trotzen konnte.

Hat es auch. Denn der andere Teil Deutschlands verschliss in seiner nur 40-jährigen Existenz gleich drei Verfassungen.

Nichts an Attraktivität und Beständigkeit eingebüßt

In der ersten waren noch mit Blick auf eine gesamtdeutsche Option Grundzüge von Liberalität und Föderalismus erkennbar. Die zweite von 1968 – per erstem und letztem Volksentscheid zur DDR-Zeit angenommen – hieß dann schon „sozialistisch“ und zementierte den uneingeschränkten Machtanspruch der SED. In der nochmals überarbeiteten Fassung von 1974 wurden dann alle Hinweise auf eine deutsche Nation oder eine mögliche staatliche Einheit getilgt.

Vergeblich. Die greisen Herren des Politbüros mussten im Herbst 1989 ebenso fassungs- wie machtlos mit ansehen, dass das westliche Provisorium eine Anziehungskraft entfaltete, der sie nichts mehr entgegensetzen konnten. Ein Jahr später galt es dann für alle Deutschen, der Weg für Berlin als Hauptstadt wurde geebnet. Und das Grundgesetz – stets nur behutsam ergänzt – hat auch nach nun bald 30 Jahren gesamtdeutscher Geschichte nichts an Attraktivität und Beständigkeit eingebüßt.