Unternehmen

China macht sich in der europäischen Wirtschaft breit

Die chinesische Flagge vor Hochhäusern. (Symbolbild)

Die chinesische Flagge vor Hochhäusern. (Symbolbild)

Foto: imago stock&people

China greift nach Unternehmen und strategisch wichtiger Infrastruktur in Europa. Politiker schlagen Alarm und warnen vor Naivität.

Berlin. Chinas Staatschef Xi Jinping wird derzeit in Europa der rote Teppich ausgerollt. Italien hatte sich am Wochenende als erstes EU-Gründungsmitglied dem milliardenschweren chinesischen Infrastruktur-Projekt „Neue Seidenstraße“ angeschlossen. Am Dienstag kommt es in Paris zu einem Treffen der Großen, das so noch nie stattgefunden hat: Frankreichs Präsident Emmanuel Macron, Bundeskanzlerin Angela Merkel sowie EU-Kommissionschef Jean-Claude Juncker wollen mit Xi Jinping ausloten, wie weit die wirtschaftliche Zusammenarbeit zwischen Europa und der aufstrebenden Weltmacht China gehen kann und wo Grenzen liegen.

Die Botschaft des Vierergipfels: Europa – zumindest in wirtschaftlicher Hinsicht ein Riese – tritt dem ostasiatischen Land gemeinsam gegenüber. Anders als eben Italien, das auf nationale Vorteile baut.

Zwischen Europa und China herrscht Misstrauen

Doch so sehr Europa den chinesischen Absatzmarkt mit 1,4 Milliarden Menschen schätzt, die Tonlage hat sich verändert. Misstrauen ist eingekehrt. Die EU-Kommission legte kürzlich ein Thesenpapier vor, in dem China als „strategischer Wettbewerber“ im Ringen um Technologieführerschaft benannt wird.

Der Aufkauf von europäischen Hightech-Firmen wie dem Augsburger Roboterbauer Kuka oder die Beteiligung am Londoner Flughafen Heathrow wird darin kritisch gesehen. Nach Ansicht der Kommission sollen es die EU-Staaten nicht einfach hinnehmen, dass China sicherheitsrelevante Infrastruktur wie Häfen oder Stromnetze erwirbt, während die Volksrepublik den eigenen Markt abschottet.

EVP-Spitzenkandidat Weber für „europäische Champions“

Vor diesem Hintergrund warnte der Spitzenkandidat der christdemokratischen EVP für die Europawahl, Manfred Weber, vor Naivität im Umgang mit China. „Wir setzen auf eine enge Partnerschaft mit China beim Welthandel, soweit dabei auch Werte und Standards garantiert sind, oder beim Klimaschutz“, sagte der stellvertretende CSU-Vorsitzende unserer Redaktion. „Wir werden unsere Industrie künftig besser vor staatlich gelenkten Übernahmen schützen und europäische Champions fördern, die im globalen Wettbewerb mithalten können.“

Im Gegensatz zu westlichen Regierungen plant die staatskapitalistische Führung in Peking langfristig über Jahre und Jahrzehnte. Mit dem Mammutvorhaben der „Neuen Seidenstraße“ sollen für insgesamt mehr als 900 Milliarden Dollar Infrastrukturprojekte zwischen Ostasien, Europa und Afrika geschaffen werden. China vergibt zinslose Kredite, baut Autobahnen, Schienenverbindungen, Öl- und Gas-Pipelines.

China will bei neuen Technologien führend sein

Diesem Ziel dient auch die Initiative „Made in China 2025“. Binnen sechs Jahren will das Land in zehn Schlüsseltechnologien von der Luftfahrt über die Robotik bis hin zur Chemie und Elektromobilität weltweit führend sein. Das wirtschaftlich klamme Italien hofft, ein Stück von der chinesischen Investitions-Offensive „Neue Seidenstraße“ abzubekommen. In Rom wurden am Sonnabend mehrere Abkommen mit Baukonzernen, Banken und Ministerien unterzeichnet.

Bereits vor der „Neuen Seidenstraße“ haben sich chinesische Firmen Zug um Zug in Europa eingekauft. Hier ein Überblick über Pekings Aktivitäten in Deutschland und Italien:

• Deutschland:

Zwischen 2000 und 2018 wuchs Deutschland nach Großbritannien zum Land mit den zweitgrößten Direktinvestitionen aus China. 2018 standen Firmen hierzulande sogar auf Platz eins – vor Finnland, Italien und Frankreich. Spektakulär war 2015 der Einstieg des Mischkonzerns Midea beim Augsburger Roboterbauer Kuka. Kritiker warnten vor einem Ausverkauf deutscher Spitzentechnologie. 2018 erregte der Erwerb von neun Prozent von Daimler durch den chinesischen Auto-Hersteller Geely Aufsehen. Preis: 8,9 Milliarden Dollar.

Die große Koalition gab sich alarmiert. Im Dezember 2018 beschloss das Kabinett eine Novelle der Außenwirtschaftsverordnung. Die Schwelle, ab der die Bundesregierung eine Beteiligung durch einen Investor aus einem Nicht-EU-Land prüfen kann, wurde auf zehn Prozent gesenkt. Vorausgesetzt, es handelt sich um sicherheitsrelevante Bereiche wie etwa Telekommunikation oder IT. So verhinderte die Bundesregierung im vergangenen Jahr den Erwerb von Anteilen des in Berlin ansässigen Stromnetzbetreibers 50Hertz durch einen Pekinger Staatskonzern.

Allerdings gilt es zu berücksichtigen, dass sich die Direktinvestitionen Chinas in EU-Länder von 37,2 Milliarden Euro (2016) auf 17,3 Milliarden Euro (2018) mehr als halbiert haben. Das liegt zum Teil an der Abschwächung der Konjunktur in China. Mittelfristig rechnen Experten jedoch mit einem deutlichen Anstieg chinesischer Einkäufe. „Deutsche Maschinenbauer und Hightech-Unternehmen bleiben für chinesische Investoren ebenso attraktiv wie etwa Unternehmen aus den Bereichen Gesundheit und Medizintechnik“, prophezeit Yi Sun von der Beratungsfirma EY (Ernst & Young).

• Italien:

China lockt. Das Ja zur „Neuen Seidenstraße“ soll Italien wirtschaftlich attraktiver machen. So sagte die Regierung in Peking milliardenschwere Investitionen in die Häfen von Genua und Triest zu. Italien soll mit seiner strategischen Lage eine Drehscheibe für Chinas Export in den gesamten europäischen Markt werden. Aber bereits zuvor war Peking in dem südeuropäischen Land aktiv.

Selbst an strategischen Netzbetreibern ist China beteiligt. Die öffentlich betriebene Bank Cassa Depositi e Prestiti gründete 2014 die Tochterfirma CDP Reti. An dieser hält der staatliche Stromnetzbetreiber State Grid China 35 Prozent. Auch die Gasnetze sind zum Teil in chinesischer Hand. Sogar mit dem umstrittenen chinesischen Netzwerkhersteller Huawei arbeiten die Italiener eng zusammen. Die Firma unterhält im Land drei Forschungszentren.

Der italienische Sonderweg hält nicht nur Brüssel, sondern auch Berlin und Paris auf Trab. Beim EU-China-Gipfel am 9. April sollen Pflöcke eingerammt werden. Es geht um eine gemeinschaftliche Position. Und: Die Europäer wollen stärker darauf dringen, mehr Zugang zum chinesischen Markt zu bekommen. (mit gau)