Terroranschlag

Verdächtiger von Straßburg: Die Akte Chérif Chekatt

Fahndung nach Weihnachtsmarkt-Attentäter läuft

Nach den Angriffen in Straßburg ist der 29-jährige Täter weiter auf der Flucht.

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Chekatt war den Behörden bereits vor dem Terroranschlag bekannt. Doch wer ist der Mann, der von der Polizei jetzt gesucht wird?

Berlin.  Vor Gericht kennt sich Chérif Chekatt aus. Erfahrungssache. Dort sei sein Mandant stets „sehr gefasst“ gewesen, erinnert sich Anwalt Thomas Röder, derzeit ein begehrter Interviewpartner von „Bild“ bis „Le Monde“. 27 Mal wurde der Attentäter von Straßburg verurteilt. Wer ist der Mann, der seit Dienstagabend in halb Europa gesucht wird und der für den Tod von drei Menschen verantwortlich sein soll?

Chekatt ist flüchtig. Die französische Polizei ist mit 700 Polizisten im Einsatz, um ihn zu fassen. Am Donnerstag haben die Ermittler erst mal einen weiteren Verdächtigen aus dem Umfeld des Attentäters in Gewahrsam genommen, inzwischen die fünfte Verhaftung.

In ihrem Fahndungsaufruf warnt die Polizei. Chekatt sei gefährlich, „bitte nicht selbst eingreifen.“ Der Straßburger mit nordafrikanischen Wurzeln ist 29 Jahre alt, 1,80 Meter groß, er habe kurze Haare und sei vielleicht Bartträger. Der Franzose habe eine „matte Haut“, einen „normalen Körperbau“ und ein „Zeichen auf der Stirn“. Dabei handelt es sich vermutlich um einen Gebetsflecken, wie ihn Muslime oft unterhalb des Haaransatzes haben. Er entsteht durch wiederholtes Niederwerfen und die Berührung des Bodens mit der Stirn während des täglichen Gebets.

Die Schweizer Bundespolizei teilte mit, die nördliche Grenze werde stärker kontrolliert. Das RBB-Inforadio berichtet unter Berufung auf Sicherheitskreise, Chekatt sei kurz vor der Tat aus Deutschland angerufen worden. Auch wenn er nicht ans Telefon ging, könnte eine Spur durchaus nach Deutschland führen. Während die Fahnder speziell im Dreiländereck zur Schweiz und Frankreich unter Hochdruck nach ihm suchen, erlag ein drittes Opfer seinen Verletzungen. Eine vierte Person sei hirntot, teilte die französische Staatsanwaltschaft mit.

Attentäter Chekatt hat, was Ermittler ein „hybrides Profil“ nennen: kriminelle Energie gepaart mit extremistischen Neigungen. In seiner Heimat Frankreich wird er seit dem Jahr 2015 als Gefährder geführt – in Deutschland „nur“ als Krimineller. Dieses Missverhältnis wirft in der deutschen Hauptstadt Fragen nach einer besseren Zusammenarbeit mit den Sicherheitsbehörden im Nachbarland auf. Gefordert werden von Unionspolitikern wie Armin Schuster (CDU) und Volker Ullrich (CSU) ein europaweites Terrorabwehrzentrum und gemeinsame Dateien.

Das setzt voraus, dass man sich in Europa über Kriterien einigt, dass Behörden und Rechtsnormen vergleichbar sind, etwa der Datenschutz. Zur französischen DSGI, einem bewaffneten Geheimdienst, der nach Chekatt fandet, gibt es in Deutschland gar kein Pendant. Die Sicherheitsbehörden tauschen sich zwar aus, geben Hinweise weiter, rufen Informationen ab, allerdings immer im Einzelfall, auf Antrag. Direkten Zugriff auf die Datei beispielsweise des jeweils anderen Geheimdienstes hat man nicht.

Anschlag in Straßburg: Was man jetzt wissen muss
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Deutschland hat keine Sammel-Datei für Gefährder

Die französische Datei Fiche S enthält Tausende Namen von Gefährdern. In Deutschland gibt es gesonderte Dateien bei Polizei und Geheimdiensten, außerdem differenziert nach Straftätern, Extremisten, relevanten Personen und Gefährdern, und die wiederum nochmal unterteilt nach Islamisten, Rechts- und Linksextremisten.

Laurent Nunez, Staatssekretär im Innenministerium, sagt im Sender France Inter, Chekatt sei bisher nie mit einem terroristischen Akt in Verbindung gebracht worden. Den Behörden sei aufgefallen, dass er sich in seiner religiösen Praxis radikalisiert habe, aber es habe keinen Anhaltspunkt dafür gegeben, dass er einen Anschlag geplant habe. Den Behörden sei auch nicht bekannt, dass er je versucht hätte, nach Syrien zu reisen, um sich der Terrormiliz „Islamischer Staat“ anzuschließen.

Für die deutschen Behörden war der 29 Jährige schlicht ein Krimineller: Einbrüche, Diebstahl, Raub. 2008 wurde er in Frankreich, 2013 in der Schweiz, 2016 in Deutschland vom Amtsgericht Singen wegen Einbruchsdelikten zu einer Haftstrafe von zwei Jahren und drei Monaten verurteilt. Er saß ein Jahr lang in Konstanz und Freiburg ab, ehe er in seine Heimat abgeschoben wurde.

Im Alter von zehn Jahren wird Chekatt erstmals straffällig. In seiner Familie gehört Kriminalität zum Alltag. Er hat sechs Geschwister und sechs Halbgeschwister. Vier seiner Brüder sind Wiederholungstäter. Unter Straßburger Rechtsanwälten macht ein sarkastischer Witz die Runde: „Du hast die Chekatt-Familie noch nicht verteidigt? Keine Sorge, der Tag wird kommen!“