OECD-Studie

Bildung der Eltern entscheidet über Schulerfolg der Kinder

Schon bei Grundschülern macht sich der Hintergrund des Elternhauses beim Lernerfolg bemerkbar.+

Schon bei Grundschülern macht sich der Hintergrund des Elternhauses beim Lernerfolg bemerkbar.+

Foto: Jens Kalaene / dpa

Die Chancen sozial benachteiligter Kinder verbessern sich im deutschen Bildungssystem nur langsam. Doch Deutschland holt auf.

Berlin.  Sag mir, was deine Eltern verdienen, und ich sage dir, welchen Abschluss du machst: Die Verknüpfung von sozialem Hintergrund und Bildungserfolg ist eines der größten Probleme in der deutschen Bildungspolitik.

Deutlich wurde das zum ersten Mal beim „Pisa-Schock“ vor 18 Jahren. Seitdem bemüht sich die Politik, diesen Zusammenhang aufzulösen. Eine neue Untersuchung der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) zeigt, wie Deutschland seitdem gekommen ist – und was noch zu tun ist.

Was wurde untersucht?

Die OECD greift für ihren Bericht auf Daten aus mehreren Quellen zu: Der jüngste Pisa-Bericht von 2015 wurde ebenso ausgewertet wie eine OECD-Studie, die die Kompetenz von Erwachsenen in Mathematik, Lesen und Problemlösung erfasst.

Dabei ging es den Forschern nicht um Chancengleichheit, sondern Chancengerechtigkeit, erklärt Andreas Schleicher, Bildungsdirektor der OECD. Statt also allen die gleiche Unterstützung zukommen zulassen, geht es darum, Unterstützung gezielt dort einzusetzen, wo sie gebraucht wird, und so Nachteile auszugleichen. „Chancengerechtigkeit ist ein wichtiger Hebel für soziale Mobilität“, so Schleicher.

Wo steht Deutschland heute?

Das Erscheinen der ersten Pisa-Studie 2001 war ein Schock: Nicht nur waren die Leistungen der Schüler und Schülerinnen deutlich unterdurchschnittlich, Deutschland trug auch den unrühmlichen Titel „Weltmeister der Bildungsungleichheit“ – in keinem anderen Land hingen damals Herkunft und Erfolg in der Schule so eng zusammen.

Dieses Etikett ist das deutsche Schulsystem seitdem losgeworden: In den neuesten Pisa-Studien – die Tests werden alle drei Jahre durchgeführt – rangiert die Bundesrepublik im Mittelfeld.

Trotzdem sind sozialer Hintergrund und akademischer Erfolg noch immer eng verbunden: Schüler aus sozial und wirtschaftlich schwächeren Familien erreichten beim naturwissenschaftlichen Teil des Pisa-Tests 2015 im Durchschnitt 466 Punkte. Gleichaltrige aus besser gestellten Familien kamen auf 103 Punkte mehr.

Konkret bedeutet das einen Unterschied in den Fähigkeiten, der etwa dreieinhalb Schuljahren entspricht, sagt OECD-Experte Schleicher. Damit ist Deutschland noch immer deutlich über dem Schnitt: Über alle OECD-Länder hinweg lag der Abstand zwischen diesen beiden Gruppen bei 88 Punkten.

Auch von einer Generation auf die andere sind die Hürden für den Aufstieg durch Bildung in Deutschland höher als in vielen anderen Ländern. In einer OECD-Befragung von Erwachsenen gaben etwa sechs von zehn Teilnehmern in Deutschland an, einen Abschluss auf demselben Niveau wie ihre Eltern zu haben.

Nur 24 Prozent hatten einen Bildungsabschluss, der höher war als der ihrer Eltern. Im OECD-Schnitt ist dieser Anteil mit 41 Prozent deutlich höher.

Zum Teil liege das daran, dass schon die Elterngeneration in der Bundesrepublik sehr hohe Bildungsabschlüsse habe, erklärte Andreas Schleicher. Und wer aus einer hoch gebildeten Familie kommt, hat gute Chancen, selbst erfolgreich zu sein: Kinder von Eltern, die an einer Hochschule waren, haben laut OECD in Deutschland eine acht Mal höhere Wahrscheinlichkeit, selbst ein Studium abzuschließen.

Doch auch in Länder mit vergleichbarem Bildungsniveau schaffen mehr Menschen den Aufstieg: In Finnland gaben mehr als die Hälfte der Befragten an, einen höheren Abschluss als ihre Eltern zu haben, in Frankreich und Belgien war es mehr als jeder vierte.

Was kann die Politik tun?

Die Politik sieht sich durch die Ergebnisse der OECD vor allem in ihrem Kurs bestätigt. Auch wenn der Bildungserfolg immer noch stark vom Elternhaus abhänge, sagte Bildungsministerin Anja Karliczek (CDU) dieser Redaktion, so sei der Zusammenhang in den vergangenen zehn Jahren doch deutlich schwächer geworden. „Das zeigt, dass wir auf dem richtigen Weg sind“, so Karliczek.

Auch der Thüringer Bildungsminister Helmut Holter (Linke), der den Vorsitz der Kultusministerkonferenz hat, sieht das deutsche Bildungssystem auf dem richtigen Weg. Holter setzt vor allem auf den Ausbau von Ganztagsangebote, um die Unterschiede in den Startchancen besser auszugleichen. Bildungserfolg dürfe nicht vom Geldbeutel der Eltern abhängen, sagte Holter der „Rheinischen Post“.

„Deswegen hat der Ausbau ganztägiger Bildungs- und Betreuungsangebote für die Länder höchste Priorität“, meinte Holter und verwies auf einen Rechtsanspruch auf ein Ganztagsangebot bis zum Jahr 2025.

Im Familienministerium setzt man für mehr Chancengerechtigkeit vor allem auf frühkindliche Bildung, also Kitas und Kindergärten. Diese legten die Basis für den weiteren Bildungsweg, sagte ein Sprecher des Ministeriums unserer Redaktion.

Deshalb sei es wichtig, dass jedes Kind die gleichen Chancen auf gute Kinderbetreuung hat und dass sich alle Eltern gute Kinderbetreuung leisten können. „Das ist eine Frage von Chancengerechtigkeit“, sagte der Sprecher. Das Gute-Kita-Gesetz des Hauses schreibe deshalb fest, dass Elternbeiträge überall sozial gestaffelt sein müssen.

In der frühkindlichen Bildung sehen auch die OECD-Experten einen Schlüssel zu mehr Chancengerechtigkeit in der Bildung. Doch auch später können noch wichtige Weichen gestellt werden.

Ein entscheidender Faktor, erklärt OECD-Wissenschaftler Schleicher, sei das schulische Umfeld: Ob ein Kind mit eher nachteiligem Hintergrund auf eine Schule geht, in der die meisten Mitschüler aus vergleichbaren Verhältnissen kommen, oder auf eine Schule mit einer stärker durchmischten Schülerschaft, wirkt sich auf Leistung und Perspektive aus.

So schneiden Schüler aus sozial und wirtschaftlichen schwachen Familien im Schnitt 122 Punkte besser ab, wenn sie Schulen mit überdurchschnittlich privilegierter Schülerschaft besuchen. „Mehr Chancengerechtigkeit wirkt sich positiv auf Gesamtleistung des Systems aus“, sagte Schleicher. Bislang lernen aber 46 Prozent dieser Schüler an Schulen, die besonders viele Schüler mit schwierigem Hintergrund versammeln.