OECD-Studie

Negative Bildungsergebnisse: Die Schulen sollen es richten

Das deutsche Bildungssystem hat deutliche Schwächen, wie eine OECD-Studie belegt.

Das deutsche Bildungssystem hat deutliche Schwächen, wie eine OECD-Studie belegt.

Foto: dpa

Das deutsche Bildungssystem hat laut einer Studie weiter Defizite. Die Politik liefert keine Lösungen, sondern verweist an die Schulen.

Berlin.  An wen wendet sich das Land, wenn es ungelöste Probleme hat? Auf wen läuft es fast automatisch zu, wenn einer gesucht wird, der sich kümmert? Genau. Die Schulen sollen es richten. Was für kleine Kinder früher der liebe Gott war, ist für die deutsche Gesellschaft heute das Bildungssystem: Anlaufstelle Nummer eins für Sorgen und Nöte, Heilsbringer und Retter im Dauereinsatz. Ein Großteil der Schwierigkeiten, die ein Land wie Deutschland im Jahr 2018 umtreiben, landet früher oder später als Aufgabe bei den Schulen.

Lehrer sollen heute leisten, was viele Eltern nicht leisten, weil sie es nicht können oder nicht wollen: In der Schule sollen Kinder nicht nur Rechnen und Schreiben lernen. Schulen sollen den Kampf gegen die Zunahme von Übergewicht und Handysucht aufnehmen, sollen die Defizite bei der Inte­gration von Zuwanderern ausbügeln, sollen abgehängte Milieus wieder in die Mitte der Gesellschaft lotsen und elf Millionen junge Deutsche aufs Leben in einer rasanten globalen Welt vorbereiten. Respekt!

Bei einem solchen Pensum müssten Lehrer und Schulen eigentlich optimale Rückendeckung bekommen. Ausreichend gut ausgebildete Kollegen, Zeit für Fortbildung und fachlichen Austausch, solide Gebäude, funktionierende Technik. Es gibt einige Schulen, die alles das haben. Aber es gibt auch unzählige Schulen in ganz Deutschland, bei denen der Begriff vom Reparaturbetrieb der Nation eine doppelte Bedeutung hat: Die Schulen sollen reparieren, was in der Gesellschaft nicht rundläuft – und fahren selbst seit Jahren auf Verschleiß.

Ergebnis der OECD-Studie ist blamabel

Der jüngste internationale Bildungsvergleich der OECD bescheinigt dem deutschen Bildungssystem erneut, dass es nicht gelingt, Schüler aus armen und zugewanderten Familien ausreichend zu fördern. Das ist blamabel. Doch zur Wahrheit gehört auch: Ohne den täglichen Einsatz der allermeisten Lehrer wären die Ergebnisse noch weitaus schlechter.

Die Bundesregierung will die Länder nun mit Geld aus dem Bundeshaushalt unterstützen. Der Ansatz ist gut, muss aber noch eine entscheidende Hürde nehmen: Ohne eine Grundgesetzänderung darf sich Berlin nicht an der Finanzierung der Bildungssysteme in den Ländern beteiligen. Union und SPD brauchen deswegen Stimmen aus der Opposition für die nötige Zwei-Drittel-Mehrheit.

Wer nun die Wahlkampfreden vom letzten Herbst noch im Ohr hat, wundert sich nun sehr, dass das alles so lange dauert. Denn Union, SPD, Grüne und Liberale waren sich zwar in vielen Punkten uneins, in einem aber einig: Gute Bildung ist der Schlüssel zu einem guten Leben. Warum also haben sie nicht unmittelbar nach der Regierungsbildung Nägel mit Köpfen gemacht? Unter anderem deshalb, weil aus den Ländern Widerstand kommt, da mancher Regierungschef fürchtet, dass der Bund sich zu sehr ins föderale Bildungssystem einmischen könnte. Die Kleinstaaterei lebt!

Schnelle Lösungen sind unrealistisch

Das ist das eine. Das andere ist: Fehlplanungen der letzten Jahrzehnte werden sich auch mit viel Geld nicht mal eben reparieren lassen. Wo in den kommunalen Verwaltungen die Baufachleute weggespart wurden, ist nun niemand da, der sich um die maroden Schulen kümmern kann. Und: Wo Experten jahrelang mit einem Rückgang der Kinderzahlen rechneten, ist der Lehrernachwuchs rar.

Dabei hätte man ebenfalls schon vor Jahren erkennen können: Der Bedarf an gut ausgebildeten Pädagogen wächst – egal, wie sich die Geburtenrate entwickelt. Denn das Land kann gar nicht genug gute Lehrer haben. An Aufgaben mangelt es jedenfalls nicht.

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