Vierte Gewalt

Für die Pressefreiheit: Medien kämpfen gegen Trump-Hetze

US-President Donald Trump bei einem Auftritt vor Anhängern in Pennsylvania.

US-President Donald Trump bei einem Auftritt vor Anhängern in Pennsylvania.

Foto: Leah Millis / REUTERS

Donnerstag ist ein historischer Tag für US-Medien: 100 Zeitungen wollen gegen Trumps Angriffe auf die Pressefreiheit kommentieren.

Washington.  Dieser Donnerstag geht in die amerikanische Pressegeschichte ein. Rund 100 Zeitungen vom „Miami Herald“ über den „Houston Chronicle“ bis zur „Denver Post“ wollen simultan ihren exklusivsten Kommentar-Platz, das „Editorial“, nutzen, um die immer drastischer werdende Hetze von Präsident Donald Trump gegen die 4. Gewalt anzuprangern und ein Plädoyer für die Pressefreiheit zu halten.

Die konzertierte Aktion hat der „Boston Globe“ angestoßen. „Der schmutzige Krieg gegen die freie Presse muss ein Ende haben“, sagt Marjorie Pritchard, Vize-Chefin der Meinungsseite des Blattes.

Trumps Attacken auf die Medien immer unbeherrschter

Trumps Attacken auf das Gros der Medien waren zuletzt immer unbeherrschter geworden. Vom pauschalen Vorwurf, dass die „unpatriotischen“ Mainstream-Medien fast ausschließlich „erfundene Geschichten“ und „hässliche Lügen“ über das tägliche Regierungshandeln transportierten, war meist nur der TV-Sender Fox News ausgenommen.

Trumps Breitseiten gipfelten in der Anklage, Medien, die regelmäßig kritisch über das Weiße Haus berichten, seien „krank“ und „gefährlich“ und könnten sogar einen „Krieg verursachen“. Indem er über die „Lügenpresse“ aufkläre, sagte Trump vor Anhängern in Pennsylvania, erweise er dem amerikanischen Volk einen „großen Dienst“. Offen rief er dazu auf, der Berichtserstattung grosso modo zu misstrauen. Was man in den Medien (über ihn) lesen und sehen könne, sagte er, habe nichts mit dem zu tun, was tatsächlich passiere. Ein Satz, den man aus George Orwells Buch „1984“ kennt.

Viele republikanische Wähler würden Trump Medien schließen lassen

Das unablässige Einprügeln des Präsidenten auf die ihm unliebsame Berichterstattung bleibt nicht ohne Wirkung. Nach einer frischen Umfrage des Ipsos-Instituts befürworten 43 Prozent der republikanischen Wähler, wenn Trump die Prokura bekäme, Medien schließen zu lassen, die er als „Fake News“-Produzenten identifiziert hat.

Die renommierte Quinnipiac University hat herausgefunden, dass 51 Prozent der Republikaner Trumps bei Nazis und Sowjet-Kommunisten entliehenen Spruch goutieren, wonach „die Medien die Feinde des Volkes sind“. Und 80 Prozent der Republikaner-Sympathisanten glauben Trump, dem die von ihm verachtete „Washington Post“ seit Amtsantritt über 4500 Tatsachenverdrehungen und falsche Behauptungen nachgewiesen hat, eher als den eigenen Familienangehörigen.

Trump-Anhänger grölten Reporter nieder

Diese Trump-Hörigkeit bringt Kritiker wie den linken TV-Moderator Bill Maher dazu, die republikanische Partei und ihr Umfeld als „Trump-Kult“ zu bezeichnen, der früher oder später vor Repressalien gegenüber Reportern nicht zurückschrecken werde. Dass die Einschläge näher kommen, zeigte sich vor wenigen Tagen, als Trump-Anhänger den vom Präsidenten mehrfach persönlich kujonierten CNN-Reporter Jim Acosta niedergrölten und mit obszönen Gesten bedachten.

Journalisten-Verbände und Verleger, allen voran Arthur Gregg Sulzberger von der New York Times, warnen öffentlich davor, dass die „aufhetzerische Sprache“ Trumps „zunehmend gefährlich“ wird. Nicht nur in Amerika, in der ganzen Welt, wo Diktatoren und Autokraten sich durch den US-Präsidenten bestätigt fühlen. „Ob Trump sich dessen bewusst ist oder nicht, seine Bemühungen werden von ausländischen Führern sehr genau beobachtet, die seine Worte jetzt schon als Vorwand benutzen, um eine der entscheidenden Säulen der Demokratie zum Schweigen zu bringen“, sagt der der krebskranke Republikaner-Senator John McCain.

Wissenschaftler beobachten „alarmierenden Gewöhnungseffekt“

Weil Trump schon im Wahlkampf 2015 kritische Journalisten der Manipulation und der Lüge bezichtigte, ist nach Beobachtung von Medienwissenschaftlern der Columbia-Universität in New York inzwischen ein „alarmierender Gewöhnungseffekt“ eingetreten. „Die Hemmschwelle gegenüber Journalisten sinkt.“ Resultat: Einige Zeitungen haben Personenschützer eingestellt.

Brett Stephens, Vorzeige-Kolumnist der „New York Times“ mit stramm konservativen Wurzeln, geht in seinem Befund einen Schritt weiter. Nach Empfang einer anonymen Mord-Drohung schrieb er: „Wir nähern uns dem Tag, an dem Blut auf dem Boden einer Redaktion Blut an den Händen des Präsidenten sein wird.“

Trump übt sich mit Genugtuung als Zensor

Trump ficht das nicht an. Mit Genugtuung übt sich der Präsident als Zensor. Zuletzt wurde die CNN-Reporterin Kaitlan Collins von einer Veranstaltung im Weißen Haus ausgeschlossen. Sie hatte Trump Fragen gestellt, die er als unbotmäßig empfand. Dabei unterhält der Präsident zu Organen wie der „New York Times“, die ihn regelmäßig vorführt, ein symbiotisches Verhältnis. Er nutzt das landesweit tonangebende Medium als „Abspielstation“ für seine populistische Programmatik. Gleichzeitig dient das Blatt ihm als Sandsack, um die auf Krawall gebürstete Wählerbasis vor den Zwischenwahlen im Kongress im November zu mobilisieren.

Geradezu liebevoll ist dagegen das Verhältnis des Präsidenten mit Fox News, dem Fernseh-Sender seines milliardenschweren Freundes Rupert Murdoch. Es ist inzwischen erwiesen, dass Trump auf einzelne Sendungen wie „Fox and Friends“ im Frühstücksprogramm mit Lob oder späteren Politik-Vorschlägen reagiert. Etwa, wenn es um das Thema illegale Einwanderung geht. Sean Hannity, einer der Fox-Moderatoren mit der größten Einschaltquote, gehört zu Trumps Stichwortgebern und Beratern. Fox News und das ebenfalls Murdoch gehörende „Wall Street Journal“ haben sich abfällig über die heutige Kommentar-Aktion geäußert.

Wie weit Trump die Verächtlichmachung der (meisten) Medien noch treiben wird, ist ungewiss. In Washington hält sich die Spekulation, dass der Präsident „vor nichts zurückschrecken wird“, sollte Sonder-Ermittler Robert Mueller ihn in der Russland-Affäre demnächst juristisch behelligen.