Entführung

Vietnamese mitten in Berlin gekidnappt – ihm droht der Tod

Trinh Xuan Thanh, ein Geschäftsmann und ehemaliger Funktionär von Vietnams Kommunistischer Partei (KP), sitzt in Berlin auf einer Parkbank (undatierte Aufnahme). Der vietnamesische Geheimdienst hat nach Informationen des Auswärtigen Amtes den ehemaligen Parteifunktionär mitten in Berlin gekidnappt und in seine Heimat verschleppt.

Trinh Xuan Thanh, ein Geschäftsmann und ehemaliger Funktionär von Vietnams Kommunistischer Partei (KP), sitzt in Berlin auf einer Parkbank (undatierte Aufnahme). Der vietnamesische Geheimdienst hat nach Informationen des Auswärtigen Amtes den ehemaligen Parteifunktionär mitten in Berlin gekidnappt und in seine Heimat verschleppt.

Foto: dpa Picture-Alliance / --- / picture alliance / Privat/dpa

Im Sommer wurde ein Vietnamese in Berlin gekidnappt. Nun hätte das Auswärtige Amt Hintergründen nachgehen können – und tat es nicht.

Berlin.  Sie sind Schicksalsgenossen, beiden droht die Todesstrafe: Trinh Xuan Thanh (51), der im Juli 2017 in Berlin entführt und in seine vietnamesische Heimat verschleppt wurde, und Phan Van Anh Vu (42), Landsmann und früherer Geheimdienstoffizier. Eine Woche lang schien es, als könne er Thanhs Geschichte eine neue Wendung geben, die seit Monaten das Verhältnis zwischen Vietnam und Deutschland belastet – von Herrn Vu wird später noch die Rede sein.

Erst einmal beginnt am Montag in Hanoi der erste von zwei Prozessen gegen Thanh. Als Chef eines staatlichen Baukonzerns soll er über 100 Millionen Euro unterschlagen und 500.000 Euro als Schmiergeld angenommen haben. Was er bestreitet.

Vor allem gehörte er in der kommunistischen Partei zu einem Flügel, der in Machtkämpfen unterlag. Beides erklärt seine Flucht von Vietnam nach Deutschland. Aber es erklärt nicht wirklich, warum die Staatsführung im südostasiatischen Staat so viele Risiken einging, um den Abtrünnigen zu fassen.

Geheimdienstmann bietet Insiderinformationen an

Seit einem halben Jahr fordert das Auswärtige Amt ein faires und rechtsstaatliches Verfahren, ausländische Beobachter, eine Entschuldigung und nicht zuletzt die Zusicherung, dass Rechtsbrüche dieser Art in Zukunft unterbleiben. Erst recht pocht es darauf, dass ein Todesurteil gegebenenfalls nicht vollstreckt wird.

Am Freitag bestellte die Bundesregierung den vietnamesischen Botschafter ein. Sie beharrt darauf, den Prozess beobachten zu dürfen, nachdem bereits die ausländischen Journalisten ausgesperrt wurden und Thanhs Berliner Anwältin ein Einreiseverbot bekam. Anwältin Isabel Schlagenhauf sitzt in ihrem Büro in Berlin-Moabit, raucht eine Zigarette und beteuert: „Ich unterstütze alles, was das Auswärtige Amt getan hat.“ Zwischen zwei Zügen fügt sie hinzu: „Und noch weiter tun wird.“

Die Politik ist ihre größte Hoffnung. Sie ahnt, dass über Thanhs Schicksal nicht in Gerichtssälen entschieden wird. Es ist ein Politikum. Für Vietnam ist der Mann freiwillig zurückgekehrt, um sich den Behörden zu stellen. Das offizielle Eingeständnis einer Entführung wäre freilich mit einem Gesichtsverlust verbunden.

Auswärtiges Amt reagiert auf „Vertrauensbruch“

„Deutschland hat auch ein Gesicht zu verlieren“, erwidert Schlagenhauf, „auf so ein Ereignis nicht zu reagieren, kann keine Option sein.“ Geht es um Thanh oder nicht längst um mehr, um Politik, um die Vermeidung falscher Signale? Was ist, wenn andere Staaten dem Beispiel Vietnams folgen, etwa der Iran oder die Türkei, die auf offiziellem Wege die Auslieferung von „Putschisten“ betreibt? Warum noch Anträge stellen, wenn sich das Ziel auch auf eigene Faust erreichen lässt?

Das Nachahmerrisiko liegt auf der Hand und ist der Grund, warum das Auswärtige Amt im Sommer auf Thanhs Entführung heftig reagiert. Von einem „eklatanten Verstoß“ ist die Rede, von einem Vertrauens- und Rechtsbruch. Ein Diplomat Vietnams wird innerhalb von 48 Stunden, ein weiterer binnen Wochen ausgewiesen, der Botschafter einbestellt, die „strategische Partnerschaft“ ausgesetzt. Folge: Keine neuen Projekte.

Die Vietnamesen tun die Reaktion damals als Problem mit Außenminister Sigmar Gabriel (SPD) ab. Sie wissen, dass in wenigen Wochen eine Bundestagswahl ansteht und auch, dass die Aussichten von Gabriels Partei schlecht sind. „In ein paar Tagen, ein paar Wochen später wird das Ereignis vergessen sein“, heißt es in den staatlich gelenkten Medien. Ohne Gabriel kein Ärger? Das ist kurz gedacht.

Ankunft der Geliebten wird Thanh zum Verhängnis

Eine Fehlkalkulation anderer Art unterläuft Thanh. Er hatte zwar ins Kalkül gezogen, dass man ihn beschatten würde, eine Entführung mitten in Berlin hat er dem vietnamesischen Regime aber nicht zugetraut.

Im August 2016 war er in Deutschland eingereist. Schon bald, spätestens im November, wähnen ihn die Vietnamesen hier. Sie schreiben ihn bei Interpol zur Fahndung aus, beantragen seine Auslieferung, fühlen politisch vor. Auf dem G20-Gipfel im Sommer 2017 werden sie sogar bei Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) vorstellig. Thanh selbst ahnt davon nichts. Erst im März hatte er seine Ehefrau aus Vietnam nachgeholt und einen Asylantrag gestellt. Er fühlt sich sicher.

Und wird leichtsinnig. Im Sommer bekommt er Besuch von einer 26-jährigen Frau aus Vietnam, offensichtlich seine Geliebte. Als sie am 19. August in Berlin-Tegel landet, wird sie nicht nur von Thahn, sondern auch von einem Vorauskommando des Geheimdienstes erwartet. „Für uns ist sie ein Opfer“, beteuert Anwältin Schlagenhauf. Soll heißen: Kein Lockvogel, einerseits.

Die meisten Täter sind abgereist oder genießen Immunität

Andererseits ist es wahrscheinlich die Frau, die unbeabsichtigt die Kidnapper zu Thanh führt. Fakt ist: Das Paar wird beschattet, die deutschen Ermittler haben nachträglich vieles rekonstruiert. Sie wissen, mit welchem Auto das Pärchen verfolgt wird, einem BMW, und dass eigens für die Entführung ein grauer VW-Transporter in Prag angemietet wird.

Es wird laut Generalbundesanwalt für den 20. bis 24. Juli 2017 gemietet und nach Berlin gebracht. Long N. H. heißt der Fahrer, er wurde in Tschechien verhaftet und an Deutschland ausgeliefert, er sitzt als einziger im Gefängnis. Die übrigen Täter sind entweder abgereist oder genießen diplomatische Immunität.

Die Nacht vom 22. auf den 23. Juli verbringt Thanh mit der Geliebten im Hotel. Seiner Ehefrau hatte er dem Vernehmen nach die Geschichte aufgetischt, dass er in einer Asylunterkunft übernachten müsse und am Montag einen Termin beim Bundesamt für Migration für Flüchtlinge habe. Das erste ist eine Alibi-Behauptung, der BAMF-Termin stimmt.

Am 23. Juli, einem Sonntag, geht das Paar im Tiergarten spazieren, in der Nähe der Siegessäule. Das weiß man so genau, weil das Kommando dort zuschlägt und weil mehrere Zeugen beobachten, wie das sich wehrende und schreiende Paar ins Auto gezerrt wird, der erste Notruf ergeht um 10.47 Uhr.

Weg nach Vietnam bis heute unklar

Das Auto fährt in die vietnamesische Botschaft, Thanhs Hotelzimmer wird von Spuren gesäubert und das Mädchen umgehend ausgeflogen. „Wir wissen über sie definitiv, dass sie am Dienstag, 25. Juli, um ein Uhr morgens ins Krankenhaus in Hanoi eingeliefert wurde, mit gebrochenem Arm, hoch bewacht“, erzählt Schlagenhauf. Sie selbst hatte erst am Montag um acht Uhr Verdacht geschöpft, als Thanh nicht beim BAMF erschien. „Da war klar, dass etwas passiert war. Er war auch nicht mehr erreichbar auf seinem Handy.“

Wie Thanh nach Vietnam gebracht wird, ist trotz GPS-Daten, Handyortung und Auswertung von Kameras ungeklärt, vermutlich über Prag, getarnt als Krankentransport. Dass er freiwillig ins Flugzeug gestiegen sei, kann sich Schlagenhauf einfach nicht vorstellen.

Monatelang gibt es im Fall keine Bewegung, bis Phan Van Anh Vu auf den Plan tritt. Der Geheimdienstler hat Vietnam verlassen, wird auf der Flucht am 28. Dezember aber in Singapur gefasst. Er will nicht zurück, wo ihn wegen Geheimnisverrats die Todesstrafe droht, sondern nach Deutschland. Für ein Ticket in die Freiheit hat er etwas anzubieten: Informationen zu Thanh.

Berlin vertut die Chance auf Informationen

Über den Frankfurter Anwalt Victor Pfaff beantragt er die Einreise nach Deutschland. Ein Visum wäre möglich. Innenminister Thomas de Maizière (CDU) müsste das nach Paragraf 22 Aufenthaltsgesetz „zur Wahrung politischer Interessen der Bundesrepublik Deutschland“ befürworten. Anwalt Pfaff lockt: „Ich vermute, dass Herr Vu aufgrund seiner Stellung im Polizeiapparat und seines Ranges über Informationen verfügt“.

Nach seinen Angaben haben Vertreter deutscher Sicherheitsbehörden am Dienstag ein erstes Gespräch mit einem Kontaktmann von Vu führen können. Was weiß Vu? Kennt er weitere Helfer und Helfershelfer, die Hintermänner der Aktion, von wem der Befehl zum Kidnapping kam? Eine Aussage von Vu hätte das Regime in Hanoi kompromittiert.

Aber in Berlin wägt das Auswärtige Amt eine Woche lang Für und Wider ab – bis Singapur Fakten geschaffen hat und den verhafteten Mann nach Vietnam zurückschiebt. Chance vertan.