Konflikt

Der Krieg im Jemen ist eine vergessene Katastrophe

1000 Tage Bürgerkrieg im Jemen

Durch den Bürgerkrieg im Jemen sind in den vergangenen Jahren tausende Menschen getötet und zehntausende weitere verletzt worden. Menschenrechtsorganisationen schlagen Alarm: Viele Menschen sind ...

1000 Tage Bürgerkrieg im Jemen

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Der Krieg im Jemen dauert inzwischen mehr als 1000 Tage. Viele Betroffene leiden an Cholera und Diphtherie, Millionen Menschen hungern.

Berlin/Sanaa.  Das Leid der Menschen im Jemen ist gut dokumentiert. In Bildern und in Zahlen. Auf den Bildern sind abgemagerte Kinder zu sehen, weinende Frauen, verzweifelte und vom Krieg verstümmelte Männer.

Doch die Zahlen, die kalten Fakten über den Jemen, erschüttern nicht weniger. Der Krieg, der seit dem 26. März 2015 in dem Land wütet, dauert seit mehr als 1000 Tagen an. Und das obwohl das beteiligte Saudi-Arabien seinen Bürgern zu Beginn ein schnelles Ende versprochen hatte.

Im Kriegsgebiet, das sich fast auf den ganzen Jemen erstreckt, sind 20 Millionen Menschen von insgesamt 27 Millionen Bürgern von der steten Unterstützung von Hilfsorganisationen abhängig. Das Hilfswerk Oxfam berichtet, dass sieben Millionen Menschen im Jemen der Tod drohe, denn nur ein Drittel der benötigten Nahrungsmittel in den umkämpften Teilen des Landes erreiche die Menschen überhaupt.

16 Millionen ohne Zugang zu sauberem Wasser

16 Millionen von ihnen haben keinen Zugang zu sauberem Wasser. Acht Millionen davon sind Kinder. 930.000 Menschen sind an Cholera erkrankt, davon sind ein Drittel Kinder. Ändert sich die Situation in dem von Bürgerkrieg und Einfuhr-Blockade gequälten Land nicht oder nur wenig, droht 400.000 Kindern im Jemen der Hungertod, sie sind unterernährt, warnte Unicef-Exekutivdirektor Anthony Lake bereits Anfang Dezember.

Seit Anfang November hatten Saudi-Arabien und eine Koalition von Staaten den Norden des Landes blockiert. Kaum ein Flugzeug mit Hilfsgütern durfte auf dem Flughafen in Sanaa landen und nur selten durfte ein Schiff beladen mit Lebensmitteln, Benzin oder Wasser im Hafen von Hodeida anlegen.

Gerade diese Blockade war laut Experten die stärkste Waffe im Krieg gegen die Huthi-Rebellen. Denn der Jemen muss 90 Prozent seiner Nahrungsmittel importieren. Das von Saudi-Arabien angeführte Militärbündnis wollte mit der Blockade eigentlich die Rebellen schwächen – und erwischt so die gesamte Bevölkerung des Landes. Hilfsorganisationen wie Unicef warnen vor einer der weltweit schlimmsten Hungerkatastrophen.

Huthi-Rebellen schossen Rakete auf Riad ab

Auslöser für die Sperrung der See- und Flughäfen war eine Rakete, welche Huthi-Rebellen, die den Norden des Landes besetzen, auf die saudische Stadt Riad abgeschossen hatten. Am Dienstag wiederholte sich das Ganze. Saudi-Arabien hat demnach erneut eine aus dem Jemen abgefeuerte Rakete abgefangen. Das Geschoss sei südlich von Riad in der Luft zerstört worden, berichtete der saudische Oberst Turki al-Malki in einer Stellungnahme des Informationsministeriums. Es sei aber niemand verletzt worden. Die Rakete sei wieder von den Huthi-Rebellen abgefeuert worden.

Die deutsche Bundesregierung hat den Beschuss auf das Schärfste verurteilt. Diese Angriffe müssten endlich ein Ende haben. Alle Konfliktparteien seien aufgefordert, die Spirale der Gewalt zu durchbrechen, sagte Regierungssprecher Steffen Seibert. Es könne nur einen diplomatischen Weg aus dem Jemenkonflikt geben.

Zugleich sehe es die Bundesregierung mit ernsthafter Sorge, dass der Iran ganz offensichtlich Waffen an den Jemen geliefert habe und damit gegen UN-Resolutionen verstoße. Nach Darstellung eines entsprechenden UN-Berichts gebe es auch Hinweise, dass der Iran in den Beschuss Saudi-Arabiens aus dem Jemen am 22. Juli und 4. November verwickelt sei.

Infrastruktur im Jemen liegt in Trümmern

Im Frühjahr 2015 begann im Jemen die Militärintervention durch eine von Saudi-Arabien angeführte Allianz von Staaten, der Ägypten, Bahrain, Katar, Kuwait, die Vereinigten Arabischen Emirate, Jordanien, Marokko, Sudan und Senegal angehören.

Die Allianz griff damit in einen andauernden innerjemenitischen Bürgerkrieg ein und unterstützt den jemenitischen Präsidenten Abed Rabbo Mansur Hadi gegen die Huthi-Rebellen. Der Konflikt gilt als Stellvertreterkrieg zwischen Saudi-Arabien und dem Iran. Durch die Kämpfe und Luftangriffe der saudischen Koalition wurden große Teile der Infrastruktur des Landes zerstört.

Im Jemen spitzt sich die Lage nun zu, Experten wie Dominik Stillhart vom Internationalen Komitee vom Internationalen Roten Kreuz (ICRC) sprechen ebenfalls von einer humanitären Katastrophe. Seit den bewaffneten Auseinandersetzungen in der vorletzten Woche, an deren Höhepunkt der frühere jemenitische Präsident Ali Abdullah Salih von den Huthi-Rebellen getötet wurde, die er bislang unterstützt hatte, habe sich die humanitäre Situation weiter verschlechtert. „Seither ist die Lage in Sanaa extrem angespannt und in Hodeida bereiten sich die Leute auf einen neuen Angriff der von den Saudis und Emiratis angeführten Koalition vor“, so Stillhart.

Eine Million Menschen leidet an Cholera

Das ICRC ist mit 50 internationalen Mitarbeitern sowie über 300 jemenitischen Arbeitskräfte vor Ort im Einsatz. „Wir konzentrieren uns darauf, Spitäler mit Medikamenten und Diesel zu versorgen, um die Gesundheitsversorgung vom totalen Kollaps zu bewahren.“

Seit mehreren Wochen warnen die Vereinten Nationen vor einem Teufelskreis aus Hunger und Cholera. Denn Unterernährung mache Kinder anfälliger für Cholera – und Cholera sorge für noch mehr Unterernährung. „Eine tödliche Kombination“, sagt Stillhart, der im April dieses Jahres den Ausbruch der Epidemie im Jemen miterlebt hat. „Es begann damals mit 100 Fällen, jetzt leiden eine Million Menschen an der Cholera.“

Die Not sei in den zweieinhalb Jahren des Konflikts immer größer geworden. Ein anderes Problem sei das Wasser. „Weil das Elektrizitätsnetz zusammengebrochen ist, müssen die Wasseranlagen mit Dieselmotoren betrieben werden. Und ohne Diesel kann kein Wasser gepumpt werden. So leiden die Menschen selbst, wenn sie nicht beschossen werden, indirekt an den Folgen des Krieges.“

Täglich sterben mehr als hundert Kinder an Hunger und Krankheit

Sauberes Wasser ist für die Bekämpfung der Cholera essenziell. Die Menschen haben Durchfall, trocknen aus. Ohne medizinische Behandlung endet dieser Weg oft tödlich. Vor allem die Kindersterblichkeit im Jemen habe sich dramatisch entwickelt.

Vor Ort erlebt die 35-jährige Britin Nadine Drummond das Elend täglich mit. Mit ihrer Hilfsorganisation Save the Children trifft sie in Krankenhäusern auf kranke, unterernährte Kinder und verzweifelte Eltern. „Vor der Blockade starben täglich 130 Kinder im Jemen an den Folgen von Hunger und Krankheit“, sagt Drummond.

Sie arbeitet in Sanaa, ihr Urteil zur Lage der Schwächsten ist erschütternd: „Kinder haben ein Recht auf Bildung, auf Wasser, Medizin, auf einen Alltag ohne Bomben. Die Kinder hier haben keine Wahl. Sogar in Zukunft werden sie ein Leben ohne Würde führen. Sie erleben nur Hunger, Krankheit und Gewalt.“

Menschen bauen sich Behausungen aus Stoffresten

Am Telefon schildert sie, wie die Menschen auf der Flucht vor dem Krieg Schutz suchen. „Es gibt hier keine Camps. Zelte werden auf offenem Feld aufgeschlagen. Dabei ist der Begriff Zelt noch übertrieben. Alles wird benutzt, Plastikplane, Stoffreste, manche Behausungen sehen aus wie Vogelnester.“ Save the Children versorgt die Menschen mit Essen, Wasser und versucht, Kinder mit Bildungs- und Freizeitangeboten vom Elend abzulenken.

In einem Versorgungszelt der Organisation traf Drummond kürzlich die 37-jährige Arwa, eine Mutter von sechs Kindern. Sie war schwanger und hatte ein krankes dreijähriges Mädchen dabei. Auf der Flucht starb bereits eines ihrer Kinder. Die anderen drei hatte sie in ihrem Unterschlupf zurück gelassen. „Wir konnten ihr in ihrer akuten Situation helfen, besuchten sie später und gaben der Familie Spielzeug, Kleidung und Essen.“ Das sei, obwohl eines der Kinder bereits gestorben war, einer der glücklicheren Fälle, die Nadine Drummond erlebt habe. „Am schlimmsten sind die unterernährten, kranken Kinder. Es ist furchtbar, wenn kleine Babys zu schwach sind, sich zu bewegen.“

Gibt es eine Lösung? Der Schweizer Dominik Stillhart ist skeptisch: „Der Konflikt im Jemen ist von der Internationalen Gemeinschaft vergessen worden. Man hat sich auf Syrien konzentriert. Außerdem stehen viele westliche Länder der Koalition um Saudi-Arabien näher, daher ist es für sie schwierig, eine neutrale Vermittlerrolle einzunehmen.“

Blockade soll bald gelockert werden

Sorgen machen ihm vor allem die Langzeitfolgen der derzeitigen Situation. „Wer über lange Zeit gehungert hat, der lebt mit Überlebensängsten weiter. Und eine ganze Generation ist von diesen Traumata betroffen.“ Trotzdem hofft er, dass es irgendwann Frieden gibt. Bis dahin brauche der Jemen die Hilfe der UN und der Hilfsorganisationen.

Ein wenig Hoffnung auf Besserung gibt die Nachricht, dass Saudi-Arabien und seine Mitstreiter ihre Blockade lockern wollen. Am Montag brachte ein Schiff 25.000 Tonnen Weizen in den Hafen von Salif, das berichtete das World Food Programme (WFP). Die Ladung soll reichen 1,8 Millionen Menschen in dem Bürgerkriegsland für ein paar Wochen zu ernähren. Weitere Schiffe werden in den nächsten Tagen erwartet.

Doch, das ist traurige Gewissheit, die Situation wird auch nach der Blockade sehr angespannt bleiben.

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• Wer für die Betroffenen des Jemen-Krieges spenden möchte, kann sich unter anderem an die Aktion Deutschland hilft wenden, ein Bündnis vieler deutschere Hilfsorganisationen. Schirmherr dafür ist der ehemalige Bundespräsident Horst Köhler:

IBAN DE62 3702 0500 0000 1020 30 / BIC: BFSWDE33XXX

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