Gesundheitswesen

Aus Arzneimittellücken darf kein Versorgungsnotstand werden

Eine Gesundheits- und Krankenpflegerin nimmt in einem Krankenhaus ein Medikament aus dem Schrank.

Eine Gesundheits- und Krankenpflegerin nimmt in einem Krankenhaus ein Medikament aus dem Schrank.

Foto: Andreas Arnold / dpa

Manche Arzneimittelhersteller in Asien sind inzwischen auf dem Weg zum Monopolisten. Deutschland muss aus der Energiepolitik lernen.

Wer in Deutschland in die Apotheke geht, bekommt in der Regel, was er braucht. Schmerztabletten, Kreislauftropfen, Medikamente für Allergiker oder Blutdrucksenker. Auch in den Krankenhäusern muss bislang der Alltagsbetrieb nicht wegen Arzneimittellücken schließen. Mit anderen Worten: In Deutschland herrscht kein genereller Versorgungsnotstand bei Medikamenten – Versorgungsmangel aber ist an vielen Stellen spürbar. Und er wird stärker. Dafür gibt es zwei wesentliche Gründe.

Der eine Grund ist die Verknappung aus Kostengründen: Das gilt vor allem bei speziellen, hochwertigen Medikamenten, die (je nach Sichtweise) die Krankenkassen für zu teuer halten oder die Arzneimittelhersteller überteuert anbieten – und die für viele gesetzlich Versicherte deswegen oft nicht problemlos zur Verfügung stehen.

Im Frühjahr Probleme mit Narkosemittel

Der andere Grund für Versorgungsmängel ist die Verknappung durch Probleme bei der Herstellung und Lieferung von Arzneimitteln. Ärzte und Kassen kritisieren seit langem Engpässe bei wichtigen verschreibungspflichtigen Präparaten wie Krebsmedikamenten, Narkosemitteln oder Impfstoffen: Bei den rund 100.000 Arzneimitteln, die aktuell in Deutschland zugelassen sind, kommt es in den letzten Jahren immer öfter zu Fällen, in denen einzelne Präparate über Wochen nicht zu haben waren.

In diesem Frühjahr etwa gab es Lieferschwierigkeiten mit einem Narkosemittel, das Ärzte bei ambulanten Operationen und bei Eingriffen bei Kindern einsetzen, weil die Wirkung unmittelbar nach der Operation nachlässt und die Patienten so ohne Risiko nach Hause gehen können.

Kinderärzte fürchten Impflücken

Kliniken, die anders als große Häuser wie die Charité keine Reserven angelegt hatten, mussten ihre OP-Routine umstellen und auf andere Narkosemittel zurückgreifen. Probleme gibt es auch bei Impfstoffen. Die Liste der fehlenden Präparate für Standardimpfungen gegen Tetanus, Diphterie, Keuchhusten oder Hepatitis ist lang. Zwar gibt es auch hier in der Regel alternative Präparate von anderen Herstellern, doch gerade Kinderärzte schlagen zu Recht Alarm, wenn sie wegen der Mangellage Lücken beim Impfschutz fürchten.

Ein wichtiger Grund für die Zunahme von Lieferengpässe ist die Konzentration der Arzneimittelproduktion auf weltweit immer weniger Hersteller. Etliche davon sitzen in China oder Indien, manche sind bereits auf dem Weg zum globalen Marktmonopol. Hat ein solches Werk Produktionsprobleme, ändern sich die Weltmarktpreise oder kommt es zu Transportschwierigkeiten, kann daraus sehr schnell ein Problem für den deutschen Markt werden.

Produktion in Europa wieder stärken

Mit Blick auf eine sichere, zuverlässige Versorgung wäre es deshalb klug, die deutsche und europäische Produktion wieder zu stärken. Analog zur Energiepolitik: Auch hier verlässt sich das Land nicht auf ein oder zwei ausländische Lieferanten, sondern setzt auf eine möglichst stabile Mischung. Nur so ist langfristig zu verhindern, dass aus zeitweiligen Versorgungsmängeln eines Tages ein nationaler Versorgungsnotstand wird.

Kurzfristig wichtig ist es aber auch, die deutschen Arzneimittelproduzenten stärker in die Pflicht zu nehmen: Bereits jetzt müssen sie Vorräte anlegen und Lieferengpässe melden. Doch das System funktioniert nur schleppend. Kassenvertreter fordern deswegen zu Recht die Politik auf, hier härter durchzugreifen und säumigen Herstellern per Gesetz mit massiven Strafen zu drohen. Auf dem Arzneimittelmarkt werden gigantische Summen bewegt – da darf es nicht sein, dass Patienten nur deswegen schlecht versorgt werden, weil es mit der Logistik nicht klappt.