Vorfall

Der Terror kehrt in die belgische Hauptstadt Brüssel zurück

So reagieren Passanten auf die Explosion in Brüssel

In Brüssel hat es am Dienstagabend eine Explosion gegeben und der Bahnhof Central wurde evakuiert. Anwohner und Touristen reagierten darauf aber relativ gelassen.

Beschreibung anzeigen

Brüssel schrammt nur knapp an einer Katastrophe vorbei. Und das nur, weil der Attentäter seine Bombe nicht richtig zünden konnte.

Brüssel.  Die Militärstreifen – zwei, drei oder vier Soldaten im Kampfanzug und mit Maschinenpistolen vor der Brust – gehören mittlerweile zum Brüsseler Stadtbild. Viele Touristen sind irritiert, aber die Einheimischen haben sich daran gewöhnt. Am Dienstagabend wurde ihnen jäh in Erinnerung gerufen, dass die martialische Vorsichtsmaßnahme durchaus nicht überflüssig und mehr als nur Symbolik ist: „Wir sind einem Terrorattentat entgangen“, sagt Regierungschef Charles Michel.

Die Sicherheitskräfte schossen am Brüsseler Zentralbahnhof einen Mann nieder, der einen Anschlag mit potenziell verheerenden Folgen geplant hatte. Die Nachricht löste kurzfristig Panik an zentralen Plätzen der Innenstadt aus – die grausamen Bilder nach den Anschlägen vom 22. März 2016 auf den Flughafen und eine Metro-Station sind in den Köpfen der Menschen noch allgegenwärtig. Damals kamen 35 Menschen ums Leben, darunter drei der Attentäter, mehr als 300 wurden verletzt. Belgien bleibt in Alarmbereitschaft – ein vom Terror bedrohtes Land, das es sich nicht leisten kann, zur Normalität von einst zurückzukehren.

Der angegriffene Soldat eröffnete das Feuer

So musste Premierminister Michel ein weiteres Mal Unbeugsamkeit demonstrieren. „Wir lassen uns nicht vom Terrorismus einschüchtern“, erklärte Michel am Mittwochmorgen nach einer Beratung mit dem Nationalen Sicherheitsrat. „Wir werden immer unsere Werte der Freiheit und der Demokratie verteidigen.“ Am Vorabend gelang das nur mit knapper Not und dank glücklicher Umstände.

Es war kurz vor 21 Uhr, als ein Bediensteter der belgischen Eisenbahngesellschaft SNCB Alarm schlug: Im Zwischengeschoss war ein Rollkoffer explodiert. Niemand wurde verletzt, aber das Gepäckstück hatte Feuer gefangen und detonierte kurz darauf ein zweites Mal. Unter den wartenden Reisenden brach Panik aus. Der Besitzer des Koffers, der zwischenzeitlich auf einen tiefer gelegenen Bahnsteig gelaufen war, kam laut schreiend zurück und attackierte eine Militärstreife. Der angegriffene Soldat eröffnete das Feuer und streckte den Mann nieder. Er erlag wenig später seinen Verletzungen.

Staatsanwaltschaft wertet Vorfall als Terrorakt

Mutmaßungen, der Täter habe einen Sprengstoffgürtel getragen, bestätigten sich nicht. Ein Augenzeuge berichtete aber, der Mann habe „Allahu Akbar!“ – Gott ist groß – gerufen. Noch vor Mitternacht bestätigte die Staatsanwaltschaft, dass sie den Vorfall als Terrorakt werte. Der offizielle Alarmzustand wurde zunächst nicht verschärft – er steht bereits seit anderthalb Jahren auf der Stufe drei, der zweithöchsten. Die Sicherheitsvorkehrungen an Bahnhöfen, U-Bahnstationen und Knotenpunkten des öffentlichen Lebens sollen aber noch einmal verstärkt werden.

Am Mittwoch informierte die Staatsanwaltschaft über erste Ergebnisse der Ermittlungen. Danach war der Täter ein 36-jähriger Marokkaner aus dem Brüsseler Problemviertel Molenbeek, wo in der Vergangenheit immer wieder islamistische Terroristen Unterschlupf fanden, ein teilweise sympathisierendes Umfeld und eine ungestörte Basis für die Vorbereitung von Anschlägen gefunden haben. Der Mann sei der Polizei wegen eines Drogendelikts bekannt gewesen, hieß es. Über Verbindungen zum terroristischen Milieu hätten indes bislang keine Erkenntnisse vorgelegen. Die Attacke im Bahnhof habe er auf eigene Faust verübt.

Bahnhof wurde geräumt

Letztlich bewahrte offenbar nur das handwerkliche Ungeschick des Attentäters, dessen Namen später mit Oussama Zariouh angegeben wurde, die Bahnhofsbesucher vor einer Katastrophe: Die Polizei fand in dem Rollkoffer eine mit Nägeln bestückte Splitterbombe. Dem Täter sei es lediglich nicht gelungen, den Sprengsatz richtig zu zünden. „Es ist eindeutig, dass er einen viel größeren Schaden anrichten wollte“, erklärte die Staatsanwaltschaft.

Der Bahnhof wurde unmittelbar geräumt, der Schienenverkehr in der Innenstadt gestoppt. Auf der historischen Grand Place und in ihrer Umgebung herrschte an diesem sommerlich warmen Abend Hochbetrieb. Angesichts des Aufzugs massiver Sicherheitskräfte und umlaufender Gerüchte über weitere Terroristen, die noch auf freiem Fuß seien, brachen viele Gäste die Geselligkeit in Bars und Cafés ab, ließen ihre Getränke im Stich und machten, dass sie nach Hause kamen. Panik blieb aber die Ausnahme – auf den Straßen gab es mehr Schaulustige als Menschen, die Hals über Kopf flohen.

Betrieb lief wieder an

Obwohl das Attentat glimpflich ausging, spendete Michel den Sicherheitsdiensten großes Lob. Vor allem das Militär habe „angesichts einer extrem gefährlichen Notsituation mit viel Kaltblütigkeit und Professionalismus“ seine Arbeit getan. Die Eisenbahngesellschaft zeigte sich erleichtert. „Herzlichen Dank allen Mitwirkenden der Armee, der Bundespolizei und der Sicherheitsdienste!“ Bei den Märzanschlägen von 2016 hatte es dramatische Abstimmungsprobleme zwischen der Transportgesellschaft und dem Sicherheitsapparat gegeben.

Die Bahnhöfe der flämischen Metropole Antwerpen und der wallonischen Hauptstadt Namur wurden nach dem Brüsseler Attentat ebenfalls durchsucht. Verdächtiges Gepäck stellte sich aber als harmlos heraus. Im Laufe des Mittwochs normalisierte sich im gesamten Land der Betrieb der öffentlichen Verkehrsmittel. Allerdings hielten zunächst noch keine Züge im Zentralbahnhof.

„Man kann nicht für jedes Ereignis spezielle Maßnahmen ergreifen“

Für zwei ausverkaufte Konzerte der britischen Popgruppe Coldplay, zu denen am Mittwoch- und Donnerstagabend insgesamt 100.000 Besucher ins Stadion Baudouin kommen wollten, wurden keine zusätzlichen Vorkehrungen getroffen. „Man kann nicht für jedes Ereignis spezielle Maßnahmen ergreifen“, begründete Innenminister Jan Jambon dieses.