Pressefreiheit

Was Schüler von Zeitschriftenverlegern wissen wollen

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Sören Kittel
VDZ-Präsident Stephan Holthoff-Pförtner (5. v.l.) mit den Teilnehmern der Diskussion.

VDZ-Präsident Stephan Holthoff-Pförtner (5. v.l.) mit den Teilnehmern der Diskussion.

Foto: VDZ

Zum Tag der Pressefreiheit sprachen Medienmacher mit Schülern über Journalismus. Die Jugendlichen stellten einige kritische Fragen.

Berlin.  Gerade haben sich alle sechs Teilnehmer auf dem Podium vorgestellt, sie haben große Sätze gesagt, wie „Wir leben in Deutschland im Paradies“ oder „Islamismus und Rechtsradikalismus bedrohen bei uns die Meinungsfreiheit“. Alles also, wie es sich für eine Podiumsdiskussion am Tag der Pressefreiheit gehört.

Doch dann öffnete die Moderatorin Bettina Cramer die Fragerunde für das Publikum und die 18 Jahre alte Soraya tritt mit einem bunten wallenden Gewand an das Mikrofon. Sie trägt einen Mercedes-Stern am Rock („Den hab ich gefunden“) und schießt erwartbar quer: „Ich habe mir vorhin das Magazin des VDZ angeschaut und habe darin einen Manager von Coca-Cola gesehen.“ Sie fragt: „Was hat der darin zu suchen?“

Live-Übertragung in Klassenräume

Da waren die Erwachsenen im Raum, die sich gerade so jugendlich geduzt haben, erst einmal überrascht: Da veranstaltet der Verband Deutscher Zeitschriftenverleger (VDZ) eine aufwendige Schulstunde, überträgt sie von der ehemaligen Berliner Stasi-Zentrale live in Klassenräume in ganz Deutschland, im Publikum im Saal sitzen fast nur Jugendliche zwischen 14 und 18 Jahren und hören höflich den Rednern zu — und dann stellt sich Soraya ans Podium und fordert genau diese Höflichkeit heraus.

Doch die Überraschung hielt nur wenige Sekunden. VDZ-Pressesprecher Peter Klotzki erklärte der 18-Jährigen zunächst, dass Coca-Cola kein Waffenkonzern sei, der sich eben auch gesellschaftlich engagiere, und Britta Hilpert von „Reporter ohne Grenzen“ lobte die Schülerin schließlich ganz offen: „Du hast dich kritisch informiert und stellst hier eine wichtige Frage, das ist schon einmal sehr richtig.“

Todesdrohungen gegen Journalisten

Und vielleicht war das auch die beste Auftakts-Frage für diese Diskussion, weil sie zeigte, dass Jugendliche eben nicht nur diese ungewöhnliche Schulstunde über sich ergehen lassen, sondern sich dafür interessieren, was die Menschen auf dem Podium sagen. Diese wiederum stellten sich auch auf das Publikum ein: Der preisgekrönte Journalist Peter Bandermann erzählte, wie es seine Familie veränderte, dass er Todesdrohungen bekam.

„Meine 16-jährige Tochter zog sich mehr zurück und wurde immer stiller, selbst die Lehrer bemerkten das“, sagt er, „aber als die Rechtsradikalen in Bautzen demonstrierten, sagte sie zu mir: Du musst weiter deine Arbeit machen.“ Für ihn und seinen Beruf seien Meinungsfreiheit und Pressefreiheit unabdingbare Voraussetzungen.

Roland Jahn spricht über Unterdrückung von Meinungsfreiheit

Seine Kollegin Düzen Tekkal pflichtete ihm bei und sagte, dass man diese Rechte am besten schütze, in dem man sie benutze jeden Tag. Sie arbeite gerade an einem TV-Beitrag über einen Ehrenmord. „Eine junge Frau musste sterben, weil sie nicht den Mann heiraten wollte, der für sie vorgesehen wurde.“

Der Vater des Mädchens bedrohe jetzt Tekkal, doch die krisenerfahrene Journalistin will sich davon nicht einschüchtern lassen. Sie werde den Film fertigstellen. „Der Weg im Leben muss immer da sein, wo die Herausforderung oder manchmal auch die Angst ist“, sagt sie, „ich bin mir sicher, dahinter verbirgt sich immer das Glück.“

Solche großen Worte waren für die anderen in der Runde Steilvorlagen, um auch über ihre Erfahrungen zu sprechen: Der Chef der Stasi-Unterlagenbehörde, Roland Jahn, erzählte von Unterdrückung von Meinungsfreiheit in der DDR und riet den Schülern schlicht, diese Freiheit, die sie haben, mehr zu genießen.

Schüler zeigten großes Interesse an Medien

Er sagte: „Macht Euch ein schönes Leben — nichts anderes wollten wir damals in der DDR auch.“ Der Blogger Tim Heldt sprach darüber, wie er einmal verklagt wurde, weil er mit einem Witz offenbar zu weit gegangen sei. „Satire darf wohl vieles“, sagte er als Antwort einer Schülerfrage, „aber man muss sich an Gesetze halten.“

Britta Hilpert wies auf die Karte der Pressefreiheit hin, die gerade aktualisiert worden war. Deutschland ist doch nicht auf Platz 1 sondern auf Platz 16 — eben gerade wegen der realen Bedrohung einiger Journalisten in ihrer Arbeit durch Extremisten.

Die Schüler im Saal jedenfalls zeigten, dass sie durchaus die Nachrichten verfolgen, ob im TV, im Internet — sogar noch in Printmedien, wie etwa 20 von 100 durch Handzeichen angaben. Das freute den VDZ-Präsidenten Stephan Holthoff-Pförtner. „Wenn ihr jetzt denkt“, sagte er in Richtung der Schüler, „Pressefreiheit betrifft nur ein paar bescheuerte Journalisten, dann kann ich euch sagen: Ihr seid alle gemeint!“ Auch als Gesellschafter der FUNKE-Mediengruppe ist es ihm wichtig, dass keine der angeschlossenen Zeitungen eine „Meinung vorgegeben bekomme.“ „Wir leben diese Freiheit jeden Tag.“

Eine Frage zu Edward Snowden

Am Ende trat noch einmal die 18-jährige Soraya ans Pult und stellte eine weitere heikle Frage, dieses Mal über Edward Snowden, den berühmten Whistleblower, der noch immer im Hausarrest in Moskau sitzt. Es ging darum, warum er nicht in Deutschland Asyl bekomme. Eine genaue Antwort bekam sie allerdings nicht – aber ein generelles Bekenntnis der Teilnehmer auf dem Podium. Die stellten sich zumindest grundsätzlich hinter den Amerikaner.

In Sorayas Richtung ging dann wohl auch die letzte Anmerkung des Abends. Peter Bandermann erzählte am Ende der Diskussion von einem Treffen mit Can Dündar, dem türkischen Exil-Journalisten. Der hatte ihm den Satz gesagt: „Wenn Du schweigst, bist Du Teil des Systems.“

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