Grenze

Wie eine US-Kleinstadt gegen Trumps Mauer kämpft

In der Grenzstadt Laredo formiert sich Protest gegen die Mauer, die Trump bauen lassen will.

In der Grenzstadt Laredo formiert sich Protest gegen die Mauer, die Trump bauen lassen will.

Foto: TODD HEISLER/NYT/Redux/laif / TODD HEISLER/The New York Times//Redux/laif

Eine US-Kleinstadt an der Grenz zu Mexiko kämpft erbittert gegen die von Trump geplante Mauer. Die Menschen haben viele Befürchungen.

Washington.  Das Jalapeño-Wettessen ist der kulinarische Höhepunkt, wenn die mexikanisch-texanische Grenzstadt Laredo einmal im Jahr ihre Oberen gen Norden schickt, um zu erkunden, was die große Politik in Washington im Schilde führt.

In diesem Jahr sind es aber nicht die scharfen Pfefferschoten, die Bürgermeister Pete Saenz und seiner Delegation den Schweiß auf die Stirn treiben. Sondern Donald Trumps Pläne für einen milliardenschweren Grenzwall entlang der 3000 Kilometer langen Demarkationslinie zwischen beiden Ländern. Die Stadt Laredo will die Mauer nicht. Käme „the wall“, sagt der parteilose Saenz, wären Laredo und seine vom träge dahinfließenden Rio Grande getrennte Schwesterstadt Nuevo Laredo auf mexikanischer Seite einem „Desaster“ geweiht. „Die Mauer ist realitätsfremd. Sie zerreißt Familien und schädigt enorm unsere Wirtschaft.“

Zur Unterstützung hat Saenz den Bürgermeister von Nuevo Laredo mitgebracht. Enrique Rivas’ Englisch ist nicht perfekt. Aber diesen Satz hat er drauf: „Handel ist unser Lebenselixier. Mauern gefährden auf beiden Seiten der Grenze die Zukunft.“ Eine Meinung, die im Süden von Texas viele Kommunalpolitiker unterschreiben.

Trump hat sich die Grenze vor Ort angesehen

Dabei hatte Ray Garner, der Polizeichef von Laredo, schon gedacht, das Thema sei abgehakt. Im Jahr 2015, als der Wahlkampf begann und Donald Trump Mexiko bezichtigte, Vergewaltiger, tonnenweise Drogen und Zigtausende Illegale nach Amerika zu lassen, hatte Garner dem Milliardär persönlich die Grenze gezeigt. „Wir sind zum Fluss gefahren, damit er es selber sieht – die Mauer ergibt hier gar keinen Sinn“, erinnert sich der 1950 in Deutschland geborene Ordnungshüter, „wir brauchen in Laredo nuancierte Lösungen.“

Was das heißt, wird jedem klar, der mit Pete Saenz auf der Terrasse der Grenzschutzbehörde in Laredo steht. Von dort kann man mit bloßem Auge das hektische Treiben auf den vier großen Brücken verfolgen, die hier zwei Welten gewinnbringend miteinander verbinden. Rund 17.000 Fußgänger, 25.000 Autos, 18.000 Zugwaggons und 14.000 Lkw wechseln hier die Grenze. Jeden Tag. Mit 200 Milliarden Dollar Güterumschlag im Jahr ist Laredo auch der größte Binnenhafen Amerikas. Züge und Laster haben jeweils eigene Brücken. Eine heißt „World Trade Bridge“.

Trump kritisiert Handelsabkommen als Ursünde

Die Arbeitslosenquote liegt unter fünf Prozent. Durch die Grenzgebühren fließen jedes Jahr 60 Millionen Dollar in die Stadtkasse. Geld, das Saenz investiert, um neue Attraktivität zu erzeugen. Direkt am Rio Grande ist gerade ein Outlet-Einkaufszentrum entstanden. Es soll weit bis ins mexikanische Monterrey Kaufkraft anlocken. „Der Fluss teilt uns nicht“, sagt der Bürgermeister, „er bringt uns zusammen.“

Stimmt das? Eine Fahrt mit Edgar Parra „nach drüben“ gibt Aufschluss. Der 45-jährige Doppelstaatler ist der Verbindungsbeamte zwischen Laredo und dem mit 600.000 Einwohner doppelt so großen Nuevo Laredo. Dort pulsiert das Leben zwischen Garküchen und Mariachi-Musikgruppen einige Grad heißer als bei den „Brüdern und Schwestern auf amerikanischer Seite“. Vor sechs Jahren bekam Parra kurz hinter dem Grenzübergang von einem Gangster eine Pistole an die Schläfe gehalten. Durch das Autofenster und mitten auf einer Kreuzung. Pkw-Diebstahl auf mexikanische Art. „Passiert ist seither aber sonst nichts.“

Parra führt seinen ausländischen Besucher ins Rathaus zu Jorge Vinals. Der Wirtschaftskoordinator in Nuevo Laredo hat 25 Jahre Verhandlungserfahrung mit der amerikanischen Seite. Das von Trump als Ursünde kritisierte Handelsabkommen Nafta (USA, Mexiko, Kanada), das in der Grenzregion sechs Millionen Arbeitsplätze geschaffen habe, hält er für einen „Segen“. Er träumt von einer „echten regionalen Freihandelszone, ohne Pässe, ohne Restriktionen“. Mit Donald Trump undenkbar.

Mehr Kameras und Patrouillen könnten ein Kompromiss sein

Und jetzt? Vinals macht Trumps Androhung einer hohen Strafsteuer auf Waren, die von Amerikas verlängerter Werkbank Mexiko aus in die USA transportiert werden, am meisten Sorgen. „Das würde den Boom hier zum Stillstand bringen.“ Mit Fundamental-Opposition gegen den mächtigen Mann in Washington ist es nicht getan. Laredo alt und Laredo neu haben sich darum auf eine innovative Sprachregelung verständigt, mit der man in Washington die Klinken putzt: „virtuelle Mauer“.

Das bedeutet: kein Bauwerk aus Beton und Eisen. Sondern mehr technische Überwachung durch Kameras und Sensoren. Mehr Grenzschützer. Und vielleicht einen Feldweg am innerstädtischen Ufer des Rio Grande. Das würde es den Ordnungshütern leichter machen, falls doch mal ein „Coyote“ hier seine menschliche Fracht an Land bringen will, sagt Sheriff Garner. Er meint die Schlepper, die für 2000 bis 7000 Dollar Leute illegal in die USA lotsen.

„Für 20 Millionen Dollar könnten wir die Grenze weiter befestigen und gleichzeitig durchlässig halten“, sagt Blasita Lopez, die quirlige Referentin von Bürgermeister Saenz. In Gesprächen mit Kongressabgeordneten der Republikaner sei man „auf großes Interesse gestoßen“. Wohl allein des Geldes wegen. Bisher hat das von Trump per Präsidialdekret symbolisch angeschobene Mauerprojekt eine Finanzierungslücke von über 20 Milliarden Dollar.

Grenzschützer patroullieren in Jeeps

Insgeheim erwarten Abgeordnete aus dem Süden, dass es deshalb „überhaupt keine durchgehende Mauer“ geben wird. Zum einen, weil die Grenze bereits heute auf 1000 Kilometer Länge mit hohen Metallzäunen gesichert ist. Dahinter patrouillieren Grenzschützer in Jeeps, zu Pferd oder lassen Drohnen steigen. Zum anderen, weil die Landbesitzverhältnisse lange Rechtsstreitigkeiten erwarten lassen. „Wie kann Trump sein Gesicht wahren, ohne dass unnötig viel Geld für eine überflüssige Mauer aus dem Fenster geworden wird?“, fragt ein Reporter der „Laredo Morning Times“.

Bevor Pete Saenz den Gewinner des Jalapeño-Wettessens prämiert, erzählt der Bürgermeister noch schnell den Standardwitz, den in Laredo jeder kennt. „Wer würde von der Mauer am meisten profitieren? Die Hersteller von Leitern. Leitern? Ganz einfach: „Ist die Mauer am Ende 20 Fuß hoch, werden die Leitern 21 haben.“