US-Politik

Krawallblogger verlässt Breitbart nach Pädophilie-Debatte

| Lesedauer: 5 Minuten
Dirk Hautkapp
Milo Yiannopoulos provoziert. Mit Aussagen über sexuelle Kontakte zwischen jungen Knaben und älteren Männern ist er jetzt so weit gegangen, dass sich auch Anhänger abwenden.

Milo Yiannopoulos provoziert. Mit Aussagen über sexuelle Kontakte zwischen jungen Knaben und älteren Männern ist er jetzt so weit gegangen, dass sich auch Anhänger abwenden.

Foto: David Middlecamp / dpa

Der schwule Brite Milo Yiannopoulos war Mitstreiter von Präsident Trump im Kampf gegen die politische Korrektheit. Zumindest bis jetzt.

Washington.  Er nennt Donald Trump „Daddy“. Und „Väter“ helfen bekanntlich, wenn die Brut in Schwierigkeiten steckt.

An der staatlichen Universität im kalifornischen Berkeley sollte Milo Yiannopoulos neulich den Schlusspunkt seiner „Gefährliche Schwuchtel“-Tour setzen; eine Art Agitprop-Zirkus, in dem der 33-jährige Brite mit deutsch-griechischen Wurzeln den wütenden Tanzbär gegen die politische Korrektheit gibt.

Böse Polemiken gegen Frauen und den Feminismus. Hass auf Liberale. Häme gegen Mainstream-Politiker. Spott für die globalen Eliten. Alles vorgetragen im blinddarmreizenden Stakkato-Stil. Milo Yiannopoulos, der offen schwul lebt, tritt bei seiner Ein-Mann-Show mit Anlauf wirklich jedem in den Hintern, der nicht denkt wie er. Wo lernt man so was?

Meinungsfreiheit schützt auch Yiannopoulos

Yiannopoulos ist in der Petrischale des lange von Trumps Chef-Berater Stephen Bannon geführten Propaganda-Internetportals Breitbart vom Einzeller zum Medien-Hulk in rechtspopulistischen Kreisen mutiert. Bisher.

Weil der Schutzschirm der Verfassung die Meinungsfreiheit auch von Hetzern vor dem sauren Regen der Strafverfolger schützt, wissen sich manche nur noch mit dem Baseballschläger zu helfen, wenn der Narziss das Wort erheben will.

In Berkeley kam es zu so schweren Tumulten zwischen Gegen-Demonstranten und der Polizei, dass Yiannopoulos das Weite suchten musste. Danach flüchtete er zu Trumps Lieblingssender Sender Fox News, um sich als Opfer darzustellen, das „mundtot gemacht werden soll“. Ausgerechnet auf dem Campus, der in den 60er Jahren Inkubator des Free Speech-Protests von links war.

US-Präsident Trump mag Yiannopoulos

An dieser Stelle kommt „Daddy“ ins Spiel. Der Präsident der Vereinigten Staaten mag Milo Yiannopoulos. Der Stadtneurotiker hat ihm im Wahlkampf als „Übersetzer“ in die Jahrgänge gedient, die mit dem 70-Jährigen weniger anfangen konnten als mit Hillary-Widersacher Bernie Sanders. Also drohte Trump UC Berkeley vor wenigen Tagen mit dem Entzug staatlicher Gelder, „wenn dort keine Redefreiheit erlaubt ist und Gewalt gegen unschuldige Menschen mit anderer Meinung angewendet wird“. Der Satz fällt ihm nun vor die Füße.

Beim CPAC-Konvent, auf dem sich bis Samstag in Washington tausende Ultra-Konservative treffen und den Kantersieg gegen die Demokraten feiern, sollte Milo Yiannopoulos neben Trump und anderen namhaften Rednern ans Mikrofon treten.

Dann tauchten Video-Clips auf, in denen sich der egozentrische Engländer für sexuelle Kontakte zwischen jungen Knaben und älteren Männern aussprach. Über Nacht stand der Vorwurf der Pädophilie im Raum. Was Yiannopoulos abstreitet. Zu spät: CPAC-Boss Matt Schlapp lud den schrillen Extremisten der freien Rede am Montag auf Drängen republikanischer Machtzirkel kurzerhand wieder aus. Meinungsfreiheit hin, Meinungsfreiheit her. Zu „verstörend“ seien dessen Kommentare.

Buchdeal geplatzt und bei Breitbart ausgeschieden

Kurz danach platzte ein Buch-Deal mit dem renommierten Verlag Simon & Schuster, für den Yiannopoulos einen Vorschuss von 250.000 Dollar erhalten haben soll. Zufälle – oder der Auftakt vom Ende des Provokateurs? Wenig später erklärte er seinen Rückzug als Schreiber bei Breitbart, der Seite, die auch nach Deutschland expandieren will. Es sei seine alleinige Entscheidung, schrieb er. Es wäre ein Fehler, wenn ich zulassen würde, wenn meine schlechte Wortwahl von der wichtigen Arbeit meiner Kollegen ablenken würde“, erklärte er.

In einer Pressekonferenz empörte er sich, das Interview sei ein Jahr alt, er habe sich an seine Aussagen gar nicht mehr erinnern können. Man habe damit gewartet bis zu dem Moment, in dem sie den größstmöglichen Schaden anrichten könnten.

Bereits im vergangenen Jahr zog der Kurzmitteilungs-Dienst Twitter Yiannopoulos den Stecker, weil er für seine 330.000 Anhänger die schwarze Schauspielerin Leslie Jones („Ghostbusters“) bösartigst durch den Kakao gezogen hatte. Was macht nun Trump? Und was Breitbart, wo der kapriziöse Dandy aus der Grafschaft Kent immer noch als Redakteur geführt wird? Stützen sie ihn – oder stoßen sie ihn ab?

Yiannopoulos ist eine Ikone der Alt-Right-Bewegung

Die fürs Postfaktische empfängliche rechts-nationalistische Alt-Right-Bewegung, deren Beifall Donald Trump im Wahlkampf gerne einstrich, hatte Yiannopoulos zu ihrem Poster-Boy erkoren. Seine Breitbart-Hasspredigten gehören zu den meist geklickten Beiträgen. Immer geht es um den Sturm auf ein imaginiertes Meinungskartell der Linken, das Amerikas Konservative unterdrückt.

Kein Gedanke ist dabei zu wirr, um nicht ausgesprochen zu werden. So legte Yiannopoulos zuletzt dar, dass die Waschmaschine zu den schlimmsten Erfindungen in der Menschheitsgeschichte gehöre. Weil sie die Frauen ihrer häuslichen Gewohnheiten entrissen, in die Arbeitswelt entlassen und so am Ende kreuzunglücklich gemacht habe.

Außerdem mache die Pille fett, was „abstoßend sei und niemals in einer zivilisierten Gesellschaft erlaubt sein dürfte“. Dass er die Bewegung „Black Lives Matter“, die sich für Afro-Amerikaner einsetzt, als eine Hass-Kampagne betrachtet, Transsexuelle als geisteskrank abkanzelt und die an US-Universitäten grassierenden Vergewaltigungen von Studentinnen für eine Erfindung linker Gutmenschen hält, gehört bei „Milo-Messen“ ebenfalls zum Repertoire.

„Ohne Aufmerksamkeit wird seine Marke sterben“

Bisher hatte der an pathologischer Geltungssucht leidende Schnellsprecher in Trump einen stillen Beschützer. Distanziert sich „Daddy“, könnte eintreten, was sich Kritiker wie Siraj Hashmi vom konservativen „Washington Examiner“ wünschen: „Für Leute wie Milo Yiannopoulos ist Aufmerksamkeit wie Sauerstoff. Ohne wird seine Marke sterben. Er gerät in Vergessenheit.“ Trump müsste sich dann einen neuen Herold suchen.

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