SPD

4600 neue Mitglieder für SPD durch Schulz-Kandidatur

SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz am Mittwoch bei einem Auftritt in Rendsburg (Schleswig-Holstein).

SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz am Mittwoch bei einem Auftritt in Rendsburg (Schleswig-Holstein).

Foto: Carsten Rehder / dpa

Der Wechsel von Gabriel zu Schulz reißt die SPD aus dem Tal der Trauer. Stimmung, Umfragen und Mitgliederzahlen steigen plötzlich.

Berlin.  In der Wahlkampfzentrale der SPD können sie ihr Glück kaum fassen. Noch vor ein paar Wochen sah es so aus, als stünde dem Stab in der streng abgesicherten „Kampa 2017“ im dritten Stock des Willy-Brandt-Hauses in Berlin diesmal ein besonders schwerer Kampagnen-Job bevor. Doch jetzt herrscht im „War-Room“ beste Stimmung, der Urheber wird sogar als „Papp-Martin“ verehrt: Eine beinahe lebensgroße Papp-Figur von Martin Schulz ist hier beliebter Anlaufpunkt für die Genossen – immer wieder posiert einer der Mitarbeiter neben der Figur, um ein Foto von sich und Schulz schießen zu lassen.

Die Zuversicht ist enorm in der Kampagnenzentrale, die Markus Engels, ein enger Vertrauter des Kanzlerkandidaten, gemeinsam mit Bundesgeschäftsführerin Juliane Seifert leitet. In diesem Raum, der mit rotem Teppich und einladenden Sitzgruppen neben Schreibtischreihen die Aura einer Kreativagentur ausstrahlt, soll der Sieg von Schulz vorbereitet werden.

Hoffnungsträger Martin Schulz

SPD geht in den Umfragen durch die Decke

Inzwischen sieht es so aus, als könne es tatsächlich gelingen: In einer beispiellosen Aufholjagd haben die Sozialdemokraten binnen zwei Wochen in der Wählergunst massiv zugelegt.

Im jüngsten Wahltrend von Forsa für „Stern“ und RTL überspringen die Sozialdemokraten erstmals seit Oktober 2012 wieder die 30-Prozent-Marke auf nun 31 Prozent. In einer Insa-Umfrage am Tag zuvor hatte die SPD die Union sogar überholt. Und die Demoskopen sind sich einig: Schulz liegt im direkten Vergleich mit CDU-Kanzlerkandidatin Angela Merkel mindestens gleichauf, wenn nicht sogar vorn.

Welle von Neueintritten in die SPD

Hinzu kommt: Auch die Neueintritte in die SPD reißen nicht ab. Innerhalb von zwei Wochen regis­trierte die SPD-Zentrale bis Dienstagnacht nach Informationen dieser Zeitung allein 4613 Online-Eintritte. Weil viele Ortsvereine ihre Neumitglieder erst zeitversetzt melden, dürfte die endgültige Zahl der Eintritte noch deutlich höher liegen. Schon jetzt steht für die Parteizentrale fest, dass die SPD wieder mitgliederstärkste Partei ist, wie Parteisprecherin Anja Strieder auf Anfrage erklärt. Ende Dezember hatten die Sozialdemokraten mit 432.796 Mitgliedern demnach 786 mehr als die CDU – inzwischen ist dieser knappe Vorsprung deutlich ausgebaut.

SPD-Generalsekretärin Katarina Barley sagte dieser Zeitung zum Doppelplus bei Umfragen und Mitgliedern: „Wir sind begeistert. Die Partei liebt Martin Schulz. Und viele steigen jetzt in den Schulz-Zug ein.“ Barley mahnte aber auch: „Jetzt heißt es: Hart arbeiten – der Wahlkampf ist noch lang.“

Forscher: Gabriels Abgang sorgt für Höhenflug

Die Parteispitze weiß bei aller Euphorie, dass es sich bei dem – in dieser Geschwindigkeit einmaligen – Aufschwung um eine Momentaufnahme handelt. Die Mehrheit der Demoskopen äußert bislang noch Zweifel an der Nachhaltigkeit: „Man kann es nicht wirklich verstehen“, sagt der Meinungsforscher Klaus-Peter Schöppner. Einen solchen Meinungsumschwung „quasi aus dem Nichts“ habe man bislang nicht gekannt.

Schulz setzt nach Umfragehoch auf Ausdauer

Offenbar wirke der Kandidat wie ein Katalysator – er strahle Aktivität und Zukunft aus und spreche frustrierte Wähler an. Forsa-Chef Manfred Güllner glaubt, der wichtigste Grund für den Höhenflug sei gar nicht Schulz, sondern schlicht die Tatsache, dass der bisherige SPD-Chef Sigmar Gabriel nicht mehr da sei – der habe keine Zuversicht ausgestrahlt, weshalb die SPD ihr Potenzial nicht habe ausschöpfen können.

Schulz gibt sich siegessicher

Noch allerdings billigten ihr die Wähler deutlich weniger Kompetenz zur Problemlösung zu als der Union, warnt Güllner. Der Berliner Parteienforscher Oskar Niedermayer meint, je konkreter Schulz werde, desto eher werde er die Interessen einzelner Bevölkerungsgruppen verletzen. Erst in zwei, drei Monaten sei absehbar, ob der Trend anhalte.

Schulz aber gibt sich, keine Überraschung, siegesgewiss: „Ich bin mir sicher, das wird nachhaltig sein“, sagt er fröhlich beim Besuch eines Bahn-Instandhaltungswerks in Neumünster über den Umfrage-Hype. Wer jetzt zu seiner Partei komme, „der sagt doch nicht, ich geh mal acht Tage zur SPD und dann ist Schluss.“ Schulz ahnt, dass sich mancher Wähler in Umfragen jetzt mehr vom Gefühl leiten lässt, aber das stört ihn nicht, im Gegenteil: Womöglich erreiche die Menschen zwar manchmal ein präzises Argument nicht – aber bei ihm würden sie spüren, „dass ist ein Typ, der versteht, wie es uns geht.“

Von einem Auftritt zum nächsten

Schulz probt im Aufschwung schon mal Wahlkampf: Er absolviert in diesen Tagen zahllose Termine im Saarland, in NRW und Schleswig-Holstein, um den Genossen dort bei ihren Landtagswahlkämpfen zu helfen. Die Spitzenkandidaten sind zufrieden. Der Hoffnungsträger wird überall mit offenen Armen, oft auch mit Begeisterung empfangen: Schulz „wird uns zusätzlichen Wind unter die Flügel bringen“, glaubt NRW-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft. Auch ihr Kieler Kollege Torsten Albig sieht jetzt „Aufwind“ für seine Kampagne.

Bei seinen Auftritten preist Schulz die SPD als „Schutzmacht der Leute“ an und fordert eine Steuerreform für mehr Gerechtigkeit. Konkret wird er nicht, das ist auch für die nächsten Wochen nicht geplant. Der Februar soll vor allem ein Zuhör-und-Kennlern-Monat sein: Er werde durchs Land reisen, um Menschen in ihrem Lebensalltag zu treffen und mit ihnen über ihre Vorstellungen für eine gerechtere Zukunft zu diskutieren, sagt der Kandidat. Viele Menschen seien jetzt neugierig, das müsse Schulz nutzen, heißt es in der SPD-Zentrale zu der geplanten Tournee.

SPD steht geschlossen hinter Schulz

Doch zugleich werde Schulz darauf achten, das Pulver nicht vorzeitig zu verschießen. Sein Wahlprogramm wird er erst im Mai, nach der NRW-Landtagswahl vorstellen – dann erst wird erkennbar, was sich hinter seiner zentralen Forderung nach „mehr Gerechtigkeit“ konkret verbirgt. Bis dahin steht wohl auch die endgültige Wahlkampagne. Dafür bedient sich die SPD der Hilfe der Hamburger Werbeagentur KNSK, die bereits den Europawahlkampf von Schulz 2014 betreute und die Kampagnen von Gerhard Schröder 1998 und 2002.

Einstweilen kommt Schulz zugute, dass die vom Aufbruch euphorisierte Partei geschlossen hinter ihm steht. Auch im Willy-Brandt-Haus, für seine Grabenkämpfe berüchtigt, ist die Unterstützung groß: Dass Schulz sich schnell allen 180 Mitarbeitern vorstellte und versicherte, er sei ein Teamspieler, kam gut an. Selbst die Jusos, die fast jeden SPD-Kanzlerkandidaten quälten, befeuern den Hype um Schulz. Ein Mannheimer Jungsozialisten wurde in der ARD mit dem Spruch gesendet: „Martin ist einfach eine geile Sau“. Kurze Zeit später klingelte das Handy des 21-Jährigen. Am Apparat: Martin Schulz, der sich für die ungewöhnliche Unterstützung bedankte. Die ersten Plakate mit dem frechen Lob sind schon gedruckt.