Migration

2015 kamen mehr als zwei Millionen Menschen nach Deutschland

Im Herbst 2015 spitzte sich die Flüchtlingskrise immer weiter zu. Tausende Menschen kamen jeden Tag in Deutschland an – wie hier nahe Wegscheid (Bayern).

Im Herbst 2015 spitzte sich die Flüchtlingskrise immer weiter zu. Tausende Menschen kamen jeden Tag in Deutschland an – wie hier nahe Wegscheid (Bayern).

Foto: Armin Weigel / dpa

Nun gibt es genaue Zahlen: 2015 sind 2,1 Millionen Menschen nach Deutschland eingewandert. Doch es haben auch viele das Land verlassen.

Berlin.  Nie zuvor kamen so viele Menschen in die Bundesrepublik wie im vergangenen Jahr: 2,12 Millionen. 2015 war ein Jahr der Superlative – höchste Zuwanderung, höchste Abwanderung und 890.000 Flüchtlinge. Über kaum ein Thema wird so heftig diskutiert – Zuwanderung ist die Quelle von Missverständnissen und falschen Behauptungen, aber auch von Debatten über Fachkräfte und Vielfalt. Den Debatten des großen Fluchtjahres 2015 stellt die Bundesregierung mit dem Migrationsbericht Fakten entgegen, die im Haus von Innenminister Thomas de Maizière (CDU) erarbeitet wurden.

Zum vollständigen Bild gehört nicht nur der Kriegsflüchtling aus Syrien. Es kamen 2015 auch die Pflegerin aus Thailand, der Handwerker aus Polen, die Architektin aus Spanien, der Arzt aus dem Iran, aber auch der junge Mann aus Serbien oder Marokko auf der Suche nach Arbeit. Fast die Hälfte aller Zuwanderer kam selbst im großen Fluchtjahr aus EU-Staaten. Fast eine Million Menschen verließ das Land, ging zurück nach Polen oder Rumänien oder wanderte in die USA aus. Die größte Zahl bleiben die Bürgerkriegsflüchtlinge – allein 326.872 flohen aus Syrien.

Hotspot ist Nordrhein-Westfalen

EU-weit wurden 1.321.600 Asylanträge gestellt, die meisten in Deutschland, Ungarn, Schweden und Österreich. Pro 1000 Einwohner war Ungarn am stärksten gefordert. Aber das ist statistisch ein Muster ohne Wert. Man weiß, dass die meisten Flüchtlinge weitergezogen sind. Belegt ist hingegen, dass drei Viertel der Zuwanderung innerhalb Deutschlands auf Nordrhein-Westfalen, Baden-Württemberg, Bayern, Niedersachsen und Hessen entfielen. Die Bayern haben am meisten geklagt, sie waren bei Ausbruch der Flüchtlingskrise auch am stärksten gefordert.

Zwischen 4,4 und 4,7 Millionen Muslime leben in Deutschland

21 Prozent – so hoch schätzen die Deutschen den Anteil von Muslimen laut einer Umfrage hierzulande. Das ist deutlich übertrieben. Laut Migrationsbericht sind es knapp über fünf Prozent, zwischen 4,4 und 4,7 Millionen Muslime leben in der Bundesrepublik, das ist eine Hochrechnung, denn Angaben zur Religion sind freiwillig. Vor allem in den vergangenen Jahren ist die Zahl deutlich angestiegen – 1,2 Millionen mehr Menschen muslimischen Glaubens sind seit 2011 nach Deutschland gekommen. Grund sind auch die geflohenen Muslime aus Kriegsgebieten wie Syrien, Afghanistan und Irak.

Noch immer gehören 61 Prozent aller Menschen in Deutschland dem christlichen Glauben an. Wo Kirchen fast zwölf Milliarden Euro aus Mitgliederbeiträgen durch die Kirchensteuer bekommen, erhalten Moscheegemeinden erst langsam und deutlich weniger Hilfe von Mitgliedern und Staat, um ihre Gemeinde aufzubauen. Manche Moscheen sind zudem im Fokus der Sicherheitsbehörden – sie sollen Radikalen Schutz bieten. Deutlich zugenommen haben die Hetze gegen Zuwanderer und die rechtsextremen Angriffe auf Muslime wie beim Bombenanschlag in Dresden im September.

Vor allem Männer kamen ins Land

Thailand, Kasachstan und Russland sind die einzigen Staaten, aus denen 2015 überproportional viele Frauen nach Deutschland kamen. Gut 72 Prozent der Zuwanderer etwa aus Thailand waren weiblich. Frauen aus Asien oder Osteuropa arbeiten in Deutschland vor allem in der Pflege oder als Reinigungskraft – Jobs, die eher schlecht bezahlt sind und für die deutsche Firmen kaum Personal hierzulande finden.

Flucht und Migration bleiben aber vor allem ein männliches Phänomen. Fast alle Zuwanderer aus Pakistan sind Männer. Und auch aus den Kriegsgebieten Syrien, Irak und Afghanistan fliehen vor allem Männer (etwa 70 Prozent). Doch gilt: Der Anteil der Frauen unter den Flüchtlingen aus Syrien ist 2015 im Vergleich zum Vorjahr deutlich gestiegen, die Zahl der Familien leicht gestiegen. Das gilt auch für Migranten aus der Türkei: 7720 türkische Staatsbürger kamen zu ihren Eltern oder Geschwistern nach Deutschland – Frauen und Männer, Mädchen und Jungs.

Überwiegend junge Leute unter den Einwanderern

Zuwanderer sind überwiegend jung, zu gut 40 Prozent unter 25 Jahre alt. Das ist auch keine Überraschung, weil alle ausländischen Studenten (340.000) darunter fallen und weil die meisten Flüchtlinge jünger sind. Manche Kinder werden sogar von ihren Eltern auf die Flucht geschickt.

Insgesamt gilt: Zuwanderer tragen dazu bei, die Alterung der deutschen Gesellschaft zu bremsen. Umgekehrt sind es auch überwiegend jüngere Leute, die Deutschland wieder verlassen. Für viele geht es zurück nach Rumänien, Polen und Bulgarien – mutmaßlich Arbeitsmigranten. 2015 zogen aber auch 138.273 Deutsche weg, überwiegend in die Schweiz, in die USA und nach Österreich, viele von ihnen sind Studenten.

Das Ziel ist Deutschlands Arbeitsmarkt

Europa ist ein großer Arbeitsmarkt: Mit der Freizügigkeit steht den fast 900.000 EU-Bürgern, die 2015 nach Deutschland kamen, der Arbeitsmarkt offen. Und der deutschen Wirtschaft geht es gut, Firmen suchen Fachkräfte. Von Akademiker bis Au-pair-Teilnehmer – die Bandbreite an Arbeitskräften ist groß. Allein fast 50.000 Menschen fingen neu als Forscher oder Künstler hierzulande an. Und doch ist die Arbeitslosigkeit unter Menschen aus Zuwandererfamilien größer als unter Deutschen.

Vor allem die vielen Flüchtlinge stellen den Arbeitsmarkt vor eine Herausforderung. Im Juni 2016 waren 297.000 Geflüchtete als Arbeitssuchende gemeldet. 27 Prozent der Menschen aus Afghanistan hatten laut einer Studie des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge keinen Schulabschluss. Häufig arbeiteten sie als Landwirte oder Handwerker. Die meisten Asylsuchenden besuchten in ihrer Heimat die Mittelschule.

Syrer überdurchschnittlich gut gebildet

Und doch gilt auch: Migranten sind häufig im besten Erwerbsalter, mobil und sprechen nicht selten mehrere Sprachen. Unter den Syrern ist die Bildung dagegen überdurchschnittlich hoch, viele Geflüchtete hatten in ihrer Heimat studiert.