First Lady

Wie Michelle Obama die Würde im Schmutzwahlkampf bewahrt

Die First Lady der USA, Michelle Obama, machte Donald Trump mit ihrer Brandrede in New Hampshire im Handumdrehen zur Unperson.

Die First Lady der USA, Michelle Obama, machte Donald Trump mit ihrer Brandrede in New Hampshire im Handumdrehen zur Unperson.

Foto: Paul Morigi / Getty Images for Glamour

First Lady Michelle Obama wird respektiert und bewundert. In Zeiten wie diesen weckt sie die Sehnsucht nach lange vergessenen Tugenden.

Washington.  Eleanor Roosevelt. Jackie Kennedy. Nancy Reagan. Amerika ist nicht erst seit gestern das Mutterland fabelhafter Frauen an der Seite wichtiger Männer. Aber niemand entfaltet so viel Strahlkraft wie Michelle Obama.

Die erste schwarze Powerfrau an der Seite des ersten schwarzen Präsidenten der Vereinigten Staaten hat sich in acht Jahren als „First Lady“ viel Bewunderung und Respekt erworben. Ihre von Intelligenz, tief wurzelndem Familiensinn, Warmherzigkeit und coolem Glamour geprägten Auftritte lassen das ganze Land aufhorchen. Gerade jetzt, im schmutzigsten und bizarrsten Präsidentschaftswahlkampf seit 50 Jahren, weckt die 52-Jährige die Sehnsucht nach dem, was verschüttet ist im Land der unbegrenzten Möglichkeiten:

Würde und Anstand.

Wutrede gegen Trump setzt neue Maßstäbe

Mit ihrer Brandrede am Donnerstag in New Hampshire gegen den alle Hemmungen fallen lassenden republikanischen Kandidaten Donald Trump (und damit für die ehemalige Rivalin ihres Mannes, die Demokratin Hillary Clinton) hat die gelernte Anwältin den Goldstandard für geschichtsträchtige Gardinenpredigten neu definiert.

Ihre Ansprache gegen den nicht ein einziges Mal namentlich erwähnten milliardenschweren Frauenverächter aus Queens gilt nach Überzeugung von US-Kommentatoren als die „wirkungsmächtigste Intervention des gesamten Wahlkampfes“.

Michelle Obama nahm Trump auseinander

Mit bebenden Lippen gestand Michelle Obama ihrem Publikum, dass sie das ominöse Sex-Talk-Video Trumps („Greif ihnen zwischen die Beine“) fast aus der Bahn geworfen hat. „Ich kann nicht aufhören, daran zu denken. Es hat mich im Innersten erschüttert, in einer Form, die ich nicht für möglich gehalten hätte.“ Einfach zur Tagesordnung überzugehen, war ihr unmöglich. „Das können wir nicht einfach unter den Teppich kehren, als wäre es nur eine neue verstörende Fußnote in einem traurigen Wahlkampf.“

Danach zerlegte sie den potenziellen Nachfolger ihres Mannes mit Worten, bis nichts mehr von dem 70-Jährigen übrig blieb. „Das war nicht nur Umkleidekabinen-Gerede. Da hat ein mächtiger Mann frei und offen über sexuell aggressives Verhalten gesprochen, hat tatsächlich damit geprahlt, Frauen zu betatschten und zu küssen, in einer so obszönen Sprache, dass viele von uns Angst hatten, die Kinder könnten sie hören, wenn sie den Fernseher einschalten.“

„Beleidigung für jeden anständigen Mann“

Michelle Obama nahm den pathologischen Beute-Blick des Immobilien-Moguls so persönlich, dass Zuschauerinnen später erklärten, ihnen seien die Tränen gekommen. „Das ist wie dieses kranke, erdrückende Gefühl, wenn du die Straße runtergehst, dich um deine eigenen Sachen kümmerst und irgendein Typ ruft dir Schweinereien über deine Figur hinterher.“

Allein die Vorstellung, in Trump einen solchen Mann im Weißen Haus zu haben, ruft bei Frau Obama Rebellion hervor. „Ich kann euch sagen, die Männer in meinem Leben reden nicht so über Frauen.“ Wenn „er“ (Trump) behaupte, sein Geschwätz sei geschlechtsübliches Verhalten, „ist das eine Beleidigung für jeden anständigen Mann“. Konsequenz mit Blick auf den 8. November: „Es reicht. Das muss aufhören – sofort.“ Der Wahlaufruf einer Frau macht Trump im Handumdrehen zur Unperson.

First Lady empfiehlt sich für Höheres

In Hunderten Einträgen in den sozialen Netzwerken wird die zweifache Mutter seither fast bekniet, ihre natürliche Autorität, mit der sie die moralische Empörung über Trump zum Ausdruck brachte, für höhere Ziele einzusetzen: nämlich eine eigene Bewerbung für das höchste Staatsamt. Wenn nicht schon 2020, dann spätestens 2024.

Woher kommt die fast grenzenlose Bewunderung (nur eingefleischte Trumpianer werden hier widersprechen) für eine Frau, die 2009 noch als „Lady mit den wütenden Augenbrauen“ bezeichnet wurde? Selbst das linksliberale Magazin „New Yorker“ bildete sie damals in einer Karikatur mit riesiger Afro-Frisur und einer Panzerfaust ab.

Michelle Obama lebt Prinzipientreue vor

Michelle Obama hat das Rollenverständnis der Ersten Dame des Staates durch hartnäckig vorgelebte Alltäglichkeit und Prinzipientreue revolutioniert.

Von Beginn an machte sie klar, dass ihre Aktivitäten für Mädchen an und für sich, für gesunde Ernährung, gutes Schulessen, für Sport und gegen Fettleibigkeit, für Bildungschancen, für Verlässlichkeit und Disziplin im Elternhaus keine geborgten Anhängsel waren. Sondern elementare Abfallprodukte ihres konservativ-bürgerlichen Verständnisses von Erziehung.

Selbst Konservative bewundern sie

Schon 2007, lange vor dem ersten Wahlkampf von Barack Obama, verriet die aus einfachen Arbeiter-Verhältnissen stammende Afro-Amerikanerin aus Chicago ihr Credo: „Wenn du dein eigenes Haus nicht in Ordnung hast, dann kannst du bestimmt nicht das Weiße Haus managen.“ Michelle Obama hat sich als fabelhafte, herzenskluge Managerin erwiesen.

Viele Konservative, die Barack Obama jede Schlechtigkeit vorwerfen, sehen mit neidischer Bewunderung, wie vorbildlich und skandalfrei sie ihre bei Amtsantritt noch kindlichen Töchter Sasha (heute 15) und Malia (18) durch das 365 Tage im Jahr unter dem Brennglas der Öffentlichkeit liegende Polit-Biotop Weißes Haus gebracht hat. „Mom in Chief“, der Titel passt bei ihr wie angegossen. Beliebtheitswerte in der Bevölkerung von über 70 Prozent, sie haben hier ihre Wurzeln.

Gemüsegarten, Abendroben, Carpool-Karaoke

Wer so viel Stabilität verkörpert und noch dazu im eigenen Gemüsegarten, in eleganten Abendroben von Jason Wu oder beim Carpool-Karaoke mit James Corden eine blendend sympathische Figur abgibt, dem hört man zu, wenn es hochpolitisch wird. Auf dem Demokraten-Parteitag in Philadelphia im Juli war es allein Michelle Obama zu verdanken, dass die verprellten Anhänger von Bernie Sanders nicht auf die Barrikaden gingen.

In wenigen sehr persönlichen Sätzen gab sie den Delegierten Zuversicht, dass nach Lage der Dinge Hillary Clinton die beste Option ist, um Amerika nicht einem Mann in die Hände fallen zu lassen, der sich nicht im Griff hat. Unausgesprochen stand ihre Frage im Raum: Würden Sie diesem Mann ihre Töchter anvertrauen?

Michelle ist Clintons beste Wahlkämpferin

Michelle Obamas Schlüsselsatz – „When they go low, we go high“ (etwa: Wenn die anderen sich nicht benehmen können, antworten wir mit Stil) – ist das inoffizielle Motto Clintons geworden, die sich auf der Zielgeraden keine tüchtigere Wahlkampfhelferin wünschen kann. „Michelle ist das beste Medium, durch das Leute in die unbeliebte Hillary Clinton Vertrauen fassen können, die 2008 und 2012 Obama gewählt haben“, sagte ein demokratischer Lobbyist dieser Redaktion.

Michelle Obama denkt bisher nicht daran, diese Begabung für eigene Zwecke einzusetzen. Die Liste ihrer offiziellen Statements, die eine eigene Präsidentschaftskandidatur (oder die für einen Senatsposten) ausschließen, ist lang. Sie hält Politik, wie sie in Washington zelebriert wird, für ein schmutziges Geschäft, das wie ein Vampir Lebenszeit absaugt, ohne genügend Ergebnisse zu produzieren.

Memoiren könnten 2017 erscheinen

Nach dem Ausscheiden aus dem Amt wird sie ihre jüngste Tochter Sasha in Washington durch die Highschool bringen und die Zivilgesellschaft weiter mit Initiativen behelligen, „die das Leben unserer Kinder besser machen“. Genaues wird man ihren Memoiren entnehmen können. Insider rechnen im Laufe des nächsten Jahres damit. Dass es ein millionenschwerer Bestseller wird, steht heute schon fest. Was danach kommt, ist offen.

Apropos Weißes Haus: 2024 wäre Michelle Obama gerade einmal 60 Jahre alt. Acht Jahre jünger als Hillary Clinton heute.