Teilhabe

Ärger bei Inklusionstagen: Kaum Behinderte auf den Podien

Inklusion bedeutet die gleichberechtigte Teilhabe behinderter Menschen am Leben in einer Gesellschaft. Bei den Inklusionstagen in Berlin sollte es darum gehen, wie das gelingen kann. (Archivbild)

Foto: Holger Hollemann / dpa

Inklusion bedeutet die gleichberechtigte Teilhabe behinderter Menschen am Leben in einer Gesellschaft. Bei den Inklusionstagen in Berlin sollte es darum gehen, wie das gelingen kann. (Archivbild)

Bei den Inklusionstagen soll es um Politik für Menschen mit Behinderungen gehen. Doch auf der Bühne sprachen fast nur Nichtbehinderte.

Berlin.  Vertreter von Verbänden sollten teilnehmen, Wissenschaftler, Abgesandte der Länder und Bundesressorts "und vor allem auch Menschen mit Behinderungen", heißt es in der Mitteilung, mit der das Bundesministerium für Arbeit und Soziales für die Inklusionstage wirbt. Ziel der Veranstaltung sollte es sein, sich darüber auszutauschen, wie das Recht auf Teilhabe verwirklicht werden kann. Doch es haperte offenbar schon an der Beteiligung auf der Veranstaltung.

"Ich verlasse unter lautem Protest die Inklusionstage, weil ich es leid bin, wie die Panel-Teilnehmenden Inklusion als Charity verklären. Inklusion und Teilhabe sind ein Menschenrecht!", schrieb der Aktivist Raul Krauthausen am Mittwoch auf Facebook. Außer der Behindertenbeauftragten der Bundesregierung, Verena Bentele, sei kein Selbstvertreter auf der Bühne gewesen. "Das ist ein Hohn. Und ein klarer Beweis, wie das Bundesministerium für Arbeit und Soziales 'beteiligt'", so Krauthausen weiter.

Keine Rückfragen aus dem Publikum erlaubt

Der Berliner, der an der "Glasknochen"-Krankheit leidet und deshalb selbst auf einen Rollstuhl angewiesen ist, empörte sich darüber, "dass die regierenden Politiker und Arbeitgeber auf Podien alleine definieren, was Inklusion ist und was (nicht) geht." Auch Rückfragen aus dem Publikum seien nicht gestattet gewesen.

Krauthausen erhielt für seinen Post viel Zustimmung. "Derartige Alibiveranstaltungen sind zum Ko ...", schrieb etwa Theresia Eckl-Seibel. "Nichtbehinderte treffen Entscheidungen für Behinderte, Inklusion wird zur Charity verunglimpft, Nichtbetroffene erklären Betroffenen ihre Lage." Bernd Jörka kommentierte: "Vielerorts ist Inklusion nur ein Feigenblatt für soziales Engagement, um sich mit gezielten Aktionen wieder einmal ins richtige Licht zu rücken."

Twitter-Nutzer sprechen von Exklusionstagen

Auch auf Twitter machten Nutzer ihrem Ärger Luft. Die gehörlose Bloggerin Julia Probst, die auf ihrem Account @EinAugenschmaus Fußballspielern und -trainern von den Lippen abliest, schrieb: "So krass: Bei den Inklusionstagen sind Rückfragen aus dem Publikum nicht gestattet. Die wollen im eigenen Saft schmoren. #Exklusionstage"

Ein Nutzer antwortete ihr: "Habe nichts anderes erwartet. Inklusionstage ohne uns, über uns – wie immer." Und ein weiterer fragte sich: "Könnten die Fragen das Podium 'verunsichern'?"

Ministerium hält Vorwürfe für nicht haltbar

Das Ministerium für Arbeit und Soziales wies den Vorwurf zurück, dass Betroffene nicht ausreichend auf dem Podium vertreten gewesen seien. "Am Ende der Podiumsdiskussion meldete sich Herr Krauthausen durchaus lautstark zu Wort und wollte eine eigene Stellungnahme zum BTHG abgeben", sagte ein Sprecher unserer Redaktion. "Die Moderatorin ließ eine solche ausführliche persönliche Stellungnahme jedoch mit Blick auf den engen Zeitrahmen, die zuvor zum Thema bereits erfolgte Diskussion und die anschließenden Workshops nicht zu."

Krauthausen habe in der Vergangenheit zudem wiederholt Gelegenheit gehabt, seine Positionen in persönlichen Gesprächen mit der zuständigen Staatssekretärin und der Ministerin selbst zu äußern.

© Hamburger Abendblatt 2017 – Alle Rechte vorbehalten.