US-Wahlkampf

Clinton: Lungenentzündung und Lügengeschichten

US-Präsidentschaftskandidatin Hillary Clinton bei der Gedenkzeremonie für die Opfer des Terrors in New York: Wenig später erlitt sie einen Schwächeanfall.

US-Präsidentschaftskandidatin Hillary Clinton bei der Gedenkzeremonie für die Opfer des Terrors in New York: Wenig später erlitt sie einen Schwächeanfall.

Foto: BRIAN SNYDER / REUTERS

Hillary Clinton erleidet einen Schwächeanfall und hat eine Lungenentzündung: Die Situation kann den US-Wahlkampf auf den Kopf stellen.

Washington.  Wenn Donald Trumps Strippenzieher clever sind, werden sie dem New Yorker Milliardär in der ersten Fernseh-Debatte der Präsidentschaftskandidaten am 26. September genau diesen Einstieg empfehlen. Hillary Clinton wäre von Beginn an in der Defensive.

Seit ihrem Schwächeanfall am Sonntag bei der Gedenkfeier für die Terroranschläge vom 11. September 2001 ist die Krankenakte der Demokratin ganz nach vorn auf die Tagesordnung gerückt. Manche Republikaner fiebern bereits voreilig einem Trump-Sieg entgegen.

Gemach.

Undurchsichtige Informationspolitik im Clinton-Lager

Der Vorfall an sich, so der Tenor vieler US-Kommentatoren, war „keine Katastrophe“. Auch wenn die verwackelten Handy-Bilder von einer hilflos strauchelnden Clinton, der die Beine wegknicken, bevor sie von Mitarbeitern in ein Auto bugsiert wird, kein Beleg für die „unverwüstliche Vitalität“ sind, die Amerikaner sich von ihre Staatsoberhaupt wünschen.

Zur Affäre wurde der Vorgang erst durch die undurchsichtige Informationspolitik ihres Teams. Stundenlang wurde geschwiegen. Dann kam Leibärztin Lisa Bardack mit dem Bulletin, das wie eine Bombe einschlug: Clinton hatte demnach bereits seit Freitag eine Lungenentzündung. Sie wurde mit Antibiotika behandelt und hatte bei der Trauerfeier, von der man ihr vorher abriet, unter Hitze und Wassermangel gelitten.

„Der Kollaps“, sagen Ärzte, „war programmiert.“ Eine Wahlkampfreise nach Kalifornien sagte Clinton ab. Wann sie wieder ins kräftezehrende Geschehen eingreift, ist offen. Am Montagnachmittag meldete sie sich noch mal via Twitter. „Ich fühle mich gut und es wird besser“, schrieb sie bei dem Kurznachrichtendienst.

Heftiger Rückschlag für Clinton

Zwei Monate vor dem Wahltag ist die Diagnose und der Umgang damit für Clinton ein heftiger Rückschlag. Über Wochen hatte ihr Widersacher Donald Trump der bald 69-Jährigen die „körperliche und geistige Gesundheit“ abgesprochen, um das höchste Staatsamt auszufüllen.

Der Republikaner, im Falle eines Sieges selbst schon 70 Jahre alt, machte sich dabei Spekulationen zu eigen, die im Internet kreisen. Danach soll Clinton einen schweren Sturz vor vier Jahren, der sie als Außenministerin mit einer Gehirnerschütterung samt Blutgerinnsel im Kopf wochenlang aus dem Verkehr gezogen war, nie richtig überstanden haben.

Clinton bemühte sich, den Spieß umzudrehen

Trumps Büchsenspanner dichteten ihr sogar eingeschränktes Sprachvermögen an. Clinton widersprach der „üblen Nachrede“ vehement, bemühte sich zuletzt besonders um kraftvolles Auftreten. In einer Fernsehshow öffnete sie wie zum Beweis ein fest zugeschraubtes Gurkenglas. Und drehte den Spieß kurzerhand um.

Trump, durch rhetorische Fehltritte einschlägig beleumundet, sei mental und psychisch vollkommen ungeeignet für den Job im Weißen Haus, sagte sie. Ein von Trumps Hausarzt Harold Bornstein vorgelegtes Bulletin über den Bau-Unternehmer (Tenor: nie getrunken! nie geraucht! fit wie Turnschuh!) wies Clinton ins Reich der schlecht erzählten Märchen.

Krankheiten von US-Präsidenten verheimlicht

Dorthin, wo traditionell – aber ganz in echt – viele Geschichten um den oft geschönten Zustand amerikanischer Präsidenten spielen. 1919 verschwieg man den Bürgern, dass Woodrow Wilson nach einem Schlaganfall geistig schwer behindert und amtsunfähig war. Ehefrau Edith übernahm de facto die Regie.

1960 verheimlichte die Leibärztin von John F. Kennedy, dass der Politstar an der Nebennieren-Erkrankung Morbus Addison litt. Am raffiniertesten wurde die Fiktion eines gesunden Staatschefs im Fall von Franklin Roosevelt am Leben erhalten. Während seiner zwölfjährigen Amtszeit unterdrückten er und seine Berater die Tatsche, dass der an Kinderlähmung erkrankte Politiker nie ohne stählerne Beinstützen gehen konnte.

Bush I übergab sich in den Schoß des japanischen Premiers

Kein Staatsgeheimnis war dagegen die Tragik, der 1841 Präsident William Henry Harrison zum Opfer fiel. Mit 68 Jahren wollte er vor seinen Anhängern den starken Mann markieren. Bei der Amtseinführung, traditionell im Januar, verzichtete er auf warme Kleidung, erkältete sich bei seiner Rede im Freien und starb drei Wochen später.

Historiker bemühten sich am Montag, die Causa Clinton entschieden tiefer zu hängen. Als Vergleich sei eher „die Peinlichkeit zulässig“, die George Bush I 1992 in Japan widerfuhr, hieß es in Washingtoner Denkfabriken. Beim Staatsbankett musste sich der an einer Magen-Darm-Grippe erkrankte Republikaner damals übergeben. Ausgerechnet in den Schoß des japanischen Premierministers Miyazawa.

Konsequenzen sind noch nicht absehbar

Im Fall Clinton sind die Konsequenzen der „Akte Pneumonie“ noch nicht überschaubar, weil sie in ein vertrautes Muster fällt: Die Wahrheit kam spät und in der Dosierung dünn geschnittener Salamischeiben daher. Ähnlich wie in der E-Mail-Affäre, in der seit Monaten Clintons Integrität als verantwortungsvolle Politikerin auf dem Prüfstand steht.

„Das amerikanische Volk tagelang über eine ernst zu nehmende Erkrankung im Dunkeln zu lassen“, sagte ein Kommentar des rechtskonservativen TV-Senders Fox News, „zeugt nicht von Weitsicht.“ Aber: Selbst Fox News rechnet nicht mit einem krankheitsbedingten Rückzug Clintons.

Es wäre ein nie dagewesener Fall, der die Demokraten vor die Aufgabe stellen würde, bis zum 8. November eine Alternative aufzutreiben. In Betracht kämen Vize-Präsidentschaftskandidat Tim Kaine (58) und der jetzige Vize Joe Biden.

Geben Kandidaten jetzt umfassend Auskunft über Gesundheit?

Für beide amtierenden Präsidentschafts-Kandidaten, so konstatierte Obamas ehemaliger Hausarzt David Scheiner, führt nach Clintons Ausrutscher nun kein Weg mehr daran vorbei, „endlich umfassend“ darüber Auskunft zu geben, wie es wirklich um sie steht. Scheiner erinnert sich noch gut an den 1000-seitigen Rapport, mit dem Obamas Widersacher John McCain 2008 „vollständige Transparenz“ herstellen wollte.

So viel wird es bei Donald Trump nicht werden. Allerdings will der Milliardär in den nächsten Tagen viele Details über seine jüngste Untersuchung öffentlich machen. „Ich bin sehr gesund.“ Für seine angeschlagene Rivalin hatte er gestern auffallend höfliche Worte parat: „Ich hoffe, dass es ihr bald besser geht.“ Trump hat die erste TV-Debatte im Sinn. „Wie geht’s Dir? Alles wieder in Ordnung?“.