Gesundheitspolitik

In spezialisierten Kliniken gibt es weniger Todesfälle

Die Spezialisierung der Krankenhäuser sei sinnvoll, so das Ergebnis einer Bertelsmann-Studie.

Die Spezialisierung der Krankenhäuser sei sinnvoll, so das Ergebnis einer Bertelsmann-Studie.

Foto: imago stock / imago/Westend61

Kurze Wege retten Leben. In der Debatte um Klinikschließungen geht es also um mehr als Arbeitsplätze. Eine Studie gibt nun Entwarnung.

Berlin.  Elf Minuten brauchen die Deutschen im Durchschnitt, um das nächste Krankenhaus zu erreichen. In Großstädten geht es oft deutlich schneller – auf dem Land dauert es häufig länger, bei einem Prozent der Bundesbürger sogar mehr als eine halbe Stunde, etwa auf Usedom oder in manchen Regionen von Mecklenburg. Kurze Fahrtzeiten können lebensrettend sein – in der Debatte um Klinikschließungen geht es daher auch immer um die Frage, ob die Wege nicht zu lang werden. Experten der Krankenkassen und der Bertelsmann Stiftung bemühen sich jetzt um Entwarnung: Klinikschließungen oder die Bündelung von Angeboten bedeuteten in vielen Fällen nur um wenige Minuten längere Anfahrtswege. Die Versorgung dagegen werde besser – durch größere Fallzahlen bei Operationen und die Stärkung der medizinischen Qualität.

Fünf Minuten länger fahren, aber besser operiert werden

Beispiel Hüftoperation: In Deutschland könnten jedes Jahr 140 Todesfälle bei diesen Eingriffen vermieden werden, wenn die OPs ausschließlich in Häusern durchgeführt würden, die mit mehr als 176 Fällen pro Jahr über eine große Erfahrung verfügen. Tatsächlich aber, so zeigt die neue Bertelsmann-Studie, wurden 2014 in mehr als 300 Kliniken Hüften operiert, obwohl dort weniger als 50 Fälle pro Jahr behandelt wurden. Auch bei Prostata-Operationen seien die Fallzahlen in etlichen Häusern gefährlich gering, heißt es in der Studie. Schlechte Abteilungen zu schließen und gute zu stärken – das würde die Behandlungsqualität verbessern, so das Fazit.

Die Sorge, dass mit der Bündelung von medizinischen Angeboten gleichzeitig auch die Anfahrtswege deutlich länger werden, sei unbegründet: Die Berechnungen zeigten, dass sich für die meisten die durchschnittliche Fahrzeit nur um zwei bis fünf Minuten verlängert. Eine große und spezialisierte Fachabteilung für Hüftgelenksimplantationen wäre für die meisten Deutschen in elf statt bisher neun Minuten zu erreichen. Bei einer Prostata-Entfernung würde die Fahrzeit zu einer spezialisierten Klinik durchschnittlich 20 statt bisher 15 Minuten betragen. „Den Patienten sollte eine bessere Versorgung fünf Minuten mehr Fahrtzeit wert sein“, sagt Klinikexperte Jan Böcken von der Bertelsmann Stiftung.

Zum Vergleich wird gerne Dänemark herangezogen

Im Zuge der Krankenhausreform der Bundesregierung soll die Qualität der insgesamt rund 2000 deutschen Kliniken besser werden. Erreicht werden kann das nur durch den Abbau von Überkapazitäten, Spezialisierung oder Umwidmung – da sind sich die meisten Experten einig. Doch vor Ort wird um jedes Haus gestritten. Es geht um Arbeitsplätze, Marktanteile, Standortfragen. Um den Druck auf die Länder und die Krankenhausträger zu erhöhen, zeigen die Experten beim Spitzenverband der Kassen gerne die Karte mit den Daten von Dänemark: 43.000 Quadratkilometer, gut sechs Millionen Einwohner, 40 Krankenhäuser.

Niedersachsen ist etwa genauso groß, hat gut acht Millionen Einwohner und 170 Krankenhäuser. Der Vergleich lässt sich auch mit den Niederlanden und Nordrhein-Westfalen anstellen – ähnliche Größe, ähnliche Einwohnerzahl. Die Holländer haben 132 Krankenhäuser, in NRW dagegen gibt es mehr als 400 Kliniken. Viele Patienten aber interessieren sich nicht für die Wirtschaftlichkeit des Systems, sie treiben ganz praktische Sorgen um: Sie wollen die Wahl haben, in welches Haus sie gehen, und sie wollen nicht weit fahren.

Kassen: Mehrere Hundert Kliniken sind überflüssig

Um zu zeigen, wie sich die Fahrtzeiten im Fall jedes einzelnen der 1138 deutschen Krankenhäuser mit Grundversorgung bei einer Schließung verändern würden, hat der Spitzenverband der gesetzlichen Kassen (GKV) am Donnerstag einen Simulator veröffentlicht. Das Ergebnis: „Schaut man nur auf zumutbare Fahrzeiten, könnten mehrere Hundert Krankenhäuser geschlossen werden“, sagt GKV-Krankenhausexperte Wulf-Dietrich Leber. Zumutbar – das heißt hier: Die Deutschen sollen innerhalb von 30 Minuten ein Krankenhaus erreichen, das mindestens eine Abteilung für Innere Medizin und eine für Allgemeine Chirurgie hat.

Die Hälfte der Deutschen hat zehn oder mehr Krankenhäuser innerhalb einer halben Stunde. Würde man eines der vielen Häuser in Berlin, Hamburg oder im Ruhrgebiet schließen, änderte sich der Fahraufwand für die Patienten praktisch nicht. Sollten dagegen etwa die Kliniken im Brandenburgischen Neuruppin schließen, müssten der Simulation zufolge die Menschen im Schnitt 20 Minuten mehr in Kauf nehmen, um zur nächsten Klinik zu kommen.

Bundesweit 66 Kliniken seien nach Auswertung der Simulation so wichtig für die regionale Nahversorgung, dass sie in jedem Fall erhalten werden müssten – auch wenn sie aktuell nicht wirtschaftlich arbeiten würden, hieß es gestern beim GKV-Spitzenverband. Für die Kliniken würde das bedeuten: Sie könnten künftig von staatlichen Sicherstellungszuschlägen profitieren. Bis Ende des Jahres soll feststehen, welche Kliniken an den staatlichen Tropf dürfen.